Antiochia

"Christen brauchen einander in solchen Katastrophen"

Der Westen hat die Christen im Stich gelassen, sagt Ignatius Joseph III. Younan, der syrisch-katholische Patriarch von Antiochia, und spricht über die drohende humanitäre Katastrophe, schädliche Interventionen, christliche Verbundenheit und das Ringen um Stabilität im Nahen Osten.
Ignatius Joseph III. Younan
Foto: Paolo Galosi (KNA) | Ignatius Joseph III. Younan, Patriarch der syrisch-katholischen Kirche von Antiochien am 8. Oktober 2015 im Vatikan.

Eure Seligkeit, Sie haben einen offenen Brief an den US-Präsidenten unterzeichnet, der zum Ende der Wirtschaftssanktionen gegen Syrien aufruft. Wie schlimm ist die Lage vor Ort?

Dank der lobenswerten Mühen von Pfarrer Peter Fuchs hatte ich die Freude, den Brief an US-Präsident Joe Biden mitzuunterzeichnen. Die Situation in Syrien ist erschreckend, um nicht zu sagen desaströs. Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass sich am 15. März der zehnte Jahrestag des Ausbruchs der inneren Krise jährt, hauptsächlich ausgelöst von machiavellistischen geopolitischen Interessen. Tausende Söldner, angestachelt von islamistischen Fanatikern, haben das Land verwüstet, die Chaos durch Tod und Zerstörung im Namen der Religion anrichteten. Wer hat dafür den Preis gezahlt, wenn nicht unschuldige Zivilisten!

Ein Appell ist ein gutes Zeichen, aber wie erhoffen Sie sich, dass dadurch die Sanktionen aufgehoben werden könnten?

In der Tat, dieser Appell mag eine Illusion sein, aber wir mussten alle Möglichkeiten ausprobieren. Wir hoffen weiterhin "Spes contra Spem", wie der Heilige Paulus sagt. Syrien war vor der zerstörerischen Krise ein autarkes Land, das sich in Richtung größerer Offenheit entwickelte, mit einem zivilen Regierungssystem, das auf die Region zugeschnitten ist, und wo religiöse Freiheit für alle respektiert wurde. Wir sollten anerkennen, dass für alle Völker des Nahen Ostens - noch mehr als für die des Westens - die religiöse Freiheit die Basis aller Freiheiten ist.

Die Sanktionen der USA und der EU sollten das Assad-Regime treffen, aber nicht der Bevölkerung schaden. Heute sitzt Assad fest im Sattel, aber die Bevölkerung leidet: Waren die Sanktionen von Anfang an falsch und aussichtlos?

Sanktionen gegen ein unabhängiges Land müssen immer verboten werden; insbesondere, wenn es keinen Konsens innerhalb der Vereinten Nationen gibt, wie es im Fall Syriens war. Nicht nur die Rechte einer Nation standen auf dem Spiel, sondern buchstäblich das Überleben seines Volkes.

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Im April 2013 habe ich die Frage eines Journalisten zur besten Sendezeit in einer französischen Nachrichtensendung beantwortet, der von einer angeblichen Schuld des Regimes in der gegenwärtigen Syrienkrise sprach. Ich habe live folgendes erklärt: 25 Monate seit dem Beginn der Syrienkrise haben westliche Regierungen und ihre angehängten Medien über den unmittelbar bevorstehenden Fall des Regimes gesprochen. Ihre Regierung hat die Leute betrogen. Das "Regime" steht immer noch und die unschuldigen, normalen Syrer haben den schädlichen Preis dafür gezahlt!

Seit Jahren ist die Lebenssituation in Syrien sehr erdrückend geworden. Die große Mehrheit der Bürger, zumeist arm und marginalisiert, verfügt nicht über die Mittel, um Nahrung, Heizmaterial oder Medikamente für ihre Familien zu besorgen. Die Inflation und der unglaubliche Verfall der Währung haben die humanitäre Krise verschlimmert.

Von der humanitären Krise abgesehen: Was ordnen Sie als derzeit größte Gefahr für Syrien ein?

