Belo Horizonte

Brasiliens Präsidenten-Pandemie

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro büßt wegen seines Corona-Managements massiv bei den Beliebtheitswerten ein. Die Evangelikalen halten ihm die Treue. Die katholische Kirche kritisiert ihn stark.
Coronavirus - Brasilien
Foto: Eraldo Peres (AP) | Brasiliens Präsident Jair Bolosnaro sucht bei einer Veranstaltung Anfang dieser Woche Kontakt zu Anhängern. Seine Beliebtheitswerte sind wegen seines Pandemie-Managements stark gefallen.

Als der frühere Fallschirmjägeroffizier und rechte Politaußenseiter Jair Bolsonaro Anfang 2019 an die Macht kam, erreichte er dies mit dem Versprechen, eines der größten Übel Brasiliens zu bekämpfen: die Korruption. Er versprach außerdem Wirtschaftsreformen und eine konservative Werteagenda. Dies half ihm, die Unterstützung von großen Teilen der brasilianischen Mittelschicht und der Unternehmenselite zu gewinnen, die noch immer überwiegend katholisch sind.

Im Land herrschen Korruption und Gewalt

Lesen Sie auch:

Zwei Jahre später istBolsonaros Brasilien noch immer beherrscht von Korruption sowie Gewalt und ist zudem einer der schlimmsten Hotspots der Corona-Pandemie geworden. Mindestens 330.000 Menschen sind in dem Land von 210 Millionen Einwohnern laut amtlichen Statistiken an oder mit dem Virus verstorben. Aktuell wütet die Seuche besonders heftig; an manchen Tagen sterben zwei bis dreitausend Menschen. Bolsonaro zählt zu den Regierungschefs mit einer der extremsten Haltungen in der Pandemie. Obwohl der 66-Jährige selbst an dem Virus erkrankt war, leugnet er weiterhin die Gefährlichkeit. So wie eine „kleine Grippe“ sei Corona. Die Bürger sollten keine „Heulsusen“ sein, sondern „sich wie Männer“ verhalten.

Politisch verhängte Quarantäne-Maßnahmen seien schlimmer als Covid, sagt er, die Wirtschaft müsse weiterlaufen. Der Präsident lehnte das Tragen von Masken bis vor kurzem ab und kämpft mit allen Mitteln gegen Gouverneure von Bundesstaaten, die Quarantäne und Abstandsregeln eingeführt haben. Die Impfkampagne kommt erst jetzt langsam in Gang. Schon drei Gesundheitsminister hat Bolsonaro entlassen beziehungsweise sie sind zurückgetreten. Vor kurzem beförderte er den Kardiologen Marcelo Queiroga als Ersatz für den General Eduardo Pazuello an die Spitze des Gesundheitsministeriums. Bolsonaros Beliebtheitswerte sind in der Pandemie gesunken. Seit die Fallzahlen im vergangenen Monat in die Höhe schossen, verschlechterte sich das Bild wieder. 43 Prozent nennen nun Bolsonaro laut Datafolha-Umfragenden Hauptverantwortlichen für die Krise. 52 Prozent sagen, sein Krisenmanagement sei „schrecklich“. „Die Mittelschicht hat jetzt auch Angst, weil der Zusammenbruch, der vorher das öffentliche System betroffen hat, jetzt auch Privatkliniken erreicht hat“, sagt der Journalist Richard Lapper, Autor des Buchs „Beef, Bullets and Bible: Brazil in  the Age of Bolsonaro“.

Kirche geht mit Bolsonaro scharf ins Gericht

Der Präsident hat inzwischen die Unterstützung einiger Partner aus der breiten Mitte-Rechts-Koalition verloren, die ihm anfangs beim Kampf gegen die Korruption nach dreizehn Jahren Regierungen der linken Arbeiterpartei applaudierten. Auch die katholische Kirche geht mit Bolsonaros Regierung hart ins Gericht. „Es ist die notorische Ineffizienz der Bundesregierung, die für die Tragödie hauptsächlich verantwortlich ist, die wir durchleben“, heißt es in einem Brief von Mitte März der Kirche und ziviler Organisationen, die sich zum „Pakt für das Leben und für Brasilien“ zusammengeschlossen haben. Der Rektor der päpstlichen katholischen Universität von Minas Gerais, Joaqim Mol Guimaraes, Weihbischof von Belo Horizonte, sagte später in drastischen Worten: „Die Brasilianer sind Geiseln des genozidalen Jair Bolsonaro, der das Präsidentenamt mit einer Gang von Fanatikern besetzt, die von faschistischer Irrationalität geleitet werden.“

Auch aus der Wirtschaft kommt nun viel Kritik. In einem offenen Brief kritisierten Unternehmer, die Regierung ignoriere die Wissenschaft, ermuntere Menschen zu unverantwortlichem Verhalten, empfehle unbelegte Behandlungsmethoden und flirte mit der Anti-Impf-Bewegung. Auch die Spitzen der Streitkräfte haben sich gegen Bolsonaro wegen der Entlassung eines Verteidigungsministers gewandt – der Präsident hat prompt Ende März die Kommandeure von Heer, Marine und Luftwaffe ausgetauscht. In den mittleren und unteren Rängen der Armee genießt er aber noch viel Rückhalt. Politisch ist der gemäßigte Flügel der Regierungsallianz auf Finanzminister Paulo Guedes geschrumpft, dessen Macht aber sehr begrenzt scheint. Stattdessen hat Bolsonaro, um seine Regierung zu retten, seine Allianz mit den Pfingstlern und evangelikalen Gemeinschaften verstärkt. Nach mehreren Kabinettsumbildungen haben nun evangelikale Pastoren drei Ministerposten inne, nämlich das Bildungs-, das Justiz- und das Familienressort. Am Wochenende traf sich Bolsonaro mit den Anführern wichtiger evangelikaler Gemeinschaften und bat sie nach Angaben von „O?lobo“ darum, einen „evangelikalen Cordon“ zu bilden. Gemeinsam mit ihnen will er in der Wahl 2022 bestehen.

Für den Präsidenten wird es immer enger

Zusätzlich wandte sich Bolsonaro jüngst dem Block von Parteien zu, die als „Centrão” (Zentrum) bekannt sind. Diese Parteien haben keine erkennbaren ideologischen oder weltanschaulichen Prinzipien, sondern sind allein daran interessiert, Regierungsposten zu besetzen. Viele ihrer Vertreter gelten aber auch als korrupt. Arthur Lira, einer der Anführer des Centrão und heute Präsident der Abgeordnetenkammer, war eines der Hauptziele der Ermittlungen zum gigantischen „Lava Jato“-Korruptionsskandal mit Milliardenschäden vor einigen Jahren, der die politische Elite derart in Verruf brachte, dass Bolsonaros Aufstieg überhaupt erst möglich wurde. Brasiliens politische Landschaft ist sehr fragmentiert mit mehr als einem Dutzend kleinen Parteien. Auf der Linken ist derweil der frühere Präsident Luis Inácio Lula da Silva wieder auf die politische Bühne zurückgekehrt, Für den Präsidenten wird es zunehmend eng.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Marcela Vélez-Plickert

Kirche