China setzt Christen unter Druck

Die Staats- und Parteiführung verfolgt ein neues Anti-Religions-Konzept. Trotzdem werde die Zahl der Christen nicht schrumpfen, sagt „Kirche in Not“. Von Sebastian Sasse
China will Maos 120. Geburtstag groß feiern
Foto: dpa | Zwei Ikonen der kommunistischen Ideologie: Staats- und Parteichef Xi Jinping und Mao Zedong.

Sie tragen ihr Glaubensbild vor sich her: Wenn bei den großen Kongressen und Aufmärschen der Kommunistischen Partei in China ein Porträt von Mao Zedong gezeigt wird, dann ist das auch ein religionspolitischer Akzent. Denn die Partei versteht ihre Ideologie als eine Anti-Religion. Aber auch die verfügt über ihre eigene Liturgie und auch über ihre speziellen Ikonen. Mao, der Gründervater der Volksrepublik, ist so etwas wie ihr „Kirchenvater“. Insofern ist es ein Signal, dass bei dem letzten Volkskongress auch der aktuelle Staats- und Parteichef Xi Jinping in diese Gruppe der geistigen Führer der Partei aufgenommen worden ist. Seit diesem zentralen Parteitag, der im Oktober stattfand, wird Xi als „Lehrer“ in den Statuten der Partei erwähnt, eine Auszeichnung, die vorher nur Mao Zedong und Deng Xiaoping erhalten haben. Damit ist nun auch der 64-jährige Xi zur Parteiikone geworden. Ein zentraler Punkt seines Programms zur Re-Ideologisierung ist ein aggressiver Atheismus.

„Sinisierung der Religionen“ , heißt dabei das Schlagwort. Darunter verstehen die Partei-Ideologen: Die Religionen sollen sich der nationalen Kultur unterordnen; die wird freilich dabei mit dem Marxismus chinesischer Spielart gleichgesetzt. Nach der marxistischen Denkschule dürften Religionen eigentlich gar nicht mehr existieren. Denn nach der reinen Lehre müssten sie schon längst abgestorben sein. Doch seit sich abzeichnet, dass dies nicht der Fall ist, sondern vielmehr vor allem das Christentum zunehmenden Zuspruch erfährt, wird dieses neues Konzept verfolgt. Wenn schon nicht die Religionen verschwinden, so sollen sie doch in den gesellschaftlichen Bereich integriert werden. Freilich unter den Bedingungen des Staats- und Parteiapparates als Nationalkirchen.

Religion nur unter staatlicher Kontrolle

Schon im letzten Jahr war ein entsprechendes Religionsgesetz verabschiedet worden, beim Volkskongress wurde die Sinisierungs-Strategie bestätigt. Betroffen sind davon alle Religionen, auch der Taoismus, der Buddhismus und der Islam. Was die Sinisierungstrategie aber konkret bedeutet, zeigt sich besonders an der Situation der Katholiken im Land. Der universale Anspruch der Kirche, die Verbindung mit dem Papst – aus Sicht der Staats- und Parteiführung machen sich die Gläubigen, wenn sie daran festhalten, zu Bündnispartnern einer fremden Macht. Deswegen gibt es für sie nur die Möglichkeit, sich in der „Chinesischen Katholischen Patriotischen Vereinigung“ zu organisieren. Rund zwölf Millionen Menschen gehören zu ihr. Allerdings gibt es auch eine aktive Untergrundkirche, die an der Bindung zu Papst und Weltkirche festhält. Wie viele Katholiken dort aktiv sind, das sei schwer zu schätzen. Aber ein beträchtlicher Teil derer, die offiziell sich dieser Nationalkirche angeschlossen haben, sei sicherlich auch in der Untergrundkirche aktiv, so die Einschätzung von Berthold Pelster von „Kirche in Not“ gegenüber dieser Zeitung. Die Situation von Christen werde, so die Prognose des Menschenrechtsexperten, im Zuge der Sinisierungspolitik von Xi Jinping immer schwieriger werden. „Religion wird als Aberglaube verstanden, der zum Wohl der Gesellschaft abgeschafft werden muss“, beschreibt Pelster die Leitdoktrin dieses Konzeptes. Entsprechend sähe der Unterricht in den Schulen und Universitäten aus, entsprechend gering seien auch die Chancen für aktive Christen, in der Gesellschaft Karriere zu machen. Wenn überhaupt, dann sei so etwas nur in der Wirtschaft möglich. Dass aber bekennende Christen auch politisch Einfluss im Parteiapparat gewinnen könnten, sei nahezu ausgeschlossen.

