Ouagadogou

Burkina Faso: Christen leiden unter islamistischem Terror

Christen haben in Burkina Faso grausames zu berichten. Betroffene erzählen von ihren schrecklichen und schockierenden Erlebnissen.
Burkina Faso: Im Fadenkreuz dschihadistischen Terrors
Foto: Oliver Maksan | Die Tagespost sprach mit Überlebenden von Anschlägen, die dennoch voller Überzeugung am christlichen Glauben festhalten. Aber auch Muslime werden zu Opfern.

An die neue Frontlinie des globalen Kalifats sind es von Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou aus kaum zwei Autostunden. Durch das flache, fast baumlose rote Land des Zentralplateaus geht es an armseligen Lehmhütten vorbei nach Norden. Dorthin, in eine Stadt, deren Name aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden kann, haben sich dutzende katholische Priester und Katechten mit ihren Familien geflüchtet. Viele ihrer Gläubigen sind ihnen gefolgt. Zu unsicher ist die Lage in den teils weit entfernten Landpfarreien. Doch auch jene Stadt ist alles andere als ein sicherer Hafen. Einerseits für die Priester und Katechten, die nach wie vor im Visier der Dschihadisten sind. Aber auch nicht für ihre Besucher. "Wissen Sie, wie gefährlich es ist, dorthin zu fahren?", fragt anderntags entgeistert ein europäischer Diplomat. "Weiße fallen auf. Europäer sind als Entführungsopfer begehrt. Die Terroristen haben auch in der Stadt ihre Verbindungsleute, die sie via Smartphone informieren. Eine Verschleppung in die von den Terroristen kontrollierten Gebiete kann blitzschnell gehen. Zwanzig Minuten Autofahrt von der Stadt sind nämlich die Barbaren."

"Ehe sie unsere Brüder erschossen,
riefen sie jedes Mal Allahu akbar"

Jean (Name aus Sicherheitsgründen geändert) weiß, wovon der Diplomat spricht. Er hat die Barbaren erlebt. Dem stillen jungen Mann fällt es sichtbar schwer, über das Schreckliche zu reden, das er gesehen hat. "Ehe sie unsere Brüder erschossen, riefen sie jedes Mal Allahu akbar", erinnert sich der Katholik aus dem Ort Dablo. Dort wurden am 12. Mai letzten Jahres sechs Männer wegen ihres christlichen Glaubens ermordet, darunter der Ortspriester   und Jeans Vater. Jean erinnert sich unter Tränen an den zunächst friedlichen Sonntagmorgen, als die Katholiken des Ortes in der Pfarrkirche zur Messe versammelt waren. Nur durch Glück überlebte er den dem Ablauf nach typischen Angriff: Etwa vierzig Männer auf Motorrädern nähern sich in hohem Tempo und schwer bewaffnet. Hit and run, schnell kommen und wieder gehen: Nicht zufällig erinnert diese Art des Angriffs an den Islamischen Staat und sein Vorrücken im Nahen Osten. Kaum 45 Minuten dauerte die Aktion. "Ehe sie Teile der Kirche in Brand steckten, riefen sie den verängstigen Gläubigen zu: Bekehrt euch zum Islam. Euch erwartet ansonsten die Todesstrafe, wenn wir wiederkommen. Kreuze und liturgisches Gerät landeten im Feuer. Den Tabernakel wollten sie aufbrechen, schafften es aber nicht", berichtet Jean. Er lebt heute als Flüchtling. Eine Rückkehr in seine Heimat ist derzeit undenkbar. Trost ist dem traumatisierten Mann sein Glaube. Doch er bittet beim Abschied: "Betet, dass ich ihn nicht verliere."

Mit brutalen Überfällen wollen die Dschihadisten Angst und Schrecken verbreiten. Und das mit Erfolg. Mindestens 70 000 Christen sind auf der Flucht. Weil sie in den vom Terror betroffenen Gebieten weniger stark vertreten sind als im Rest des Landes mit seinem Christenanteil von dreißig Prozent, sind die meisten Flüchtlinge Muslime. Sie machen im Rest des Landes sechzig Prozent aus, in den besonders betroffenen Gebieten aber teilweise über neunzig. Insgesamt sind nach Regierungsangaben Stand Februar über 765000 Menschen   Muslime, Christen, Animisten   zu Binnenflüchtlingen geworden. Wahrscheinlich sind es aber mittlerweile mehr als eine Million   bei einer Gesamtbevölkerung von 20 Millionen. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen spricht bereits davon, dass Burkina Faso drohe, ein neues Syrien zu werden. Besonders 2019 wird als Terrorjahr in die Geschichte des Landes eingehen. In keinem Land der gebeutelten Sahel-Zone gab es im vergangenen Jahr so viele dschihadistische Anschläge wie in Burkina Faso. Erstmals wurden Kirchen zu Anschlagszielen, nachdem vorher vor allem staatliche Einrichtungen, Schulen und örtliche Honoratioren das Ziel waren. 2018 auch die französische Botschaft mitten in Ouagadougou. Sechs der fünfzehn katholischen Diözesen sind mittlerweile vom Terror betroffen. Vorläufiger Höhepunkt des Dschihad gegen die Christen: der 16. Februar diesen Jahres in Pansi. 24 Besucher einer protestantischen Kirche wurden von Angreifern ermordet, 18 schwer verletzt.

