Bock als Kindergärtner

Trotz Pädophilie-Vorwürfen soll Daniel Cohn-Bendit den Theodor-Heuss-Preis erhalten. Von Carl-H.Pierk
Foto: dpa | Soll für seine „Verdienste um die Demokratie“ geehrt werden: Daniel Cohn-Bendit.
Foto: dpa | Soll für seine „Verdienste um die Demokratie“ geehrt werden: Daniel Cohn-Bendit.

Die 68-er waren eine wilde Zeit. Überall begehrten Studenten gegen das sogenannte Establishment auf. Im Pariser Mai 68 führte ein Soziologiestudent mit einem deutschen Wiedergutmachungsstipendium die Studenten- und Arbeiterrevolte an. Weil er den damaligen Staatspräsidenten Charles de Gaulle fast zu Fall brachte, wurde er des Landes verwiesen. Daniel Cohn-Bendit, von Anhängern „Dany le Rouge“ („Der rote Dany“) genannt, mischte danach zunächst Frankfurt und dann Deutschland auf. Dies gelang ihm in verschiedenen Funktionen – als Sponti, als Hausbesetzer, als Herausgeber des Kultmagazins „Pflasterstrand“, als Erzieher und Erfinder des Dezernats für Multikulturelle Angelegenheiten, schließlich als Wegbereiter von Rot-Grün in Hessen und als Berater seines ehemaligen WG-Genossen und Kumpels Josef Martin „Joschka“ Fischer. 1994 zog es Daniel Cohn-Bendit ins Europa-Parlament nach Brüssel – eine ideale Plattform für den nimmermüden Rebellen. Dort vertritt er seither mal die deutschen Grünen, mal „Europe écologie/Les Verts“, also die französischen Grünen. Für „herausragende Leistungen zur Entwicklung und zum Verständnis von Multikulturalität und Integration von Minderheiten“ verlieh ihm die Katholische Universität Brabant in Tilburg (Niederlande) 1997 die Ehrendoktorwürde. 2001 erhielt er den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken, 2009 den Cicero-Rednerpreis.

Alles im grünen Bereich, hätte nicht, im Vorfeld einer weiteren Ehrung, die Vergangenheit den vielfach Geehrten eingeholt. Im Fokus steht dabei die Rolle des Kindergärtners Cohn-Bendit. Ein Traumberuf für den „roten Dany“, hier kann er endlich erzieherisch wirken. In seinem Buch „Le Grand Bazar“ („Der große Basar“) schreibt Cohn-Bendit: „Ich hatte schon lange Lust gehabt, in einem Kindergarten zu arbeiten. Die deutsche Studentenbewegung hat ihre eigenen antiautoritären Kindergärten hervorgebracht, die von den Stadtverwaltungen mehr oder weniger unterstützt wurden. Ich habe mich dann 1972 beim Kindergarten der Frankfurter Universität beworben, der in Selbstverwaltung der Eltern ist und vom Studentenwerk und der Stadt unterstützt wird. Meine Entscheidung, mich mit Kindern zu befassen, hat Überraschung ausgelöst. Ich habe lange Diskussionen mit den Eltern geführt, die zum Teil Linke, zum Teil Linksliberale waren. Sie wollten meine Motive kennenlernen. Ich habe ihnen gesagt, dass die Bedürfnisse der Kinder bei den Linksradikalen immer vernachlässigt worden sind.“ Und dann heißt es: „Eines der Probleme im Kindergarten war, dass die Liberalen die Existenz der Sexualität allenfalls anerkannten, während wir versucht haben, sie zu entwickeln und uns so zu verhalten, dass es den Kindern möglich war, ihre Sexualität zu verwirklichen.“

Was Daniel Cohn-Bendit in seinem 1975 im Trikont Verlag erschienenen Buch zum Thema Sexualität niedergeschrieben hat, lässt jedem auch nur mit einer Spur von moralischem Anstand und sittlichem Empfinden ausgestatteten Leser den Atem stocken. Hier nur so viel: „Mein ständiger Flirt mit allen Kindern nahm bald erotische Züge an. Ich konnte richtig fühlen, wie die kleinen Mädchen von fünf Jahren schon gelernt hatten, mich anzumachen. Es ist kaum zu glauben. Meist war ich ziemlich entwaffnet. Es waren alles Kinder von Intellektuellen, von Studenten, also von Leuten, die viel gelesen haben. Die Kinder hatten eine Fähigkeit, sich überlegt auszudrücken, was auf Kosten einer gewissen emotionalen Ausdrucksfähigkeit ging.“ In seinen Reflexionen beschreibt Cohn-Bendit auch Intimitäten zwischen ihm und kleinen Kindern. Diese Passagen hatten bereits 2001 für eine kurze öffentliche Debatte gesorgt. Cohn-Bendit sowie Kinder und Eltern von damals betonten jedoch, es sei zu keinem Missbrauch gekommen. In einem Video-Film aus dem Jahr 1982 schwärmte er allerdings über ein „wahnsinnig erotisches Spiel“ mit einem fünfjährigen Mädchen. Alles nur „Blödsinn“ und „Provokation“ ohne realen Hintergrund, wie Cohn-Bendit beteuerte?

