„Boko Haram“ ist noch nicht besiegt

Nigerias Armee befreit mehr als 800 Geiseln aus den Händen der Terrormiliz. Von Carl-Heinz Pierk
Foto: dpa | 829 Geiseln will die nigerianische Armee aus den Händen der Islamisten von Boko Haram befreit haben. Noch ist allerdings nicht klar, ob die Befreiung wirklich ein Verdienst der Armee ist.
Foto: dpa | 829 Geiseln will die nigerianische Armee aus den Händen der Islamisten von Boko Haram befreit haben. Noch ist allerdings nicht klar, ob die Befreiung wirklich ein Verdienst der Armee ist.

Seit Jahren kämpft die nigerianische Armee gegen die islamistische Terrororganisation „Boko Haram“. Immer wieder gibt es kleine Erfolge, die als große Siegesmeldungen gefeiert werden. Nachzuprüfen sind sie indes nicht wegen der unsicheren Lage im Nordosten Nigerias.

Die Terrororganisation will im muslimisch geprägten Nordosten einen islamistischen Staat errichten. Im Visier der Islamisten stehen neben moderaten Muslimen vor allem Christen. Nach einem jüngst veröffentlichten Bericht des überkonfessionellen Hilfswerks Open Doors wurden im Norden des Landes in den Jahren 2006 bis 2014 rund 11 500 Christen getötet und 13 000 Kirchen zerstört oder geschlossen. Darüber hinaus hätten 1,3 Millionen Christen vor der Gewalt fliehen müssen. Weil gerade an religiösen Festen die Gefahr terroristischer Anschläge besteht, hatten die Kirchen zu den Osterfeiertagen ihre Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Zudem wurde die Präsenz der Sicherheitsbehörden vor allem in den Städten erhöht.

„Boko Haram“ entstand 2002 in Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaates Borno im Norden Nigerias. Ihr Name heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist Sünde“. Bisher starben durch Attacken der Islamisten 17 000 Menschen, 2,5 Millionen Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Für internationale Aufmerksamkeit sorgte im April 2014 die Entführung von 276 Mädchen, in der Mehrzahl Christinnen, aus einer Schule in Chibok. Weltweit forderten die Menschen in den sozialen Netzwerken: „Bring back our girls“. Zwar gelang einer Reihe von ihnen die Flucht, doch 219 werden bis heute vermisst.

Nach Medienberichten soll jetzt eine dieser Internats-Schülerinnen aufgetaucht sein. Ein 15-jähriges Mädchen soll sich in Kamerun den Behörden gestellt haben, statt ihren Sprengstoff zu zünden und einen Selbstmordanschlag zu verüben. Die Terroristen zwingen häufig Kinder, Jugendliche und Frauen zu Anschlägen. Unter welchen Umständen sie diese Menschen dazu bringen, sich in die Luft zu sprengen, ist weitgehend unklar. Ob dieses Mädchen aus der Chibok-Gruppe stammt, bezweifelt Ulrich Delius, Afrikareferent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), gegenüber der „Tagespost“.

Delius rückt auch die als großen Erfolg der nigerianischen Armee gepriesene Befreiung von mehr als 800 Geiseln aus den Händen der Islamistengruppe in ein anderes Licht: „Es ist bislang nicht klar, ob dies ein Verdienst der Armee war, die sich natürlich dessen brüstet, oder ob es sich um einen Taktik-Wechsel von ,Boko Haram' handelt.“ Die nigerianische Armee hatte nach eigenen Angaben Ende vergangener Woche 829 Geiseln aus den Händen der Terrororganisation befreit. Bei zwei Aktionen sind demnach auch Dutzende Terroristen getötet worden. In der Region Kala Balge hätten Soldaten „22 Terroristen“ getötet und 309 von ihnen festgehaltene Geiseln befreit, teilte ein Armeesprecher mit. An einem anderen Ort seien 520 Geiseln befreit worden, nachdem sich Soldaten ein Feuergefecht mit den Entführern geliefert hätten. Dabei seien drei „Boko Haram“-Mitglieder getötet und ein weiteres festgenommen worden.