Übergänge zwischen Dschihad und organisiertem Verbrechen sind fließend

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Selbst der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen im fernen New York reagierte angesichts der Gewalteskalation im vergangenen Jahr: Am 23. Februar setzte er zwei Organisationen auf die sanktionierte Terrorliste, die als Teil des globalen IS-Netzwerks auch in Burkina Faso operieren: den Islamischen Staat in der Groß-Sahara sowie den Islamischen Staat in der Westafrikanischen Provinz. "Wir sagen, dass wir den Islamischen Staat in Syrien und im Irak ausgelöscht haben. Aber fragt man sich auch, wo diese Leute hingegangen sind?", fragte kürzlich ein Vertreter des UN-Generalsekretärs in der Sahel-Zone im Interview mit dem Sender Al Dschasira. "Es weht ein Wind Richtung Sahel."

Noch immer schauen die Burkinab  ungläubig auf das, was dieser Wind nach Burkina Faso weht, dem Land der ehrbaren Männer, wie der Landesname übersetzt heißt. Dabei waren sie so stolz auf das trotz der vielen Völker, Religionen und Sprachen relativ friedliche Land. Doch warum rückt die 1960 unabhängig gewordene frühere französische Kolonie Obervolta seit 2015 zunehmend in den Fokus des Terrors? Es ist ein ganzes Bündel von Ursachen. Die teilweisen Parallelen zum Aufstieg des Dschihadismus in Syrien und Irak sind frappant. Da sind wirtschaftliche Perspektivlosigkeit junger Männer und systematische Vernachlässigung des ländlichen Raumes. Hinzu kommen vom Klimawandel verschärfte Landkonflikte zwischen Hirten und Sesshaften, die entlang ethnischer Linien verlaufen. Besonders aus der Gruppe der halbnomadisch lebenden Fulani werden die lokalen Handlanger des Dschihad rekrutiert. Auch beim eingangs geschilderten Angriff will Jean ihre Sprache Fulfulde erkannt haben. Die Übergänge zwischen Dschihad und organisiertem Verbrechen sind dabei fließend. Religiöser Eifer einer teils importierten, teils einheimischen Führung verbündet sich mit notdürftig religiös ummäntelten Motiven lokalen Fußvolks. Kriminelle, im Drogen-, Waffen- und Menschenhandel aktive Banden unterstellen sich den Dschihadisten und bezahlen den Zakat, den Zehnten. Sie profitieren vom Zusammenbruch staatlicher Ordnung und sind gern dazu bereit. Die Dschihadisten wiederum nehmen das Geld umstandslos. Waffen sind zudem in Fülle vorhanden, seit der Zusammenbruch von Gaddafis Libyen 2011 den Bestand der Arsenale seiner Armee auf die Schwarzmärkte spülte.

Schwache Armee, schwache politische Führung

Den im Chaos gedeihenden Kräften steht eine schwache Armee und politische Führung gegenüber. Die Parteigänger des 2014 durch Volksproteste gestürzten burkinesischen Langzeitherrschers Compaor  gönnen der Regierung von Präsident Kabor  keinen Erfolg im Kampf gegen den Terror. Dabei war es das alte Regime, das aus Angst vor Coups die Armee systematisch schwächte. Stattdessen stützte Compaor  sich auf eine handverlesene Präsidentengarde. Diese wurde von der Nachfolgeregierung aufgelöst. Es soll jetzt Beziehungen von Mitgliedern der entlassenen Prätorianer zu den Terroristen geben   auch das eine Parallele zum Irak, wo sunnitische Offiziere von Saddams aufgelöster Armee sich mit dem IS verbündeten. In ihrer Not bewaffnet die Regierung von Präsident Kabor jetzt ethnische Milizen zur Selbstverteidigung mit Waffen - nach Meinung mancher Beobachter das Rezept für einen Bürgerkrieg. Vergeltungsanschläge wie am vergangenen Sonntag auf ein Dorf der Fulani im Norden mit über 40 Toten sind ein Fanal.

