Zagreb/Belgrad

Corona in Südosteuropa: Demografische Immunschwäche

Die Corona-Krise macht die Probleme der Länder Südosteuropas schmerzlich spürbar.
Serbiens Präsident Aleksandar Vucic und Chinas
Foto: Wang Zhao / Pool (AFP POOL) | Ziemlich beste Freunde: Serbiens Präsident Aleksandar Vucic (links) nimmt Unterstützung aus Peking wie aus Brüssel entgegen, Chinas Präsident Xi Jinping nimmt Dankadressen und Huldigungen gerne auch aus Serbien an.

Es waren ungewöhnliche Ostern, die die orthodoxen Christen am vergangenen Sonntag nach dem Julianischen Kalender feierten. In Serbien schmetterte Präsident Aleksandar Vucic nicht nur die Bitten des Patriarchen und der Bischöfe ab, die Ausgangssperre am Ostersonntagvormittag zu lockern. Vor manchen Kirchen standen Polizeiautos mit Blaulicht, um Gläubige vom Betreten der Gotteshäuser abzuhalten. In Rumänien waren öffentliche Gottesdienste ebenso untersagt wie in Zypern und Griechenland. Hier zelebrierten Bischöfe und Popen hinter verschlossenen Türen; das Fernsehen übertrug die Osterliturgie.

In Bulgarien hatte die Orthodoxie ihre Gläubigen aufgerufen, Ostern zu Hause zu feiern, doch blieben die Kirchen geöffnet, nachdem Regierungschef Bojko Borissow erklärt hatte, der Kirchgang zu Ostern sei für Christen lebenswichtig. In der Ukraine verständigten sich die Religionsgemeinschaften mit der Regierung auf einen Kompromiss, der gleichermaßen für die christlichen Osterfeiern, das jüdische Pessach und den muslimischen Ramadan gilt: Bis zu zehn Gläubige wurden pro Feier erlaubt, mit Schutzmasken für die Gläubigen.

Die Balkan-Länder haben erstaunlich wenige Corona-Tote

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So ungewöhnlich und zugleich vielfältig wie die Regelungen zu Ostern präsentiert sich auch die epidemiologische, die medizinische und die politische Lage in Südosteuropa. Angesichts der dramatischen Todesraten in Italien, Spanien und Belgien haben die „balkanischen“ Länder erstaunlich wenige Corona-Tote: In Serbien sind es etwa 14 pro einer Million Einwohner, in Bosnien-Herzegowina 15, in Kroatien elf.

Albanien flog Ende März sogar 30 albanische Ärzte nach Italien, um im schwer betroffenen Bergamo medizinisch zu helfen. In Kroatien, wo man heuer beim Wirtschaftsfaktor Nummer Eins, nämlich im Tourismus, mit Einbußen von bis zu 75 Prozent rechnet, machte die Regierung umgerechnet sechs Millionen Euro locker, um das Nachbarland Bosnien-Herzegowina mit medizinischem Material und Schutzausrüstungen zu unterstützen.

Trotz bislang niedriger Infektions- und Todesraten ist die medizinische Lage fragil. Im Kosovo etwa gibt es keine allgemeine Krankenversicherung; Krankenhaus-Ärzte können von ihrem Gehalt nicht leben und brauchen Nebeneinkünfte; Patienten bringen ins Krankenhaus die eigene Bettwäsche mit und werden von Angehörigen ernährt. Hier wie in den Nachbarländern fehlt es an Schutzausrüstung, Desinfektionsmitteln und Medikamenten.

Im Kosovo dürfen Einwohner ihre Wohnung nur 90 Minuten am Tag verlassen, um wichtige Besorgungen zu erledigen. Für viele ist das der Weg in die Verarmung. In vielen Ländern treibt die Überforderung des Gesundheitssystems skurrile Blüten. So wollte Bulgariens Gesundheitsminister das Tragen von Schutzmasken anordnen, obwohl es davon nie genügend gab. In Serbien verbot die Regierung den Gesundheitseinrichtungen und Gebietskörperschaften, medizinische Auskünfte zu geben. Alle Information wird nun vom Krisenstab um Regierungschefin Ana Brnabic gesteuert. Präsident Vucic wurde in China zum TV-Helden, weil er angesichts einer chinesischen Hilfslieferung fernsehgerecht eine chinesische Fahne küsste. Dass Vucic in diesem Kontext die viel beschworene europäische Solidarität als Illusion bezeichnete, ist nur ein Indiz für die propagandistische Verzerrung, die mit Corona an Schwung gewonnen hat.

Viele Balkan-Staaten rinnen demografisch aus

Die Europäische Union ist nicht nur seit Jahren der größte Investor in Serbien. Sie hat das Land aktuell im Kampf gegen die Corona-Pandemie mit 130 Tonnen medizinischen Materials, 15 Millionen Euro für den Gesundheitssektor und 78,4 Millionen Euro an sozialer und ökonomischer Hilfeleistung unterstützt. Finanzielle Hilfe kommt aus Brüssel auch für Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Albanien, Mazedonien und Kosovo: Insgesamt 38 Millionen Euro für Schutzausrüstungen und medizinische Ausstattung sowie 374 Millionen Euro für die wirtschaftliche und soziale Stabilisierung dieser Staaten, die allesamt (noch) nicht der EU angehören.

