Politik

Bolsonaro macht gegen "Klerus der Linken" mobil

Vor der Amazonas-Synode: Brasiliens Präsident sieht in der befreiungstheologisch geprägten Kirche seines Landes einen Verbündeten seiner Gegner. Von Marcela Vélez-Plickert
Brazil's President  Lula da Silva meets archbishop of Sao Paulo Cardinal Hummes in Brasilia
Foto: Reuters | Kardinal Hummes, damals noch Erzbischof von Sao Paulo, hat vor einem Jahrzehnt den Präsidenten der Arbeiterpartei, Luiz Inácio Lula da Silva (r.), unterstützt. Deswegen schaut Brasiliens Rechte skeptisch auf ihn.

Weniger als zwei Monate nach seinem Amtsantritt hat Brasiliens rechtsgerichteter Präsident Jair Bolsonaro den ersten offenen Konflikt mit der katholischen Kirche. Es geht um den Umgang mit dem Amazonas-Gebiet und den dort lebenden Völkern. Von einem „Rückfall in Praktiken der Diktatur“ sprach der örtliche Bischof Evaristo Pascoal Spengler, nachdem eine Zeitung in Sao Paulo aufgedeckt hatte, dass der Geheimdienst Treffen in Pfarrgemeindehäusern „beobachte“, in denen die kommende Amazonas-Synode vorbereitet wird. Spengler, der Bischof von Marajó, einer Stadt im Bundesstaat Pará im Amazonasgebiet, ist einer der Organisatoren der Vorbereitungstreffen.

Offiziell trägt die Synode den Titel „Amazonien – Neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie“. Sie wird im Oktober im Vatikan stattfinden. Anstöße für das Projekt hat Papst Franziskus schon vor zwei Jahren gemacht. Bei einem Besuch in Peru betonte er Anfang 2018, wie wichtig die Erfahrungen der indigenen Völker Amazoniens für die Kirche und die Menschheit seien. Zugleich kritisierte er scharf die zunehmende Bedrohung dieser Völker.

Die Synode in Rom wird 23 Tage lang verschiedene Aspekte diskutieren. Eingeladen sind Vertreter der Ureinwohner des Amazonasgebiets und von Umweltorganisationen. Die ökologische Situation, der Klimawandel, die politischen Rechte der indigenen Völker und ebenso die Regierungspolitik der neun Amazonas-Anrainerstaaten sind Themen. Das Einzugsgebiet des Flusses umfasst eine Fläche von etwa sieben Millionen Quadratkilometern, rund zwanzig Mal so groß wie die Bundesrepublik. Sie ist überwiegend mit riesigen tropischen Wäldern bestanden; die größten Teile davon liegen in Brasilien und Peru.

Die Synode, so die Bischofskonferenz von Brasilien, soll eine Veranstaltung „der Kirche für die Kirche“ sein. Aber die Regierung von Bolsonaro ist davon nicht überzeugt. Sie verfolgt die Vorbereitungen mit Misstrauen. Der Minister für innere Sicherheit Augusto Heleno Ribeiro, ein pensionierter General, sagte gar, die Regierung wolle die Wirkung der Synode „neutralisieren“. Die Synode wird als ausländische Einmischung in die Angelegenheiten und Interessen Brasiliens angesehen.

„Linkskleriker“ sind Feindbild der Regierung

Seit Jahrzehnten gibt es im Militär die Auffassung, dass Teile der brasilianischen Kirche Verbündete der Linken und der sozialen Bewegungen sind, der sogenannte „Klerus der Linken“. Laut Dokumenten, welche die Zeitung „Estado do Sao Paulo“ zitierte, befürchtet nun das brasilianische Amt für innere Sicherheit, dass diese „Linkskleriker“ die Synode für einen Prozess auf internationaler Bühne gegen die Bolsonaro-Regierung benutzen werden. Kritiker werfen der Bolsonaro-Regierung vor, den Schutz des Amazonasgebiets aufzuweichen und wirtschaftlichen Interessen zu opfern. Teile der Kirche versuchen den Konflikt herunterzuspielen. „Das zentrale Thema (der Synode) ist die Evangelisierung und das dringendste ist die Eucharistie, die nicht gefeiert werden kann wegen Priestermangel“, schrieb Eduardo Castriani, Erzbischof von Manaus, in einem Kommentar. „Dazu kommen die Sorgen um unser gemeinsames Zuhause, für die integrale Ökologie. Darüber können uns die indigenen Völker viel lehren.“ Sehr viel direkter drückt es Bischof Spengler, ein Franziskaner, aus. In einem Brief, den die Bischofskonferenz veröffentlicht hat, schreibt Spengler: „Die Amazonas-Synode ist der Moment, in dem die Kirche zeigen muss, auf welcher Seite sie steht, auf der Seite der Schwächsten, der Ärmsten, der indigenen Völker.“

Auch wenn noch keine Details von Bolsonaros Agenda bezüglich des Amazonasgebiets bekannt sind, gibt es doch große Sorgen. Im Wahlkampf versprach er, den „Umweltaktivismus“ zu stoppen, der den „produktiven Sektor“ behindere – damit ist beispielsweise die Holzwirtschaft gemeint. Außerdem sagte Bolsonaro, dass er die Landübertragung an Ureinwohner beenden werde. Und er will eine mögliche Nutzung des Amazonas für Wasserkraftwerke wieder untersuchen lassen. Umweltgruppen sehen in Bolsonaros Agenda Ähnlichkeiten mit dem „Fortschritt um jeden Preis“, den die Militärdiktatur in den sechziger bis achtziger Jahren im Amazonasgebiet verfolgte. Um das Jahr 1975 gründeten katholische Priester in der Region die pastorale Kommission für das Land, welche die Misshandlung der Ureinwohner-Völker und von Landarbeitern anprangerte. Die Diktatur verfolgte damals Priester und Nonnen, einige wurden getötet. Nach dem Ende der Diktatur in den achtziger Jahren war die Amazonas-Kommission der traditionelle Verbündete der linken Arbeiterpartei. Kardinal Claudio Hummes, der Erzbischof von Sao Paulo und enger Freund von Papst Franziskus, unterstützte damals den späteren Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva bei der Gründung des Partido de los trabahadores (PT), die sich teils in Kirchen traf. Mit Lula war Hummes bis zuletzt eng befreundet. Der Ex-Präsident sitzt heute nach Korruptionsprozessen im Gefängnis.

Papst-Vertrauter unterstützte Arbeiterpartei

Hummes ist von Papst Franziskus beauftragt, das Vorbereitungstreffen für die Synode zu koordinieren. Die Rolle von Hummes zeigt eine Besonderheit der brasilianischen Kirche im lateinamerikanischen Vergleich. Während in den meisten Ländern der Region die Anhänger der linken Befreiungstheologie eher in den unteren Rängen und an den Rändern der Kirche blieben, sind die Unterstützer der „progressiven Kirche“ im brasilianischen Klerus bis in die Spitze zu finden. Die Nähe einiger Kirchenvertreter zur PT ist für Bolsonaro ein Grund, dass er die katholische Kirche als Unterstützer seiner politischen Gegner sieht. Schon im Wahlkampf wurde das deutlich. Die größte Zustimmung erhielt er von den Anhängern der evangelikalen Freikirchen. Bolsonaro nannte die katholischen Bischöfe einmal „das verrottete Herz der Kirche“. Umgekehrt hat die Bischofskonferenz eine direkte Konfrontation gescheut.

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