"Das Ziel der Dschihadisten ist, einen Religionskrieg zu entzünden", erklärt ein katholischer Priester. Aus Sicherheitsgründen können weder Name noch Funktion genannt werden. Zu leicht wäre seine Identifizierung. Noch vermochten es die Dschihadisten nicht, Burkinas Christen und Muslime gegeneinander aufzuhetzen, meint er. Doch wird das so bleiben? "Es gibt eine wachsende Islamisierung. Der Islam in unserem Land hat sich verändert. Noch in meiner Kindheit war das Zusammenleben problemlos, zumal wir häufig unterschiedliche Religionszugehörigkeiten in ein- und derselben Familie hatten. In den letzten zwanzig Jahren änderte sich das. Der Einfluss des Wahabismus von der Arabischen Halbinsel wurde spürbar. Plötzlich gratulierten uns manche Muslime nicht mehr zu unseren Festen. Viele Männer kleideten sich nach Art der Salafisten. Den Frauen wurde der Schleier von außen aufgezwungen. Das war vorher nicht so." Auf die Frage, ob die islamischen Autoritäten des Landes den dschihadistischen Terror verurteilten, verneint er. "Sie haben alle Angst. Wer die Dschihadisten öffentlich verurteilt, kann das nächste Opfer werden."

Jede religiöse Konnotation des Konflikts wird vermieden

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Die katholische Kirchenführung tut derweil alles, kein weiteres Öl ins Feuer zu gießen. In Burkina spricht man konsequent von Terroristen statt von Dschihadisten. Jede religiöse Konnotation des Konflikts wird vermieden. "Das hier ist kein Religionskrieg", meint ganz auf dieser Linie Ouagadougous Erzbischof Kardinal Philippe Ou draogo, als er "Die Tagespost" in seinem Haus empfängt. Auch einen ethnischen Konflikt will er nicht erkennen. "Der islamisch-christliche Dialog geht weiter wie bisher. Er ist sogar noch stärker. Wir stehen zusammen", sagt er beschwörend. Auf die Frage, wie er die Zukunft für die Christen seines Landes einschätzt, hofft er auf Beistand von oben. "Unsere Kalaschnikow ist das Gebet", sagt er. Die katholische Kirche des Landes bereitet sich derweil auf ein Leben mit dem dschihadistischen Terror vor. Später im Jahr wird es eine Konferenz geben zum Thema Kirche und Sicherheit. Sollen Christen ein sichtbares Kreuz tragen   und sich so zum leicht erkennbaren Ziel machen? Sollen die Sonntagsmessen auf andere Tage verlegt werden, um es den Angreifern nicht zu leicht zu machen? Sollen Kirchen von hohen Mauern umgeben werden?

Ein europäischer Diplomat, der in seiner Botschaft zum Sicherheitsbriefing empfängt, ist verhalten optimistisch, wenn er in die Zukunft blickt. "Wenn es gut geht, bringen die Wahlen im November mehr politische Stabilität und die Mobilisierung in der Bevölkerung Erfolge im Kampf gegen den Terror." Damit könne eine weitere Ausweitung des Terrors wenigstens aufgehalten werden. Und wenn nicht? Was passiert dann mit Burkina Faso? Seine Antwort kommt schnell und ist kurz. "Scharia."

 

Hintergrund:

Wie ein Krebsgeschwür frisst sich der dschihadistische Terror seit 2015 in das Staatsgebiet von Burkina Faso. Nebenstehende Karte zeigt, wie das französische Außenministerium Ende 2019 die Lage einschätzte: die orange gefärbten Flächen bezeichnen die vom Terror unmittelbar betroffenen Krisengebiete. Besonders die Grenzgebiete zu den ebenfalls vom Terror heimgesuchten Nachbarländern Mali und Niger sind betroffen. Die Terroristen operieren grenzübergreifend. Der Rest des Landes gilt als potentiell gefährdet. Das amerikanische Außenministerium geht mit seiner Reisewarnung weiter. Im Grunde bleibt nach Einschätzung des State Department nur die Hauptstadt und das nähere Umland für Ausländer besuchbar. Der Rest des Landes gilt als zu gefährlich.

Das Christentum gelangte Ende des 19. Jahrhunderts mit französischen Missionaren in das Gebiet des heutigen Burkina Faso. Systematische Missionierungsbemühungen setzten nach 1900 ein und wurden besonders vom Orden der Weißen Vätern getragen. Heute sind nach Schätzungen etwa 25 Prozent der 20 Millionen Burkinab  Katholiken. Etwa 5 Prozent gehören protestantischen Freikirchen an, zu denen das Verhältnis nicht immer einfach ist. Ihnen stehen etwa 60 Prozent Muslime gegenüber. Der Rest der Bevölkerung gehört der traditionellen Religion an. Häufig hängen aber auch getaufte Christen den alten Praktiken an. Synkretismus ist weit verbreitet. Die katholische Kirche wächst indes nach eigenen Angaben neben natürlichem Zuwachs auch durch Konversionen von Muslimen und Animisten. Burkina Faso ist ein säkularer Staat. Der Islam ist zwar Mehrheits-, nicht aber Staatsreligion.
Das internationale katholische Hilfswerk "Kirche in Not" (www.kirche-in-not.de) besuchte Ende Februar mit einer Delegation das Land, um sich ein Bild von der Lage zu machen und mit der Ortskirche über Hilfsprojekte für die verfolgten Christen des Landes zu beraten. "Die Tagespost" konnte die Reise
begleiten.

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