Chinas langer Schatten

Immer mehr Länder Südostasiens wenden sich von Amerika ab und China zu. Von Klaus Wilhelm Platz
Statistikamt in Peking veröffentlicht Chinas Wachstumszahlen
Foto: dpa | Die Volksrepublik ist auf dem Weg zur neuen Supermacht.

Schon vor dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump vergangenen Freitag in Washington machte sich in Südostasien ein neuer strategischer Trend bemerkbar: Amerikas Einfluss in dieser weltpolitisch wichtigen Region begann sich rückläufig zu entwickeln, während der Chinas stieg. Im Oktober vergangenen Jahres begann Rodrigo Duterte, der Präsident der Philippinen, bei einem Pekingbesuch einen Flirt mit China, der in Teilen der internationalen Presse als regelrechter Kotau bezeichnet wurde. Was dem ältesten Verbündeten der USA in dieser Weltgegend – mit 85 Prozent katholischer Bevölkerung – recht schien, war anderen Ländern der Region billig: Die politischen Affronts gegenüber den USA scheinen in Südostasien Schule zu machen.

Zu Malaysia ist das amerikanische Verhältnis bereits seit geraumer Zeit gestört. Nach den Philippinen will nun auch Kambodscha in diesem und im nächsten Jahr keine gemeinsamen Militärmanöver mit den Vereinigten Staaten mehr durchführen. Dies teilte das Verteidigungsministerium in Phnom Penh mit. Die Übungen mit dem Codenamen „Angkor Sentinel“ hätten im kommenden März bereits zum achten Mal abgehalten werden sollen. Sie bewegten sich immer in kleinem Rahmen. Auf amerikanischer Seite nahmen jeweils weniger als zweitausend Soldaten teil, aber sie waren immerhin Ausdruck einer sich anbahnenden engeren militärischen Kooperation und verkörperten ein Gegengewicht zu den historisch engen Beziehungen zwischen Kambodscha und China. Die kambodschanische Regierung hat die jetzige Suspendierung mit der „Fokussierung auf wichtigere Anliegen“ begründet. Man könnte für dieses eher läppisch daherkommende Argument zwar die demnächst anstehenden Wahlen anführen. Plausibler ist allerdings der wachsende Einfluss Pekings. Anfang 2016 fanden nämlich erstmals Seemanöver der kambodschanischen mit den chinesischen Streitkräften statt.

In Thailand fahren die Putschgeneräle seit geraumer Zeit chinesische Panzer. General Chalerchai Sittisat, der Oberkommandierende der thailändischen Streitkräfte, zog zum Jahreswechsel in einer Ansprache die guten Beziehungen mit den Vereinigten Staaten öffentlich in Zweifel. Für ungefähr eine Milliarde Dollar haben die thailändischen Militärführer erstmals Unterseeboote in China bestellt, von denen das erste bereits in diesem Jahr geliefert werden soll. Gepanzerte Fahrzeuge will Thailand nicht mehr von Amerika kaufen, sondern chinesische Modelle in Lizenz selbst herstellen.

US-Präsident Trump wird es vielleicht bald nicht mehr nötig haben, Peking mit Worten zu brüskieren – wie er es in seinem Wahlkampf mehrfach getan hat. Denn während der Westen wie das Kaninchen vor der Schlange auf Pekings selbstbewusstes Großmachtgebaren im Südchinesischen Meer starrt, dehnt China seine Einflusssphäre in Südostasien ebenso unbeirrt wie stetig aus. Die Generäle in Bangkok, die zwar noch im strengen Antikommunismus der Vietnamkriegsära erzogen wurden, sind längst gut Freund mit dem großen nördlichen Nachbarn. Wer bisher Präsident Xi Jinpings Schwärmereien über eine „neue Seidenstraße“, die einst China und Europa durch mit Luxuswaren beladene Kamelkarawanen durch Asiens Wüsten verband, als großmannssüchtige Spielereinen abtat, musste sich inzwischen eines Besseren belehren lassen. Gleich mehrere Autobahn- und Eisenbahntrassen auf diesen Strecken sind nicht nur auf dem Reisbrett konzipiert, sondern ihr Bau wurde teilweise bereits in Angriff genommen. Sie haben auch eine maritime Komponente, die China nicht nur die ungestörte Durchfahrt durch das Südchinesische Meer – unter verbalem Protest von einem halben Dutzend kleinerer Anliegerstatten – gewährleisten soll. Zusätzlich begann man mit dem Erwerb von Hafenrechten und dem völligen Neubau von Häfen durch chinesische Ingenieure und Bauarbeiter in Myanmar, Sri Lanka, Pakistan, Iran und anderen Ländern. Sie könnten sich zu einer dritten großen Seehandelsroute der Erde – außer dem Atlantik und dem Pazifik – entwickeln.

In den vergangenen Jahren war Asien zum Dreh- und Angelpunkt der amerikanischen Außenpolitik geworden. Es ging Washington darum, Bündnisse mit rasch wachsenden Märkten in aufstrebenden Entwicklungsländern zu schaffen und – nicht zuletzt – das chinesische Durchsetzungsvermögen in der Region einzudämmen. Nun werfen jedoch die „isolationistischen“ Gesichtspunkte, die Präsident Trump in seinen Wahlkampfreden immer wieder zum Ausdruck brachte, die Frage nach der künftigen weltpolitischen Orientierung Amerikas auf. Trump hat Peking damit verärgert, dass er China nicht nur währungspolitische Manipulationen und unfaire Besteuerung aus Amerika importierter Waren vorwarf, sondern auch die „Militarisierung des Südchinesischen Meeres“. Vor allem machte Trump Ansätze dazu, Taiwan in einer Weise aufzuwerten, die zu Lasten der von Peking mit Nachdruck verfochtenen Ein-China-Politik geht. Die Volksrepublik tastet seit Monaten ab, was für Chancen sich ergäben, wenn die USA ihre Asienpolitik tatsächlich zurückfahren sollten oder müssten. Angesehene politikwissenschaftliche Institute im Westen führen bereits Planspiele durch, die davon ausgehen, dass es nur noch drei Staaten mit Weltbedeutung geben wird: Amerika, China und Russland, wobei die Bedeutung der USA als rückläufig, diejenige Russlands als unsicher und die Chinas als zunehmend dominant eingestuft wird.

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