Christen im Irak: Naht das Ende?

Iraks Christen kehren in ihre Häuser zurück. Doch haben sie im Zweistromland wirklich eine Zukunft? Eine Spurensuche in der Ninive-Ebene. Von Oliver Maksan

Mächtig richtet sich der Alfaf-Berg am Rande der Ninive-Ebene auf. Bis nach Mossul, der gefallenen Hochburg des IS, sind es kaum 30 Kilometer. Auf halber Höhe liegt das Kloster des heiligen Matti. Gegründet im 4. Jahrhundert, ist es eines der ältesten der Welt. Der steinerne Bau und der ihn tragende Berg sind kaum unterscheidbar.

Kein Wunder, dass Mar Matti, der wundertätige Eremit, im vierten Jahrhundert hier vor der Verfolgung durch den römischen Kaiser Julian Apostata Zuflucht suchte. Die Verfolgung von Christen in dem, was wir heute Irak nennen, hat eine lange Geschichte. Eine kurvige Straße führt hinauf zum Kloster. Ob mit den Höhenmetern das Verständnis für dieses geschundene Land und das Schicksal seiner Christen steigt?

Oben angekommen muss sich das Auge erst orientieren. Die Sonne blendet. Es ist ein diesiger Tag. Nach kurzem Blinzeln breitet sich flaches Land aus bis an den Horizont: die Ebene von Ninive. Das aus der Bibel bekannte uralte Kulturland war Heimat der Assyrer. Die irakischen Christen sehen sich in der Tradition dieser altertümlichen Hochkultur. Surjoje, Assyrer, nennen sie sich. Braun und verbrannt liegt die Landschaft. Die Getreideernte ist Mitte Juni bereits eingefahren. Die gnadenlose Sonne des Irak hat jetzt wie all die Jahrtausende zuvor einmal mehr über das Grün der Felder gesiegt.

Innen sorgt die Klimaanlage für angenehme Kühle. Erzbischof Timotheus Musa al Schamani ist Abt des syrisch-orthodoxen Klosters. Er empfängt nach orientalischem Brauch. Tee und Süßigkeiten werden nach einem reichlichen Mittagessen im Diwan gereicht. Erzbischof Musa fährt, während er spricht, immer wieder durch seinen weißen Bart. „ISIS hat versucht, das Kloster einzunehmen. Wir waren uns im August 2014 sicher, dass ihnen das gelingen würde.“ Die Mönche flohen, nach dem ersten Schrecken kehrten sie aber schnell zurück. Hunderte christliche Flüchtlinge lebten monatelang mit ihnen – ein paar Kilometer Luftlinie von ihren schlimmsten Feinden entfernt. „Der IS hat es nie geschafft, unser Kloster zu erobern. Gott war mit uns.“

Tatsächlich kann man am Fuße des Berges noch die Schützengräben sehen, die die Kämpfer des IS ausgehoben haben. Hier standen sich die Schergen und die Peschmerga, die Kämpfer der autonomen Kurdengebiete, über zwei Jahre gegenüber. Immer wieder schossen die IS-Kämpfer Mörser in Richtung des Klosters. Bei trübem Wetter versuchten sie regelmäßig, es einzunehmen. Bombardements der US-geführten Koalition verhinderten dies. „Die Mongolen, die Araber, die Türken, die Kurden, die Briten: Wer war nicht alles hier. Dreimal wurde unser Kloster zerstört. Wäre der IS gekommen und hätte er alles zerstört, wir hätten es einfach ein viertes Mal wieder aufgebaut.“ Seit Ende 2016 wurde Ort für Ort vom IS zurückerobert. Die Ninive-Ebene ist also frei. Das Kloster ist außer Gefahr. Doch wie geht es seinen Gläubigen?