Dennoch kursieren in Serbien wie in Mazedonien Gerüchte über atemberaubende Hilfen aus China und Russland, während die EU in Misskredit gebracht wird. In Belgrad mag das auch damit zu tun haben, dass Präsident Vucics immer autoritärerer Führungsstil in Brüssel auf Widerspruch stößt, nicht aber in Moskau und Peking.

Alle Staaten Südosteuropas sind von der Corona-Pandemie betroffen und haben mit harten Maßnahmen reagiert. Bei vielen von ihnen leidet das unterfinanzierte Gesundheitssystem zudem an einer seit Jahren anschwellenden Abwanderung von Ärzten und Pflegekräften. Serbiens Präsident warnte vor einigen Wochen die riesige serbische Emigration sogar unter Androhung harter Strafen davor, über Ostern in die Heimat zu kommen. Gleichzeitig appellierte er an die rund 10 000 serbischen Ärzte im Ausland, die Heimat jetzt „mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung“ zu unterstützen. Nur wenige folgten dem patriotischen Hilferuf des Staatschefs.

Der EU-Beitritt eröffnet nicht ausreichend Perspektiven

Es ist nicht nur die chronische Vernachlässigung des Gesundheitssektors, die serbische Ärzte nach Westen auswandern ließ. Die staatlich geduldete oder gar geförderte Korruption, die gewaltigen Einkommensunterschiede und die Perspektivlosigkeit in der Heimat führte dazu, dass 336.000 Serben in den vergangenen elf Jahren ihr Land verließen; etwa Tausend waren es zuletzt pro Woche. Laut einer Umfrage der Vereinten Nationen vom Sommer 2019 wollten 60 Prozent der jungen Menschen Bosniens ihre Heimat verlassen. Das Land verliert jedes Jahr ein halbes Prozent seiner Einwohner. Allein in Deutschland arbeiten mehr als 50.000 Südosteuropäer im Gesundheitswesen, die meisten von ihnen stammen aus Bosnien, Serbien und dem Kosovo.

Es wäre allerdings eine Illusion, anzunehmen, dass der EU-Beitritt alleine ausreichend Perspektiven eröffnet, um die massenhafte Emigration der Gebildeten und Fleißigen zu bremsen. So trat Rumänien im Jahr 2007 der EU bei, dennoch hatten bis 2015 bereits 14 000 Ärzte und mehr als 35 000 Krankenschwestern ihr Land verlassen. Während Millionen überwiegend junger und ausgebildeter Rumänen nach Großbritannien, nach Italien und in andere EU-Staaten ausgewandert sind, rinnt das Land demografisch aus: Seit 1990 ist die Einwohnerzahl Rumäniens von 23,5 auf 19 Millionen geschrumpft. Internationale Schätzungen gehen davon aus, dass 2060 nur mehr knapp 14 Millionen Rumänen in ihrer Heimat leben werden.

Einen ähnlichen Trend verzeichnet Bulgarien, ebenfalls EU-Mitglied seit 2007: Auch hier verlassen etwa tausend Bürger jede Woche die Heimat, um ihr Glück im Westen zu suchen. Seit dem Fall der kommunistischen Tyrannei vor drei Jahrzehnten hat Bulgarien mehr als 20 Prozent seiner Bevölkerung verloren, insbesondere die Jugend. Nicht besser steht es um Kroatien, das erst 2013 der EU beitrat, wirtschaftlich dynamischer ist als Rumänien und Bulgarien, und dennoch seine Jugend verliert.

Zum Spargelstechen und Pflegen eingeflogen

Mit dem Coronavirus und dem Maßnahmen-Management der Regierungen hat das auf mehrfache Weise zu tun: Zum einen, weil ein Gutteil der Pflegekräfte und der Erntehelfer in Deutschland und Österreich aus den Ländern Osteuropas beziehungsweise Südosteuropas stammt. Viele von ihnen würden jetzt hier wie da gebraucht.

Ein Beispiel: Rumänien erließ angesichts der Corona-Krise eine Notstandsverordnung, die verfügte, dass medizinisches und soziales Fachpersonal das Land nicht mehr verlassen darf. Weil jedoch in Österreich die häusliche 24-Stunden-Pflege ohne Pflegekräfte aus Rumänien, der Slowakei, Slowenien, Ungarn, Tschechien und Bulgarien kollabieren würde, ließ Wien hunderte Altenpflegerinnen aus Rumänien mit Sondermaschinen einfliegen.

In Deutschland ist nicht nur der Bedarf an ausländischen Pflegekräften, sondern auch an zehntausenden Erntehelfern in der Debatte. Anfang April brachten Charterflüge tausende Rumänen zum Spargelstechen von Cluj (Klausenburg) nach Karlsruhe, Düsseldorf, Hamburg und Berlin. Bisher konnten sich die Staaten Ost- und Südosteuropas zumindest teilweise damit trösten, dass die in Deutschland, Österreich, der Schweiz oder Großbritannien arbeitenden Arbeitsmigranten viel Geld für ihre Eltern wie für ihre Kinder nach Hause senden. Damit wurden die Schwächen der dortigen Sozialsysteme aber stets nur oberflächlich kaschiert. Nun wird immer schmerzlicher spürbar, dass die Abwanderung gerade der Jungen, Kreativen, Leistungsbereiten und Gebildeten eine Lücke gerissen hat, die mit Geld alleine nicht zu füllen ist.

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