"Die größte Bedrohung sind die schändlichen regionalen
und internationalen Interventionen, die vorgeben,
Reformen durch eine sogenannte Demokratie einzuführen"

Die größte Bedrohung sind die schändlichen regionalen und internationalen Interventionen, die vorgeben, Reformen durch eine sogenannte Demokratie einzuführen. Stattdessen fachen sie damit Gewalt und Instabilität an, finanzieren und militarisieren die Banden der Opposition und verhängen ein rücksichtsloses Embargo. All das wird die Versöhnung zwischen den Parteien hinauszögern und das Leid des syrischen Volkes verlängern, sowohl innerhalb des Landes wie in den Flüchtlingslagern.

Wie unterscheidet sich die Lage der Christen in Syrien von anderen Minderheiten?

Christen unterscheiden sich für uns nicht von anderen Minderheiten. Sie alle wurden diskriminiert, getötet und entwurzelt aufgrund des Fanatismus radikaler Muslime, die wussten, wie sie den Westen betrügen können, indem sie sich als Freunde der Demokratie ausgaben. Und als Leute der Barmherzigkeit.

Sie haben die Ignoranz des Westens gegenüber den Christen in der Vergangenheit oft beklagt. Hat sich in den letzten beiden Jahren etwas daran geändert?

Auch wenn mein Rufen wie das Johannes des Täufers in der Wüste klingen mag, so kann ich nur wiederholen: Ja, die Christen des Nahen Ostens werden im Stich gelassen, sogar betrogen   von ihren Brüdern im Westen, hauptsächlich wegen Indifferenz und Naivität. Wir Christen der Welt des östlichen Mittelmeeres, die Europa so nah ist, sind ein kleiner Rest des ursprünglichen Christentums. Wir haben es geschafft, in dieser überwältigenden Mehrheit der Muslime zu überleben, weil unsere Vorfahren das Evangelium der Liebe, der Vergebung und des Friedens in Ehren hielten. Die Gleichgültigkeit und der Opportunismus westlicher Politiker hat uns schwer getroffen. Sie betrachten uns als Gruppe von geringem Interesse, weil es uns an Zahl und an Finanzmitteln mangelt   und weil wir friedlich sind, weit davon entfernt, eine terroristische Gefahr darzustellen.

Welche Staaten helfen Syrien heute?

"Sie mögen ihre eigenen geopolitischen Interessen haben,
aber ein zivilisiertes Syrien braucht Russland"

Vor sechs Jahren drohte Syrien in die Hände des IS zu fallen, der - unwillig, Religion und Politik zu trennen - das Land von seinen christlichen Gemeinschaften säubern wollte. Dem allmächtigen Gott sei Dank intervenierten die Russen und haben diese Dschihadisten gestoppt. Sie mögen ihre eigenen geopolitischen Interessen haben, aber ein zivilisiertes Syrien braucht Russland. Wir, die fünf katholischen und orthodoxen Patriarchen von Antiochia, hatten im November 2019 in Budapest die Möglichkeit, Präsident Wladimir Putin unsere Dankbarkeit auszudrücken. Das Überleben der Christen und aller Minderheiten stand auf dem Spiel!

Helfen die muslimischen Staaten vornehmlich ihren Glaubensbrüdern und die christlichen Organisationen nur Christen? Oder ist jeder Hilfsbedürftige gleich?
Ich kann nur für Kirchen und christliche Organisationen sprechen. Sie helfen Gläubigen aller Bekenntnisse ohne Unterschied. Europäische Politiker schauen gerne auf das Leid der syrischen Flüchtlinge in den Lagern, ob im Libanon, Jordanien oder der Türkei. Christen vermeiden es   aufgrund verschiedener Drangsalierungen   in Zelten zu leben. Sie werden oft von westlichen Regierungen vergessen, die Laizismus als falsche Entschuldigung vorschieben.

Sehen Sie eine stärkere Solidarisierung der verschiedenen christlichen Minderheiten im Angesicht der Not?