Bischof Musas Miene verfinstert sich. „Bevor der IS 2014 kam lebten in meiner Diözese über 5 000 christliche Familien. Heute sind es bestenfalls 2 300. Der Rest hat das Land verlassen.“ Musa vermutet einen Plan dahinter, Christen aus dem Nahen Osten zu vertreiben. „Das hat 1975 im Libanon angefangen, dann ging es im Irak, in Ägypten, in Syrien weiter.“ Genauer will er auf Nachfrage nicht werden. Wahrscheinlich sieht er den Westen, besonders die USA, als die treibende Kraft dieser Entwicklung. Theorien dieser Art sind weit verbreitet im Nahen Osten. „Warum kann die internationale Gemeinschaft in der Ninive-Ebene keine Sicherheit stiften? Das hat in Bosnien oder in Irakisch-Kurdistan nach 1991 doch auch geklappt. Wir wollen jedenfalls, dass eine internationale Friedenstruppe uns schützt.“

Angesprochen auf die Ankündigungen von US-Vizepräsident Mike Pence vom vergangenen Herbst, US-Hilfe künftig direkt und ohne den Umweg über die UNO den verfolgten Minderheiten des Irak zukommen zu lassen, winkt Musa ab. „Wir brauchen keine Worte. Ich weiß nicht, mit wievielen westlichen Botschaftern und Politikern ich schon gesprochen habe. Wir Christen des Irak brauchen Taten.“

Der Gottesmann wirkt erschöpft, als er von seinen Treffen mit irakischen Gewaltigen von Provinzregierung und Polizei berichtet. Sie empfingen ihn, so Musa, mit großer Freundlichkeit und hörten sich die Sorgen seiner Gemeinschaft an. Doch außer einer Tasse Kaffee sei nichts dabei herausgekommen. „Frieden, Sicherh eit, Jobs: Ohne diese Dinge wird niemand bleiben. Ich kann es keinem Familienvater verdenken, wenn er für sich und seine Familie eine bessere Zukunft im Ausland sucht. Zwar raten wir niemandem zur Auswanderung, aber wir halten auch niemanden davon ab. Das ist eine persönliche Entscheidung.“

Ein Verschwinden seiner syrisch-orthodoxen Gemeinschaft hält Musa ohne weiteres für möglich. „Im Tur Abdin im Südosten der heutigen Türkei hatten wir einst eine blühende Heimat. Heute ist da niemand mehr außer ein paar leeren Kirchen. Das kann uns hier genauso passieren.“ Das nächste Problem sieht er schon kommen. „Fahren Sie nach Bartella und fragen Sie nach den Schabak.“

Mit dem Jeep geht es die Serpentinenstraße hinunter zurück in die Ebene. Schafsherden grasen links und rechts der Straße das trockene Land ab. In diesem Jahr sorgt eine heftige Dürre dafür, dass ihr Futter noch kärglicher ist als sonst. Vorbei an den kurdischen Posten geht es hinein in den von der Zentralregierung in Bagdad kontrollierten Irak. Die Soldaten – Zigarettenstummel im Mund, die AK 47 neben sich – winken durch. Christen werden als unproblematisch eingeschätzt. 20, 30 Kilometer führen durch das ethnische Mosaik des Nordirak. Turkmenen, Christen, sunnitische Araber und Jesiden leben hier. Und die Schabak. Auf bis zu 400 000 Menschen wurde diese ethnische Gruppe vor 2014 geschätzt. Ganz überwiegend leben sie in der Ninive-Ebene.

Die Dörfer der meist schiitischen Schabak sind erkennbar ärmlicher und heruntergekommener als etwa die christlichen. Auch die Schabak hatten massiv unter dem Hass des IS zu leiden. Schiiten, die Rafidin, die Abtrünnigen, standen in der Skala der Verachtung noch tiefer als die Christen. Doch anders als die Christen haben die Schiiten mächtige Freunde. Nicht nur im von schiitischen Politikern dominierten Bagdad. Von Plakatwänden winkt Ajatollah Khamenei, der oberste Führer des Iran. Sein Arm reicht bis hierher. Der iranische Botschafter war auch schon zu Besuch. Auf uns könnt ihr zählen, soll das heißen.

Die Schabak wollen unser Land“, meint Abuna Jakob knapp. „Das ist das nächste Problem.“ Der syrisch-orthodoxe Dorfpfarrer von Bartella ist ein Neffe Bischof Musas. Das Problem davor, das war der IS. „Ich war der Letzte, der im August 2014 ging, und der Erste, der wieder kam.“ Tränen, so erinnert sich der Dorfgeistliche, seien ihm gekommen, als er erstmals wieder die Glocken läutete. Abuna Jakob führt durch seine frisch renovierte Pfarrkirche. Sie strahlt weiß und golden. Einzig eine verkohlte Kapelle im Seitenschiff erinnert an die Dschihadisten. „Die hat der IS geschändet. Das lassen wir als Zeichen der Mahnung.“ Seit Oktober 2016 ist der Ort vom IS befreit. Nun also das Problem mit den Schabak. Gab es 1980 nur zwei Schabak-Familien im Dorf, sind es heute weit über zwanzig Prozent. Tendenz steigend. Ursache für den demografischen Mikrokonflikt ist die hohe Geburtenrate der Schabak – und die Tatsache, dass viele Christen mehr denn je bereit sind, zu billigen Preisen ihr Land zu verkaufen. Die Kirche versucht ihre Gläubigen davon abzubringen. Aber wer alle seine Ersparnisse während der Flucht aufgebraucht hat, schon im Ausland lebt oder nach Australien emigrieren will, hat oft keine andere Wahl. Heimatliebe muss man sich leisten können.

