Chimären und andere Kleinigkeiten

Der Deutsche Ethikrat gibt erneut eine gespaltene Stellungnahme ab. Diesmal geht es um den Umgang mit Mensch-Tier-Mischwesen. Von Stefan Rehder
Foto: dpa | Nicht nur eine ethische, sondern auch eine kommerzielle Frage: Bereits im Jahr 2000 demonstrierten Menschen vor dem Europäischen Patentamt gegen Patente, die eine Züchtung menschlicher und tierischer Zellen zur ...
Foto: dpa | Nicht nur eine ethische, sondern auch eine kommerzielle Frage: Bereits im Jahr 2000 demonstrierten Menschen vor dem Europäischen Patentamt gegen Patente, die eine Züchtung menschlicher und tierischer Zellen zur ...

Chimären – Mischwesen aus Mensch und Tier – begegnen den meisten Menschen nur in der griechischen Mythologie, der Märchen- und Sagenwelt oder Science-Fiction-Literatur. Doch seitdem Molekularbiologen und Mediziner damit begonnen haben, zusammenzubringen, was nicht zusammengehört, sind solche Tier-Mensch-Wesen keineswegs mehr ausschließlich Produkte menschlicher Phantasie. Forschung und Medizin kennen inzwischen sogar eine ganze Reihe unterschiedlicher Verfahren, bei denen die Artgrenzen überschritten werden und an deren Ende sogenannte transgene Organismen stehen.

So ist etwa die Schaffung von „Modellorganismen“, bei denen krankheitsspezifische menschliche Gene in das Genom von Mäusen eingebracht werden, in der Forschung seit rund 30 Jahren etabliert. Allein in Deutschland werden jedes Jahr Hunderttausende solcher transgenen Mäuse für die Forschung erzeugt.

Ganze Chromosomen sollen übertragen werden

Ein anderes Beispiel ist die Schaffung transgener Ziegen, deren Genom so verändert wurde, dass sie mit ihrer Milch ein menschliches Protein ausscheiden, das in Arzneimitteln verarbeitet wird. Längst arbeiten Forscher jedoch auch daran, statt einzelner Gene, ganze Chromosomen der einen Art auf eine andere Art zu übertragen.

Aufsehen erregen auch Studien, bei denen menschliche Zellen in das Gehirn von Tieren – darunter waren auch bereits Primaten – eingebracht werden. Mit Hilfe dieser sogenannten Hirnchimären verbinden Forscher die Hoffnung, eine Therapie gegen Parkinson zu finden. Für noch mehr ethischen Sprengstoff sorgen Experimente, bei denen ein menschlicher Zellkern in eine zuvor entkernte tierische Eizelle eingebracht und mit dieser verschmolzen wird. Bei diesen sogenannten Zybriden, deren Schaffung Großbritannien vor einigen Jahren legalisierte, verbleibt allein die tierische Mitochondrien-DNA in der ansonsten vollständig ausgeräumten Eizelle. 99,9 Prozent des Erbgutes solcher Zybride, die im Grunde durch Klonierung entstehen, sind menschlich. Mit all diesen Formen der Schaffung von Chimären und Zybriden hat sich der Deutsche Ethikrat eingehend beschäftigt. In seiner vergangene Woche vorgelegten, fast einhundert Seiten umfassenden Stellungnahme referiert der Ethikrat – durchaus eindrucksvoll – den Stand der Wissenschaft, bemüht sich um deren ethische Reflektion und spart auch nicht mit konkreten Handlungsempfehlungen für den Gesetzgeber. So schlägt das Experten-Gremium vor, das deutsche Embryonenschutzgesetz (ESchG), das es bereits verbietet, menschliche Embryonen auf ein Tier zu übertragen sowie Chimären unter Verwendung menschlicher Embryonen zu erzeugen, zu erweitern. Zur Aufrechterhaltung der Artgrenzen müssten auch die Übertragung tierischer Embryonen auf den Menschen, die Einbringung tierischen Zellmaterials in den Erbgang des Menschen sowie Verfahren verboten werden, die zur Bildung menschlicher Ei- und Samenzellen im Tier führen könnten. Einmütig vertritt der Ethikrat zudem die Auffassung, dass Zybride nicht in eine menschliche oder tierische Gebärmutter übertragen werden dürfen und dass das ESchG hier um ein explizites Verbot ergänzt werden müssen.

Völlig auseinander läuft das Gremium dagegen in der Frage, wie es um den moralischen Statuts solcher Wesen bestellt ist, und ob es überhaupt statthaft ist, sie herzustellen. Das ist insofern keine Überraschung als diese Frage eng verwandt mit der ist, ob es ethisch erlaubt sein könne, vollmenschliche Embryonen für die Forschung mit embryonalen Stammzellen herzustellen oder zu verbrauchen, wenn diese ihrer ursprünglichen Bestimmung, eine Schwangerschaft herbeizuführen, nicht mehr erfüllen können.