Trotz dieser Perspektive werde aber trotzdem die Zahl der aktiven Christen weiter zunehmen, so die Prognose von Pelster. „Jedem Einzelnen wird zwar immer mehr abverlangt werden, wenn er an seiner Glaubenspraxis festhalten will. Trotzdem spricht die bisherige Entwicklung dafür, dass die Zahl nicht schrumpfen wird.“

Pelster führt den Erfolg des Christentums trotz der Repression auf unterschiedliche Faktoren zurück. „Es gibt sehr viel Korruption im Land.“ Dies führe dazu, dass die Menschen nach Alternativen zu dem System suchen. Die Technokratie, die im Lande herrsche, stoße viele ab. Im Christentum fänden diese Enttäuschten neue Orientierung. Auch sei zu beobachten, dass gerade unter Intellektuellen die Auseinandersetzung mit christlichen Positionen an Attraktivität gewänne. „Sie stellen sich die Frage: Wieso sieht die westliche Welt so anders aus als unser System? Und das führen sie eben vor allem auf den Einfluss des Christentums zurück.“

Besonders unter Druck wird aus Sicht von Pelster der Klerus geraten. „Die Partei wendet teilweise sehr subtile Mittel an. Ein Beispiel: Priester werden vom Staat zu einem sozialethischen Kongress eingeladen. Der wird aber ganz bewusst in die Karwoche gelegt, damit sie in dieser Zeit keine Messe feiern können.“ Pelster glaubt, dass sich die meisten Geistlichen in einem Gewissenskonflikt befänden. Denn den der Mehrzahl sei schon klar, dass sie ja auch Teil einer Weltkirche seien. Ganz anders aber sieht es auf der Funktionärsebene der Nationalkirche aus, die vom Staat ernannt wird und auch aus Atheisten besteht.

Repressionen betreffen alle Religionen

Insgesamt leben nach Schätzungen von „Kirche in Not“ zwischen 50 und 70 Millionen Christen in China. Sie stellen damit etwa 7,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Unter ihnen bilden die Katholiken mit etwa zwölf Millionen die kleinste Einheit. Die Mehrzahl der Christen gehört protestantischen Gruppen an. Vor allem Hauskirchen erfreuen sich einer besonderen Beliebtheit. Rund die Hälfte der chinesischen Bevölkerung ist religionslos. Unter denen, die einer Religion angehören, bilden die Anhänger der chinesischen Volksreligionen mit rund 30 Prozent die Mehrheit. Danach folgen die Buddhisten mit acht Prozent. Erst dann kommen die Christen auf der Rangliste.

Welche Möglichkeiten bestehen, die Christen in China zu unterstützen? Benedikt Pelster bewertet positiv, dass in den letzten Jahren das Thema Religionsfreiheit in der deutschen Politik an Bedeutung gewonnen habe. „Wenn die Kanzlerin nach Peking reist, dann wird über diese Frage gesprochen“, so sein Eindruck. Auch Volker Kauder, der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, mache sich immer wieder für verfolgte Christen stark. Bei den letzten beiden Bundesregierungen wurde zur Religionsfreiheit jeweils in den Koalitionsverhandlungen ein Passus formuliert“, so Pestler. „Ich hoffe, dass die nächste Bundesregierung es genauso halten wird.“

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