„Ich werde mein Land niemals an die Schabak verkaufen“, meint Ibrahim entschlossen. Der 63-jährige Bauer trägt die bodenlange Galabaia, das traditionelle Gewand der Männer. Sein imposanter Schnauzer wie sein Haupthaar schimmern in makellosem Schwarz. Offensichtlich wurde der Natur ein wenig nachgeholfen. Auf dem Land seiner Familie baut er Getreide, Kichererbsen und Sonnenblumen an. Sieben Kinder hat er – von denen kein einziges mehr im Irak lebt. „Sie sind in der Türkei und in Europa. Ich sage ihnen immer, dass sie zurückkommen sollen, aber sie wollen nicht, weil es hier keine Jobs und keine Sicherheit gibt.“ Ibrahim macht sich deswegen keine Illusionen. „In zwanzig Jahren gibt es hier keine Christen mehr.“ Dabei macht der Ort derzeit einen ganz anderen Eindruck. An allen Ecken und Enden wird gebaut und gehämmert, werden die Schäden behoben, die der IS hinterlassen hat. Abends wird im Dorfrestaurant arabische Musik so laut gesungen, dass jedes Gespräch dagegen ankämpfen muss, dampfen Kebab und Hähnchen auf dem Grill, versammelt sich die Jugend gutgelaunt. Fast fünftausend Christen sind zurückgekehrt – und mit ihnen das alte Leben.

Gesteuert wird all dies vom „Ninivah Reconstruction Committee“ (NRC). Das Hirn des christlichen Wiederaufbaus sitzt im benachbarten Baghdeda, ein paar Kilometer tiefer in die Ninive-Ebene hinein. Karakosch nannten die Osmanen den Ort, Al Hamdaniya sagen die Araber, Baghdeda heißt die Stadt in der aramäischen Sprache der einheimischen Christen. Baghdeda war vor 2014 die größte christliche Stadt des Irak. Etwa 50 000 Menschen lebten hier. Christenanteil: 97 Prozent. Landwirtschaft – Getreideanbau und Geflügelzucht – machten die Bewohner, überwiegend syrisch-katholische Christen, wohlhabend. Das sieht man selbst den arg mitgenommenen Häusern noch an. Durch holprige Straßen geht es zum Sitz des NRC. Ahlan wa sahlan, herzlich willkommen, sagt Abuna Georges Jahola und winkt in sein Büro. Der syrisch-katholische Priester zeigt Karten, Tabellen, Luftaufnahmen seines Ortes. Er ist Stadtpfarrer und Bürgermeister in einem. „Wir bauen unsere Heimat wieder auf. Wir haben nur sie. Christen leben in Bagdad, Basra und Kirkuk. Aber nur diese Gegend können sie wirklich Heimat nennen. Verlieren wir sie, verlieren wir mehr als nur Land und Häuser: Wir verlieren unsere Identität.“

Unterstützt wird der Priester von einem Team von Ingenieuren und jungen Leuten, die sich um die Registrierung der Hausbesitzer kümmern, die um Hilfe bitten. „Über 7 000 Häuser gibt es in unserem Ort. Wir haben sie in drei Gruppen eingeteilt: Leicht beschädigte, schwer beschädigte und zerstörte.“ Nicht alle Häuser wurden vom IS zerstört oder beschädigt. Viele kamen bei der Rückeroberung zu Schaden. Andere verwahrlosten in den Jahren des Leerstands. Geplündert wurden vom IS und den umliegenden muslimischen Dörfern fast alle. Um Kosten zu sparen und den Menschen Arbeit zu geben, müssen die Hausbesitzer selber Hand anlegen. Außerdem müssen sie ein Drittel der Kosten tragen wenn möglich. Und nur der wird unterstützt, der tatsächlich in seinem Haus wohnt. „Wir haben mittlerweile wieder viele Menschen, die aus dem Libanon und der Türkei zurückkommen“, ist Abuna Georges froh. „Anfangs haben unsere Leute gesagt: Erst Sicherheit, dann Rückkehr. Ich habe ihnen dann geantwortet: Je mehr ihr hier wieder seid, desto besser könnt ihr euch gegenseitig schützen.“ Abuna Georges weiß, dass Häuser allein angesichts fehlender Sicherheit und Jobs die christliche Präsenz nicht auf Dauer sichern können. „Aber ohne Häuser wäre schon jetzt keiner mehr hier.“