Genau hier stellt sich die entscheidende Frage: Kann jemand, der solche Aussagen getätigt hatte, ausgerechnet für seine „Verdienste an der Demokratie“ ausgezeichnet werden? Die renommierte Theodor-Heuss-Stiftung, die seit 1965 in Stuttgart den Theodor-Heuss-Preis verleiht, hat dies vor. Nach Beschluss von Vorstand und Kuratorium erhält Cohn-Bendit „die Auszeichnung angesichts seines langjährigen außerordentlichen Engagements, als Ideengeber und Politiker immer wieder auf Veränderung einzugehen, Lösungen zu suchen und dadurch stets neue Wege in der Demokratie zu beschreiten.“ Über diese neuen Wege muss nicht nur der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, irritiert gewesen sein. Er hätte am 20. April als Festredner an der Verleihung im Neuen Schloss in Stuttgart teilnehmen sollen. Doch er sagte ab. Voßkuhles Sprecher Bernd Odörfer begründete die Absage damit, dass sich „Cohn-Bendit in einer Veröffentlichung Mitte der siebziger Jahre in nicht unproblematischer Weise zur Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern geäußert hat“.

Zu den ersten, die auf die dubiose Vergangenheit des Europa-Parlamentariers Cohn-Bendit in Deutschland aufmerksam geworden sind, gehörte der frühere Außenminister Klaus Kinkel. In einem 2001 in der Berliner Zeitung „B.Z.“ publizierten offenen Brief an Cohn-Bendit verlangte der FDP-Politiker „eine deutliche Klarstellung, dass es in Kontakt mit den Kindern nie zu unsittlichen Berührungen bei Ihnen oder durch Sie gekommen ist“. Die Art und Weise, wie sich Cohn-Bendit mit dem so sensiblen Thema, bei dem es um eine zentrale Frage der Moral geht, auseinandersetze, lasse sich, so Kinkel, „weder mit der damaligen Situation der antiautoritären Kindererziehung noch mit Naivität erklären“. Wer Kronzeuge für die 68-er Generation sein wolle, müsse „schon ernst zu nehmende Maßstäbe an sich selbst anlegen und anlegen lassen“. In seinem ebenfalls in der B.Z. veröffentlichten Antwortbrief erklärte Cohn-Bendit, dass ihm damals „das Problem nicht bewusst“ gewesen sei. Man habe versucht, „in einem kollektiven Diskurs eine neue Sexualmoral zu definieren“. Bei den geschilderten Sexszenen habe es sich um eine „ich-bezogene Selbstreflexion“ gehandelt, mit der er habe „zuspitzen und provozieren“ wollen. Dabei wolle er sich „als Tabubrecher profilieren“.

Pädophilie-Vorwürfe gegen den Preisträger, der Rückzieher des Festredners: Die Theodor-Heuss-Stiftung mit einem Jahresetat von 795 000 Euro hätte Grund genug gehabt, die vorgesehene Ehrung des Grünen-Politikers Daniel Cohn-Bendit abzublasen. Tut sie aber nicht. Es sei klar, dass die Stiftung Pädophilie nicht dulde und sich von den Äußerungen in jeder Form distanziere, wie Cohn-Bendit es selbst auch schon getan habe, erklärte der Mediziner Ludwig Theodor Heuss, Enkel des ersten Bundespräsidenten und Vorstandsvorsitzender der gleichnamigen Stiftung. Den Ausschlag, an der Ehrung für Cohn-Bendit festzuhalten, hätten am Ende wohl grundsätzliche Überlegungen gegeben: „Letztlich ist es auch die Frage, wie geht man als Stiftung mit äußerem Druck um.“

Nur gibt es keinen Festredner mehr, wie die Stiftung der „Tagespost“ mitteilte. Stattdessen hält der als linksliberal geltende Journalist und Publizist Roger de Weck, seit 2011 Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG, eine Laudatio. Ein Grußwort wird der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sprechen. Der will sich offenbar auch von der heftigen Kritik, die Landespolitiker der CDU und FDP im Stuttgarter Landtag vorbrachten, davon nicht abbringen lassen.

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