Christliche Verbundenheit wird lebendig zwischen den verschiedenen kirchlichen Gemeinschaften gelebt. Humanitäre Hilfe und Nahrung werden üblicherweise zwischen allen in Not geteilt. Christen überall brauchen einander in Zeiten solchen Katastrophen.

Welche Rolle spielt der Vatikan? Tut Rom genug?

Der Vatikan hat sein Bestes versucht, um den notleidenden Gemeinschaften zu helfen, über Kirchen und wohltätige Organisationen, als auch bei der Unterstützung von Priestern bei der Ausübung ihres Amtes. Es ist gut, an die Fasten- und Gebetswache von Papst Franziskus vom September 2013 zu erinnern, um den US-Drohungen eines Angriffs gegen Syrien zu entgehen.

"Muslime sollten klar hören, dass sie alle Arten
von religiösem Fanatismus und
Diskriminierung verdammen müssen"

Sicherlich wollten wir, dass der jüngste Austausch von Gedanken und Wünschen zwischen dem Papst und einigen muslimischen Führern wirkungsvoller wäre. Muslime sollten klar hören, dass sie alle Arten von religiösem Fanatismus und Diskriminierung verdammen müssen. Sie müssen ohne Zurückhaltung arbeiten und Christen wie anderen nicht-muslimischen Minderheiten auf der ganzen Welt versichern, dass sie die Rechte aller ihrer Bürger achten, damit sie in ihrem eigenen Land in Freiheit und Würde leben können; auch dort, wo Muslime die Mehrheit stellen. Dies muss in den menschlichen Beziehungen als Gegenseitigkeit verstanden werden, da Muslime Bürgerrechte in Ländern genießen, die auf christlichen Werten aufbauen.

Der Nahe Osten ist zur Einflusssphäre verschiedener Großmächte geworden. Sehen Sie wenigstens hier eine Stabilisierung? Welche Rolle spielen die Nachbarstaaten?

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Wie schon erwähnt ist es von primärer Wichtigkeit, dass regionale Mächte, ob von Osten, Norden oder Süden, aber auch aus der westlichen Hemisphäre, damit aufhören, sich in syrische Angelegenheiten einzumischen. Sie müssen verstehen, dass, solange der Islam nicht die Trennung von Religion und Politik anerkennt, die wahre Demokratie weit davon entfernt ist, im Nahen Osten verwirklicht werden zu können. In Syrien gibt es viele religiöse Minderheiten, die eine Garantie von einer Mehrheit sunnitischer Muslime brauchen, damit sie ihren Glauben frei leben können. Die Realität ist eine völlig andere Sache; denn auch wenn nicht-Sunnis auf dem Papier toleriert werden, so werden alle Verse des Koran, sogar jene, die zu Gewalt gegen Nicht-Muslime aufhetzen, bis jetzt wortwörtlich interpretiert.

Was erwarten Sie von den Christen beziehungsweise den Kirchen in Europa? Wie können sie Syrien und den Christen Syriens jetzt helfen?

Europäische Christen, Kirchen und Institutionen haben oftmals ihre wohltätige Hand zu uns Christen in Syrien und im Nahen Osten ausgestreckt. Sie verdienen unsere tiefe Dankbarkeit und Anerkennung für ihre Nächstenliebe in Christo.

Wir brauchen mehr Unterstützung auf dieser Basis, für unsere Bürgerrechte als vollkommen gleichberechtigte Bürger, um in unserer Heimat verwurzelt zu bleiben. Das ist nur möglich, wenn der Westen politische Korrektheit vermeidet und Regierungen wie religiöse Führer dazu auffordert, dass der Islam nicht Religion und Staat vermischt. Sie müssen Muslime in der ganzen Welt anmahnen, Kinder und Jugendliche nicht die Verse ihrer Bücher zu lehren   Koran wie Hadithen  , die zu Gewalt und terroristischem Verhalten aufstacheln. Es gibt viele andere Verse und Geschichten, die Barmherzigkeit und Toleranz befürworten.

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