Möglich ist der Wiederaufbau nur, weil christliche Organisationen – allen voran „Kirche in Not“ – mit Millionenspenden helfen. Der irakische Staat existiert hier nämlich nur auf Flaggen und Pässen. „Die Regierung hat kein Geld oder andere Prioritäten. Es lässt sich auch niemand hier blicken. Ohne die Hilfe unserer Mitchristen im Westen wären wir verloren“, sagt Abuna Georges dankbar. Aimery de Vérac freut das zu hören. Er ist der Verbindungsmann von „Kirche in Not“. Der Franzose lebt seit einigen Jahren deswegen im Irak. „Es macht ungeheuer glücklich, den Menschen zu helfen. Sie lieben ihre Heimat. Wir setzen dabei auf maximale Transparenz. Für jeden ausgegebenen Dollar können wir Rechenschaft geben.“ Mittlerweile, so der Franzose, seien in der Ninive-Ebene über 8 700 Familien zurückgekehrt und über 4 300 Häuser wieder bewohnbar gemacht. Ist ein Haus fertig, überreicht „Kirche in Not“ jedem Hauseigentümer einen Olivenbaum. Die biblische Pflanze soll Hoffnung und Zukunft symbolisieren.

Auch Rabah hat ein Bäumchen erhalten. Die Mittfünfzigerin hat drei Kinder. Gebürtig kommen Rabah und ihr Mann aus Mossul. Von dort flohen sie 2006 nach Baghdeda, nachdem Sohn und Neffe von Islamisten bedroht worden waren. Der Neffe wurde entführt, der Sohn konnte sich gerade noch in Sicherheit bringen. Doch 2014 kamen die Islamisten mit dem IS auch nach Baghdeda. Die Familie floh erneut. Seit Juli 2017 lebt sie nach Jahren des Flüchtlingsdaseins in der benachbarten autonomen Region Kurdistan wieder in ihrem Haus. „Unseren Wagen, unser Gold: Wir hatten ausgegeben, was wir hatten. Wäre Baghdeda nicht befreit worden: Ich weiß nicht, wie es mit uns hätte weitergehen sollen“, sagt Rabah. Zum Glück waren die Schäden an ihrem Haus nur leichte. Mittlerweile sieht man ihm nichts mehr an. Und doch sitzen die Wunden tief. „Mein Mann und ich werden im Irak bleiben, so Gott will. Auch unsere Kinder wollen das. Aber sie haben keine Arbeit. Und ich habe Angst, dass uns dasselbe nochmal passieren kann, dass ISIS zurückkommt.“

Die Rückkehr des IS: Hirngespinst oder realistische Gefahr? In Erbil, der Hauptstadt der kurdischen Autonomiegebiete, sitzt ein Mann, dessen Job darin besteht, Antworten auf solche Fragen zu geben. Doch ehe man Baghdeda in Richtung Erbil verlassen kann, muss man die Checkpoints passieren, die sich wie ein Gürtel um die christlichen Orte der Ninive-Ebene legen. NPU, Ninivah Protection Unit, heißt die christliche Selbstverteidigungsmiliz. Pickups, Uniformen, Maschinengewehre: Sollte Mutter Rabah angesichts der 1 000 Mann starken Truppe nicht ruhig schlafen können? Zwei Stunden später in Erbil lächelt John über diese Einschätzung. John, seinen echten Namen will er nicht in der Zeitung lesen, arbeitet für die Vereinten Nationen als Sicherheitsanalyst. „Das sind schlecht oder nicht ausgebildete Leute. Ihre Waffen sind Dekoration. Kriminelle lassen sich davon vielleicht beeindrucken, aber sicher keine Terroristen.“ Abhilfe wäre möglich. Aber Bagdad, ist John überzeugt, hat einfach kein Interesse an gut bewaffneten und ausgebildeten Milizen. Man wisse schließlich nie, ob sich die nicht irgendwann gegen die Regierung wenden.

