Christen in Sisis Staat murren

Die Reihe blutiger Anschläge auf Ägyptens christliche Bevölkerung reißt nicht ab. Die Erzählung von der Sicherheit für Christen wird brüchiger. Von Oliver Maksan

Reißt Ägyptens Christen der Geduldsfaden gegenüber dem Sisi-Staat? Laute Spottrufe sind zu hören, als der koptische Bischof von Minja am Samstag beim Begräbnis den Sicherheitsbehörden dankt. Die Menge umringt sechs weiße Särge, die vor der Ikonenwand der Kirche stehen. Die Toten stammen aus derselben Familie. Insgesamt sieben Christen waren vergangenen Freitag ums Leben gekommen. 18 Personen wurden verletzt. Dschihadisten hatten das Feuer auf die Pilger eröffnet, als sie in Bussen zum Kloster des heiligen Samuels, einem Bekenner des 7. Jahrhunderts, in der westlichen Wüste des Landes fuhren – eine Barbarei. Pilger gelten in der orientalischen Kultur eigentlich als unantastbar. In der koptisch-orthodoxen Spiritualität spielen die vor allem seit dem frühen 20. Jahrhundert wiederbelebten Klöster und die Besuche der Gläubigen dort eine große Rolle. Der ägyptische Ableger des IS hat die Verantwortung für die Bluttat übernommen. Die Sicherheitskräfte haben schnell gehandelt. Angeblich wurden am Sonntag 19 Terroristen des IS getötet.

Dennoch: Die Erzählung, Christen seien unter der Herrschaft von Präsident Sisi sicher oder wenigstens würde alles zu ihrem Schutz unternommen, wird brüchiger. Die Kette blutiger Anschläge will nicht abreißen. Seit Sisis Machtübernahme im Juli 2013 starben über 150 Christen durch islamistisch motivierte Attacken. Besonders bitter: Nahe der Anschlagsstelle vom vergangenen Freitag waren im Mai vergangenen Jahres bereits 28 Christen den Schüssen von als Soldaten verkleideten Dschihadisten zum Opfer gefallen. Dem IS gelingt es offenbar, tödliche Operationen auch weit jenseits seiner Hochburg im Norden der Sinaihalbinsel auszuführen. Viele Christen klagen deshalb hörbarer als bisher über laxe Sicherheitsmaßnahmen für ihre Kirchen und Klöster. Sie fragen sich, was sie für ihre Loyalität dem Sisi-Staat gegenüber erhalten. Grundsätzlich infrage stellen sie Sisi dabei nicht - wohl wissend, dass es bislang keine Alternative zu ihm gibt.

Die Christen des Landes gehörten von Anfang an zu den überzeugtesten Unterstützern des Militärputsches gegen die demokratisch gewählte Regierung der Muslimbrüder unter Muhammad Mursi im Juli 2013. Der koptisch-orthodoxe Patriarch Tawadros II. stellte sich demonstrativ neben den damaligen Feldmarschall Sisi bei dessen erster Rede an die Nation. Er verlieh der Absetzung damit für die etwa zehn Millionen Gläubige umfassende koptische Gemeinschaft Legitimität. Die Antwort der Muslimbrüder und ihrer Anhänger ließ nicht lange auf sich warten: Dutzende Kirchen wurden im August 2013 angegriffen.

Tatsächlich hat sich das öffentliche Klima für die Christen seither zum Besseren gewandelt. Sisi besucht als erster Staatschef demonstrativ die Weihnachtsmesse des Patriarchen und gratuliert den Christen – ein Affront aus Sicht der Islamisten. Bewegung kam auch in die Frage des Kirchenbaus, wenn auch nur schleppend und noch nicht zufriedenstellend. Generell sind Christen aber noch immer Staatsbürger zweiter Klasse. Soziale und religiöse Spannungen zwischen Muslimen und Christen in Oberägypten bleiben ein großes Problem. Die größte Sorge der Christen gilt allerdings der Sicherheitslage. Die dschihadistischen Kräfte im Lande visieren die Christen als schwächstes Glied in der Kette an. Sie wissen, dass Anschläge auf Christen im Westen ein großes mediales Echo finden und den verhassten Staatschef Sisi an empfindlicher Stelle treffen. Seine Armee bekommt die Sicherheitslage aber ganz allgemein nicht unter Kontrolle. Garant stabiler Zustände zu sein ist allerdings die Rechtfertigung für die eiserne Hand, mit der Sisi und sein Apparat das Land im Griff halten. Nicht nur Christen stehen im Visier der Terroristen. Immer wieder sind Sicherheitskräfte Ziele. Der blutigste Anschlag in der modernen Geschichte Ägyptens galt im November 2017 aber muslimischen Betern in einer vom der Sufi-Spiritualität geprägten Moschee. Über 300 Menschen starben.

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