Bischof gibt Europa Mitschuld

Flüchtlingstragödie in Österreich mit 71 Toten – Kampf gegen Menschenschmuggel – Glockengeläut als Zeichen des Mitgefühls
Foto: dpa | In diesem Kühl-Lastwagen wurden am Donnerstag im Burgenland die Leichen von 71 Flüchtlingen gefunden. Die Politik ruft nun nach Maßnahmen gegen Schlepper.
Foto: dpa | In diesem Kühl-Lastwagen wurden am Donnerstag im Burgenland die Leichen von 71 Flüchtlingen gefunden. Die Politik ruft nun nach Maßnahmen gegen Schlepper.

Wien (DT/sb/dpa/KAP) 71 Menschen – vermutlich meist Flüchtlinge aus Syrien – sind in einem Kühl-Lastwagen im Burgenland qualvoll ums Leben gekommen. Nach Einschätzung der Polizei sind sie im Kühlraum des Schlepperfahrzeugs erstickt. Das teilte der Polizeichef des Burgenlands, Hans Peter Doskozil, am Freitag in Eisenstadt mit. Die Untersuchungen seien noch im Gange.

Drei mutmaßliche Schlepper wurden den Polizeiangaben zufolge in Ungarn festgenommen. Von dort war der Lastwagen nach Österreich gekommen. Zunächst setzten die Behörden sieben Verdächtige fest; die Ermittlungen konzentrierten sich jetzt auf diese drei Verdächtigen. Sie sollen zum Umfeld eines bulgarisch-ungarischen Schlepperrings gehören. Unter den im Lastwagen gefundenen Opfern waren 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder, darunter ein einjähriges Mädchen.

Die Behörden hatten am Donnerstag einen verlassenen 7,5 Tonnen schweren Lastwagen im Autobahnabschnitt bei Parndorf, 50 Kilometer südöstlich von Wien, entdeckt. Der Wagen sei am Mittwoch südlich von Budapest losgefahren. Im Laderaum befanden sich die Leichen. Die Nachricht prägte auch die in der Wiener Hofburg tagende „Westbalkan-Konferenz“ (siehe Seite 3). Bundeskanzler Werner Faymann forderte, die Schlepperkriminalität stärker zu bekämpfen. Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner wandte sich am Freitag gegen neue Grenzkontrollen zwischen Österreich und Ungarn. Wichtiger sei es, die EU-Außengrenzen zu sichern. Schuld an dem Drama seien die Terroristen, vor denen die Menschen fliehen, sowie die Schlepper.

Die deutsche Bundesregierung plädiert nun für verstärkte Anstrengungen gegen Schlepper. Man werde überlegen müssen, wie man noch energischer gegen das Schlepperwesen auf der Balkanroute vorgehen könne, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag in Berlin. Schlepper seien gewissenlose Geschäftemacher, denen das Leben von denjenigen wenig bedeutet, von denen sie viel Geld nehmen.

Erschüttert reagierte der burgenländische Bischof Ägidius Zsifkovics: Er bete für die im Schlepperfahrzeug verstorbenen Menschen, „die auf der Suche nach einer besseren Zukunft Opfer skrupelloser Netzwerke und einer versagenden europäischen Politik geworden sind“. Vorfälle wie dieser seien erst durch die „derzeitige europäische Untätigkeit“ möglich geworden, die „eine subtile Form der Mittäterschaft sei“. Durch derartige Vorfälle rücke „das Grauen der Flüchtlingstragödie zunehmend in die Lebenswirklichkeit Europas und seiner Länder“. Als Bischof einer Diözese, die mit ihrem Flüchtlingsprogramm bereits „an die Grenzen ihrer humanitären Möglichkeiten geht“, sehe er, „dass wir die seelischen Wunden der Menschen zwar versorgen und ihre Herzen mit einem Dach über dem Kopf ein wenig erwärmen können“. Die „große Lösung dieser epochalen zivilisatorischen Herausforderung“ müsse aber eine europäische Dimension haben, so Bischof Zsifkovics.

Wiens Kardinal Christoph Schönborn zeigte sich entsetzt über die „unbeschreibliche Menschenverachtung der Schlepper“. Europa müsse „endlich geeint vorgehen, um diesen Kriminellen mit allen zulässigen Mitteln das Handwerk zu legen“, so Schönborn. Die gemeinsame Bewältigung der Flüchtlingstragödie sei eine Bewährungsprobe für die europäischen Werte. Für Montag wurde ein Gedenkgottesdienst im Wiener Stephansdom für die Opfer der jüngsten Katastrophe sowie für alle auf der Flucht zu Tode gekommenen Flüchtlinge angesetzt. Kardinal Schönborn wird der Seelenmesse vorstehen. Er bat zugleich, dass alle Kirchen am Montag um 19 Uhr als Zeichen des Respekts und Mitgefühls mit den Opfern die Glocken läuten.

Der Vorsitzende der Orthodoxen Bischofskonferenz in Österreich, der griechische Metropolit Arsenios, sagte, die Tragödie offenbare auf beschämende Weise, dass die in den europäischen Gründungsverträgen beschworenen Werte in der gegenwärtigen Realverfassung Europas nicht mehr zum Tragen kommen. Zum Vorschein komme stattdessen ein „Europa im Zustand moralischer Narkose, dessen Bemühungen den Anliegen entfesselter Finanzmärkte mehr zu dienen scheinen als den Geboten der Nächstenliebe und humanistischer Vernunft“. Europa habe zu lange weggeschaut von Entwicklungen, die sich nur wenige hundert Kilometer von seinen Außengrenzen entfernt langsam, aber unübersehbar aufgebaut haben. Nun sei man angesichts der humanitären Katastrophe ohne Plan und lasse einzelne Mitgliedstaaten mit ihren Flüchtlingsproblemen allein.

„Wer Schleppern das Handwerk legen will, muss für rasche, sichere Zugänge zu Asylverfahren Sorge tragen“, meint Caritas-Präsident Michael Landau. Besonders für verletzliche Gruppen, wie Kinder und kranke Menschen, müsse ein sicherer Weg für die Einreise in die EU gelegt werden. Die Tragödie habe deutlich gemacht, „wie dringend nötig es ist, dass Europa einen gemeinsamen Plan für Menschen auf der Flucht ins Lebens ruft, der der Genfer Flüchtlingskonvention und der humanitären Tradition dieses Kontinents entspricht“, so Landau. Jeder Tote sei eine Mahnung für ein gemeinsames Vorgehen Europas. Landau fordert „verlässliche und ausreichende Hilfe“ für die Nachbarländer Syriens, in die vier Millionen Menschen geflohen sind. Die nicht ausreichende Unterstützung vor Ort zwinge die Flüchtlinge, ihre Flucht nach Europa fortzusetzen.

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