Gleichzeitig nahmen die Islamisten in einer anderen Region 16 neue Geiseln. Definitiv sei „Boko Haram“ durch die Aktionen der nigerianischen Armee zwar geschwächt, betont Delius gegenüber dieser Zeitung, aber „brandgefährlich“ sei die Terrorgruppe noch immer. Jeden Monat würden noch immer rund 70 Zivilisten aufgrund ihres Terrors sterben. „Dabei hatte die Armee versprochen, ,Boko Haram' bis Januar 2016 zu zerschlagen, das ist ihr nicht gelungen.“

Die Terrormiliz sei in militärischer Hinsicht vernichtet, betonte Bischof Bruno Ateba Edo gegenüber dem kirchlichen Hilfswerk „Kirche in Not“, schränkt aber zugleich ein: „Was bleibt, sind die Selbstmordattentäter. Früher hat ,Boko Haram‘ bewaffnete Angriffe verübt, heute sind es Anschläge (…). Das macht die Situation in gewisser Weise noch gefährlicher. Wer kann schon einzelne Personen überwachen?“ Ateba Edo Ateba Edo leitet seit 2014 die Diözese Maroua-Mokolo, die zu den am meisten gefährdeten Gebieten gehört. Die zunehmende Zahl von Selbstmordanschlägen deutet jedenfalls darauf hin, dass „Boko Haram“ militärisch unter Druck steht.

Lange galt die Terrorbewegung als internes nigerianisches Problem. Doch mittlerweile schlagen die Terroristen auch in den Nachbarländern Kamerun, Niger und Tschad zu. Inzwischen überzieht die Miliz die gesamte Region mit Terror, und der Kampf gegen sie wird immer schwieriger. Wenig erfolgreich ist bisher eine regionale Friedenstruppe der Afrikanischen Union.

Die Eingreiftruppe war im Mai 2015 auf 8 700 Soldaten ausgebaut worden, um „Boko Haram“ länderübergreifend zu bekämpfen. Neben Nigeria und Kamerun wollen auch Tschad und Niger Truppen stellen. Die Soldaten sollen insgesamt unter nigerianischer Führung kämpfen. Nigerias neuer Präsident Muhammadu Buhari warb nach Besuchen in Tschad und Niger auch in Kamerun um Unterstützung im Kampf gegen die Terrormiliz. Auch die Verteidigungsminister und Armeechefs von Südafrika und Nigeria beschlossen den gemeinsamen Kampf gegen die islamistische Terrormiliz. Konkret sollen Spezialeinheiten beider Länder gemeinsam trainieren, militärisches Equipment zur Verfügung gestellt und logistische Hilfe geleistet werden. Medienberichte am Kap, wonach südafrikanische Spezialkräfte in Nigeria an Kampfhandlungen beteiligt werden sollen, wurden jedoch dementiert.

Mittlerweile soll „Boko Haram“ beste Kontakte zu Al Kaida im Islamischen Maghreb haben, zu den somalischen Dschihadisten von Al Schabaab, und möglicherweise auch zum sogenannten „Islamischen Staat“ in Syrien und im Irak. Ulrich Delius meint jedoch: „Die Kontakte zum ,Islamischen Staat‘ muss man mehr als Franchising-Beziehung verstehen, die Beziehungen zu ,Boko Haram‘ sind eher locker.“

Nigerias Präsident Buhari hat „Boko Haram“, wie sein Vorgänger Goodluck Jonathan, den Krieg erklärt und die Militärführung kurz entschlossen ausgetauscht. Doch das eigentliche Problem ist nicht gelöst: Nicht nur wurde „Boko Haram“ jahrelang verharmlost, vielmehr haben die politischen Eliten und der Staat bei der Armutsbekämpfung und der Durchsetzung von Rechtsstaatlichkeit versagt. Ursachen der Gewalt sind die sozialen und politischen Krisen und die ausufernde Korruption. Nigeria ist die größte Volkswirtschaft Afrikas – allerdings ist der Reichtum ungleich verteilt.

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