Kein Leben, sondern künstliche Artefakte

Denn wer in einem aus einer menschlichen Eizelle und einem menschlichen Spermium künstlich im Labor gezeugten Embryo keinen Menschen zu erblicken können meint, der wird sich noch schwerer damit tun, einen aus einer entkernten tierischen Eizelle und einem menschlichen Zellkern geklonten Zybriden in die Nähe eines menschlichen Wesen zu rücken. Und so wundert es denn auch nicht, dass unter den Ratsmitgliedern, die die Herstellung und Nutzung von Zybriden für ethisch vertretbar halten, sich auch der Stammzellforscher Frank Emmerich, die Juristen Jochen Taupitz sowie der ehemalige Bundesjustizminister Edzard Schmidt-Jorzig und die ehemalige Staatssekretärin Kristina Weber-Hassemer, der Transplantationsmediziner Eckhard Nagel, die Biologen Stefanie Dimmeler und Jens Reich, die Philosophen Volker Gerhardt und Weyma Lübbe sowie die Medizinethikerin Christiane Woopen finden. Sie begründen ihre Haltung unter anderem mit der Behauptung, bei den Zybriden handele es sich um Artefakte. Diese seien nicht durch „funktionale Keimzellen“ gezeugt, sondern aus „manipulierten Zellbestandteilen zusammengefügt“ worden. „Dies und die Tatsache, dass das Stadium der möglicherweise künstlich herbeigeführten Totipotenz lediglich für wenige Tage in Kauf genommen wird, der gesamte Vorgang aber ganz auf die Erzeugung einer Entität gerichtet ist, die sowohl taxonomisch wie ontologisch weder der Gattung Homo noch der anderen beteiligten Tiergattung zuzuordnen“ spreche dafür, „das experimentelle Zellkonstrukt nicht als menschlichen Embryo anzusehen.“ Dass man versuchen könne, „aus dem Artefakt pluripotente Stammzellen für eine Zellkultur zu gewinnen, macht das Artefakt ebenso wenig zum Embryo im Sinne der Definition des Embryonenschutzgesetzes, wie andere Versuche der induzierten Herstellung solcher Zellen aus reprogrammierten Körperzellen diese Zellen zu einem Embryo machen“. „Welche zellbiologischen oder biochemischen Funktionen solche künstlich hergestellten Stammzellen erfüllen, ob sie beispielsweise für Therapien geeignet sind oder nicht“, sei für die ethische Beurteilung des Zybrids „irrelevant“.

Dagegen fordert die andere Hälfte des Gremiums, auch ein Verbot der Herstellung von Zybriden in das ESchG aufzunehmen. Zu ihnen gehören unter anderem der Augsburger Weihbischof Anton Losinger, der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff, der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber und der Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland Christoph Kähler, aber auch der Medizinethiker Axel W. Bauer, die Juristin Ulrike Riedel sowie der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel.

Zybrid-Zellen werden von Menschen-DNA gesteuert

Nach ihrer Auffassung kommt der aus einem menschlichen Zellkern und einer tierischen Eizellhülle entstandene Zybrid „dem menschlichen Embryo von seiner Grundstruktur her sehr weitgehend nahe, da in seinem Zellkern alle Wesensmerkmale für ein menschliches Individuum angelegt sind“. Schon nach kurzer Zeit würden in den Zellen des Zybrids nahezu alle Proteine von der menschlichen DNA bestimmt. Es verblieben „nur ein winziger Rest mitochondrialer tierischer DNA und wenige tierische Proteine, die aber keine Wesensmerkmale und übergeordnete Funktionen“ des entstandenen Individuums steuerten. Damit sei die Zuordnung des Zybrids „zur Einheit Mensch aufgrund seiner molekulargenetischen Klassifizierung gegeben“. Auch müsse man „aufgrund des im Zybrid von Anfang an vorhandenen genetischen Musters davon ausgehen, dass humanspezifische Befähigungen, die sich erst im Laufe der pränatalen und postnatalen Entwicklung entfalten, von Anfang an angelegt“ seien. Der Zybrid weise „alle Eigenschaften einer menschlichen befruchteten Eizelle auf“. Auch machen die Ratsmitglieder darauf aufmerksam, dass die „Nahezu-Identität“ des Zybrids von den Forschern „bewusst angestrebt“ werde, um aus ihm für die Anwendung am Menschen nutzbare pluripotente Stammzellen gewinnen zu können. Zybride seien „daher in ihrem moralischen Status nicht grundsätzlich von menschlichen Embryonen in den ersten Stadien der Zellteilung zu unterscheiden“, vielmehr seien sie „wie eine befruchtete menschliche Eizelle der Art Mensch zuzuordnen“. Daher komme ihnen „im vollen Umfang der Schutz vor ihrer Verwendung und Vernichtung im Rahmen von Forschungszwecken zu“.

Nun hat der Gesetzgeber die Wahl, welcher Sichtweise er sich anschließen will. Man darf also gespannt sein.

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