Darfur-Rebellen greifen Sudans Hauptstadt an

Die Lage in der Krisenregion spitzt sich erneut zu – Vereinte Nationen sprechen inzwischen von 300 000 Toten – Regime in Khartoum unter Druck?

Ein mörderischer Bürgerkrieg tobt seit fünf Jahren im Sudan, von der Weltöffentlichkeit weitestgehend ignoriert angesichts immer neuer Katastrophenmeldungen aus anderen Teilen der Welt. Auch scheint sich die internationale Gemeinschaft an die Unausweichlichkeit in der Krisenregion Darfur gewöhnt zu haben, die Hilfsappelle der internationalen Organisationen verhallen eher ungehört. Und auch die Aufrufe der Kirche im In- und Ausland sorgen nicht mehr für Schlagzeilen.

„Angriff auf das Herz der Macht markiert militärische Wende“

So sah sich Papst Benedikt XVI. Ende April genötigt, sein Amt in die Waagschale zu werfen und an den Sudan zu erinnern: „Darfur bleibt trotz einiger momentaner Erleichterungen eine Tragödie ohne Ende für hunderttausende schutzlose und von allen aufgegebene Menschen“, sagte er bei seinem sonntäglichen Mittagsgebet.

Die „momentane Erleichterung“, von der der Papst sprach, ist allerdings inzwischen von einer neuen Zuspitzung der Lage abgelöst worden. Erstmals gelang es einer der zahlreichen Rebellengruppen, bis in die Randbereiche der sudanesischen Hauptstadt Khartoum vorzurücken. Eine auf mehrere hundert Mann geschätzte Truppe der „Bewegung für Gleichheit und Gerechtigkeit“ (JEM) lieferte sich am vergangenen Wochenende zweitägige Kämpfe mit Regierungssoldaten. „In dem seit 2003 währenden Darfur-Konflikt, der sich bislang in einer vor den Medien versteckten und weitgehend entvölkerten Halbwüste abspielt, markiert der Angriff auf das Herz der Macht eine militärische Wende. Erstmals wird die Regierung in ihrer eigenen Bastion bedroht“, kommentiert ein politischer Beobachter die Situation.

Fast euphorisch feierten die JEM-Anhänger ihren Erfolg. „Die Regierung steht unter einem geistigen Schock“, verkündete Rebellensprecher Achmed Hussein. Einen Schritt weiter ging Rebellenführer Khalil Ibrahim mit seinen vollmundigen Worten: „Dies ist erst der Anfang, das Ziel ist die Auslöschung des Regimes.“

Unklar ist nach wie vor, warum es dem vergleichsweise kleinen Rebellen-Trupp gelang, so nah an die Hauptstadt heranzukommen. Dazu heißt es in Khartoum, die Regierung um den sudanesischen Präsidenten Omar Hassan el Baschir sei nicht mehr geeint, es gebe Kräfte, die die Rebellen unterstützten. Baschir selbst, der sich zur Zeit des Angriffs im saudi-arabischen Medina auf einer Wallfahrt zum Grab des Propheten Mohammed befand, kehrte eiligst zurück, machte umgehend das Nachbarland Tschad für den Erfolg der JEM verantwortlich und brach am Montag die diplomatischen Beziehungen zu N'Djamena ab. Rebellenführer Ibrahim sei „ein Agent des tschadischen Regimes“, erklärte Baschir weiter.

Die Regierung des Tschad wies die Anschuldigungen empört zurück. Kommunikationsminister Mahamat Hissene sagte, er hoffe, dass die beiden Länder weiter „freundschaftliche und brüderliche Beziehungen“ pflegen könnten. Gleichzeitig warf der Tschad dem Sudan erneut vor, Rebellen zu unterstützen, die gegen die Regierung in N'Djamena kämpfen. Dabei hatten die Staatspräsidenten erst im März vereinbart, die Aktivitäten der Rebellen im Grenzgebiet strikt unterbinden zu wollen.