Entscheidend aber sei: 2014 kann sich wiederholen. „Der IS ist als territoriale Macht durch die irakische Zentralregierung und ihre Verbündeten geschlagen, aber als Terrororganisation keineswegs verschwunden.“ Zwar wurden viele IS-Kämpfer getötet oder verhaftet. Aber tausende Kämpfer sind in den Untergrund gegangen. John geht von etwa 1 000 Schläfern in Kirkuk und 1 000–3 000 Schläfern in der ehemaligen IS-Hochburg Mossul aus. „Eine vollständige Entwaffnung hat auch nicht stattgefunden. Im westlichen Teil Mossuls gehen fast täglich improvisierte Sprengsätze in die Luft.“ Unter Hochdruck wird nach IS-Schläfern gefahndet. Jeden Tag werden Menschen verhaftet. An der irakischen Grenze zu Syrien wird zudem derzeit ein Zaun gebaut, um ins Nachbarland geflohene IS-Anhänger an der Rückkehr zu hindern. Doch der selbsternannte IS-Kalif Al Baghdadi hat kürzlich eine Wiederkehr des IS angekündigt. Seine Worte, so John, blieben dann keine leere Drohung, wenn es nicht gelänge, eine stabile Regierung in Bagdad zu bilden und auf die gerechten Bedürfnisse der Sunniten in der Provinz Mossul Rücksicht zu nehmen.

„Das schiitische Bagdad hat die sunnitischen Großstämme quasi in die Hände des IS getrieben. ISIS wartet jetzt wieder auf den geeigneten Zeitpunkt“, ist sich John sicher. Bagdad will einen loyalen Gouverneur installieren. Dies stößt allerdings in Mossul auf Vorbehalte bei der sunnitischen Bevölkerung. Und auch auf nationaler Ebene will keine Regierungsbildung gelingen, stehen Vorwürfe des Wahlbetrugs im Raum. Hinzu kommt die gegen die PKK gerichtete Intervention der Türkei, die auch christliche Orte etwa im nordirakischen Kandil-Gebirge in Mitleidenschaft zieht. John hält das kommende Jahr deshalb für kritisch, was die Präsenz der Christen im Irak anlangt. „Die potenzielle Bedrohung der Christen durch den IS ist insgesamt hoch, die aktuelle Gefahr ist allerdings niedrig. Sollte es indes zu einem symbolischen Anschlag auf eine Kirche etwa an Weihnachten oder Ostern kommen: Die Auswirkungen auf die Zukunft der Christen im Irak wären verheerend.“

Info

Iraks Christenheit ist uralt. Ihre Anfänge führen auf den Apostel Thomas und damit das erste Jahrhundert zurück. Die Assyrische Kirche des Ostens war einst vorherrschend, brach aber unter dem Ansturm des Islam zusammen. Heute ist die mit Rom unierte chaldäische Kirche die größte des Landes. Assyrische, syrisch-katholische und orthodoxe Christen folgen. Wie groß die Zahl der Christen heute ist, ist nicht genau bekannt. Zu Zeiten Saddam Husseins jedenfalls lebten etwa 1,5 Millionen Christen im Irak. Die Folgen des Embargos nach 1991, die Wirren nach Saddams Sturz 2003, zuletzt der Aufstieg des IS 2014 hat die Zahl durch Auswanderung auf wahrscheinlich deutlich unter 250 000 reduziert.

Weitere Artikel
Verleihung Medienpreis Habermas
im Blickpunkt

Methode Franziskus oder Habermas? Premium Inhalt

Der deutsche Meisterdenker Jürgen Habermas schlägt einen Buchpreis aus den Vereinigten Arabischen Emiraten aus. Die katholische Kirche des Golfstaats sieht darin eine verpasste Chance.
07.05.2021, 17  Uhr
Oliver Maksan
Themen & Autoren
Ali Chamene'i Araber Arbeitsstellen Auswanderung Christen Flavius Claudius Iulianus Heimat Islamischer Staat Jesiden Kalenderzeit/Jahrhunderte Mike Pence Peschmerga Polizei Römische Kaiser Saddam Hussein Schin Bet UNO Wirtschaftsembargos

Kirche