Christian Lindner: Der Liberalen letzte Hoffnung

Wessen Geistes Kind ist der neue Shooting-Star der FDP? – Ein Porträt. Von Michael Gregory
Foto: dpa | Noch ein Narr? Christian Lindner, hier bei der Vorstellung als Karnevalsordensritter „Wider den tierischen Ernst“, soll die FDP zurück in den Bundestag führen.
Foto: dpa | Noch ein Narr? Christian Lindner, hier bei der Vorstellung als Karnevalsordensritter „Wider den tierischen Ernst“, soll die FDP zurück in den Bundestag führen.

Der praktizierende Katholik Philipp Rösler aus Hannover tritt ab, richten soll es jetzt der konfessionslose Rheinländer Christian Lindner. Mit vielen Vorschusslorbeeren wird der designierte neue Bundesvorsitzende der FDP derzeit bedacht. Kein kritisches Wort, kein Murren darüber, dass nach Rösler wieder ein FDP-Youngster die Karre aus dem Dreck ziehen soll. Es scheint so, als sei der 34-Jährige die allerletzte Hoffnung seiner darbenden Partei. Und es stimmt ja: Lindner, bislang FDP-Vorsitzender in NRW und Chef der Landtagsfraktion, ist ein sprachgewandter, unterhaltsamer Redner, er ist klug, auch wenn er in der Rolle des liberalen Intellektuellen vielleicht manchmal überschätzt wird, und er hat einen guten Draht zu den Medien. All das zeichnet ihn aus. Doch eines hat Christian Lindner gewiss nicht: Besonderes Wissen über, Einfühlungsvermögen in und Verständnis für die Belange der Kirchen in Deutschland – was womöglich der größte Unterschied zu seinem noch amtierenden Vorgänger Rösler ist.

Nun könnte man sagen, dass Kirchenferne bei den Liberalen quasi zum guten Ton gehört. Doch Lindners Distanz scheint besonders groß zu sein. Nicht nur gläubigen Christen dürfte sein Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 10. Oktober 2010 in Erinnerung sein, in dem er für eine „republikanische Identität“ in Deutschland warb. Die Welt, so Lindner, sei geordnet durch weltliche Gesetze, nicht aber durch religiöse Gebote. Die damalige Debatte um eine christlich-jüdische Leitkultur in Deutschland sei ihm Anlass zu dieser Stellungnahme gewesen, erklärte er später.

Schon Lindners Wortwahl lässt vermuten, dass es für ihn in Wahrheit um mehr ging, als nur liberale Positionen kundzutun. Was etwa ist mit „religiöse Gebote“ gemeint? Niemand hatte damals von kirchlichen Geboten gesprochen, die als allgemeingültiger Maßstab fürs gesellschaftliche Miteinander in Deutschland gelten müssten. Niemand hatte gefordert, von der verfassungsmäßig vorgegebenen Trennung zwischen Staat und Kirche abzuweichen. Niemand wollte aus Deutschland einen Kirchenstaat machen, so wie Lindner es suggeriert. Gewiss, Männer wie Friedrich Merz, Norbert Lammert oder der damalige Integrationsminister Nordrhein-Westfalens, Armin Laschet, hatten in der integrationspolitischen Debatte jener Tage von einer Besinnung auf gemeinsame Werte gesprochen. Gemeint waren aber eben nicht kirchliche Gebote, sondern die Maßgaben des Grundgesetzes.

Es bestand also gar kein Dissens und deshalb auch kein Anlass im Sinne Lindners, mit Worten an die Öffentlichkeit zu treten, deren Schneidigkeit man allenfalls von der bekennenden Kirchenkritikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) als Funktionärin der Humanistischen Union erwartet hätte. So spricht viel dafür, dass es dem Liberalen weniger um die Sache ging, sondern vor allem darum, den Kirchen eins auszuwischen.

Ein Hinweis darauf ist auch eine andere Passage aus seinem Gastbeitrag: „Das Christentum ist ein persönliches Bekenntnis der Bürger.“ Kirche und Glauben eine rein persönliche Angelegenheit? Wer, möchte man Lindner fragen, hat mit seiner Präsenz im öffentlichen Raum und seinen Strukturen Erscheinung und Gesellschaft Deutschlands seit Bonifatius stärker geprägt als die Kirche? Praktiziertes Glaubensleben ist darauf ausgelegt, öffentlich sichtbar und wirksam zu sein.

Anfang Januar 2011 sorgte Lindner als FDP-Generalsekretär mit einer Anregung zur Neuordnung der Kirchensteuer erneut für Gesprächsstoff. In der Beilage „Christ & Welt“ der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ hatte er sich dafür ausgesprochen, die verschiedenen Glaubensgemeinschaften in Deutschland rechtlich gleichzustellen. „Denkt man das konsequent, dann könnte der Staat irgendwann bei Muslimen ein Pendant zur Kirchensteuer einziehen“, so Lindner. Er befürworte ein Religionsverfassungsrecht, das „ohne Bevorzugung auskommt“. Derzeit zieht der Staat nur für Glaubensgemeinschaften Kirchensteuer ein, die den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts besitzen.

Man mag die Kirchensteuer in Deutschland auch als gläubiger Mensch ablehnen, doch dass es Lindner lediglich um eine gerechtere Behandlung der Religionsgemeinschaften ging, darf bezweifelt werden. Nach über 200 Jahren dürften „Regelungen und Zahlungen hinterfragt werden“. Eine nüchterne Debatte über das Staatskirchenrecht sei kein antiklerikaler Akt, so der Liberale.

Im Grundsatz sicher nicht, aber aus dem Mund Lindners? Wer eine „kritische Selbstprüfung“ unseres Staat-Kirchen-Verhältnisses fordert (Lindner in der FAZ) und dabei mit keinem Wort die über Jahrhunderte prägende Kraft des Christentums erwähnt, darf sich nicht über den Vorwurf wundern, voreingenommen zu sein. Auch in der FDP wird Lindner für seinen, wie er selbst sagt, „Post-Säkularismus“ kritisiert. Der evangelische Theologe und ehemalige Sprecher der Gruppe „Christen in der FDP-Bundestagsfraktion“, Patrick Meinhardt, tadelte den FDP-General für seine Erklärungen zur Kirchensteuer heftig: „Schnellschüsse bringen uns da nicht voran. Unsere bundesrepublikanische Verfassung fußt auf unseren christlichen Werten. Deswegen steht auch berechtigterweise in unserer Verfassung, dass wir in der Verantwortung vor Gott und den Menschen Politik machen.“

Lindner dürfte solche Kritik kaum beunruhigen. Politiker mit seinem Selbstbewusstsein, Sendungsbewusstsein und Stehvermögen stecken dies weg. Jung, erfolgreich, dynamisch – was oft klischeehaft klingt, trifft auf Lindner zu. Mit Bravour hiefte er seine Partei als FDP-Spitzenkandidat bei der NRW-Landtagswahl 2012 über die Fünf-Prozent-Hürde. Seitdem überzeugt er mit hartnäckiger Oppositionsarbeit und scharfzüngigen Reden im Düsseldorfer Landtag, während der CDU lange anzumerken war, dass sie den Machtverlust in NRW 2010 nicht verdaut hatte. Lindner dagegen marschiert kraftvoll voran. Darum spielt es in der FDP derzeit keine Rolle, dass auch er angreifbar ist. Kritik am gebürtigen Wuppertaler ist in der Partei tabu. Ihre Hoffnung hat einen neuen Namen: Lindner.

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