Unterdessen sterben die Menschen in dem Krisengebiet weiter. Nachdem die Vereinten Nationen in der Vergangenheit von rund 200 000 Toten gesprochen hatten, gehen deren neueste Schätzungen von 300 000 Opfern aus. Diese Zahl nannte der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe, John Holmes, vor dem Welt-Sicherheitsrat. Gleichzeitig kritisierte Holmes, dass die internationale Gemeinschaft nach wie vor „nicht willens oder nicht fähig“ sei, die Gewalt zu stoppen. „Frieden in Darfur scheint weiter entfernt zu sein als jemals zuvor“, betonte der UN-Mitarbeiter und wies auf das Schicksal der knapp drei Millionen Flüchtlinge hin, die vor den Kämpfen geflohen seien. Die meisten von ihnen lebten in erbärmlichen Lagern, wo sie wegen der explodierenden Lebensmittelpreise kaum noch ausreichend versorgt werden könnten, erläuterte Holmes. Das Welternährungsprogramm habe zunehmend Schwierigkeiten, ausreichend Nahrungsmittel zu besorgen. Zudem würden immer wieder WFP-Konvois von Banditen überfallen und ausgeraubt.

Bei der Sitzung des Welt-Sicherheitsrates wurde auch wiederum China eine große Mitschuld an dem Bürgerkrieg im Sudan zugesprochen. Peking bezieht große Mengen Öl aus dem afrikanischen Staat und verhindert deshalb nach Meinung westlicher Diplomaten eine härtere Gangart des Welt-Sicherheitsrats gegen Khartoum.

Scharfe Töne hingegen schlägt derzeit die amerikanische Schauspielerin Mia Farrow an. Beim Olympischen Fackellauf in Hongkong sagte die 63-Jährige, ihre Kampagne zur Beendigung der Gewalt in Darfur sei die „wichtigste Aufgabe“ in ihrem Leben. „Es hat alles in meinem Leben in den Hintergrund gedrängt, außer meinen Kindern“, fügte Farrow hinzu. Sie werde auch während der Olympischen Spiele ihren ganzen Einfluss geltend machen, um für die Menschen im Sudan zu kämpfen. „Ob es klappt oder nicht – ich weiß jedenfalls, das ist meine größte Herausforderung“, sagte die Schauspielerin.

China gerät in dem Konflikt unter Rechtfertigungsdruck

Dass China zunehmend in einen Rechtfertigungsdruck gerät, beweist eine entsprechende Äußerung des chinesischen Botschafters in Norwegen, Gao Jian. Bei einer Konferenz über die Darfur-Frage in der Hauptstadt Oslo sagte der Diplomat in der vergangenen Woche, China sei bereit, mit allen beteiligten Seiten den Austausch zu intensivieren. Dadurch solle in „machbaren Bereichen“ die notwendige Hilfe und Unterstützung zur Lösung der Darfur-Frage geleistet werden, erklärte Gao und wies darauf hin, dass seine Worte im Namen des chinesischen Außenministers Yang Jiechi gesprochen seien. Weiter erklärte der Diplomat, China habe bislang humanitäre Hilfen in Höhe von umgerechnet 7,4 Millionen Euro gewährt.

Eine finanzielle Hilfszusage machte auch der EU-Kommissar für Entwicklung und humanitäre Hilfe, Louis Michel, auf der Konferenz. Die Europäische Kommission werde dem Sudan in den kommenden fünf Jahren Entwicklungshilfe in Höhe von 300 Millionen Euro bereitstellen, um die Umsetzung des Abkommens „Comprehensive Peace Agreement“ (CPA) zu unterstützen. Weitergehende Beschlüsse im Blick etwa auf Sanktionen gegen Khartoum wurden auch bei dieser Darfur-Konferenz nicht gefasst. Und so wird das Leiden und Sterben im Sudan ungehindert weitergehen, während die Regierungsverantwortlichen Millionensummen auf die Seite bringen.

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