Washington

Biden und Abtreibung: Wie es im Streit um die Kommunionzulassung weitergeht

Die US-Bischöfe könnten schon bald empfehlen, Joe Biden vom Kommunionempfang auszuschließen, da er als Politiker liberale Abtreibungsgesetze unterstützt. Während Gegner und Befürworter dieses Schrittes bringen lautstark ihre Argumente vorbringen, tritt die Glaubenskongregation auf die Bremse.

US-Präsident Biden
Als Politiker setzt sich Joe Biden für liberale Abtreibungsgesetze ein – und bekräftigte diesen Kurs durch zahlreiche Äußerungen und Maßnahmen, seit er im Oval Office sitzt. Im Bild: US-Präsident Biden nach dem Besuch der Messe in der Kirche St. Joseph on the Brandywine in Wilmin... Foto: Patrick Semansky (AP)

Normalerweise würde es nicht sonderliche Aufmerksamkeit generieren, wenn sich ein Wechsel an der Spitze einer kleinen amerikanischen Diözese wie Wilmington im Bundesstaat Delaware vollzieht. Wenn der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten dort regelmäßig die heilige Messe besucht, ist die Ausgangslage eine andere. Bereits jetzt richten sich zahlreiche Augen auf William Koenig, den Papst Franziskus zum Nachfolger von Francis Malooly im Amt des Bischofs von Wilmington ernannt hat. Mit Spannung wird dabei erwartet, ob der 64-Jährige dem Präsidenten die Kommunion spenden wird.

Bischöfe planen Abstimmung über Dokument

Ob ein Katholik wie Joe Biden, dessen politische Position zum Lebensschutz nicht mit der Lehre der Kirche übereinstimmt, die Kommunion empfangen darf, wird in Amerika derzeit wieder kontrovers diskutiert. Zu verdanken ist dies in erster Linie der US-Bischofskonferenz: Diese will im Juni darüber abstimmen, ob man ein Dokument „zum Thema Kommunionempfang“ verabschieden werde. Beobachter gehen davon aus, dass die amerikanischen Oberhirten darin die Empfehlung abgeben könnten, katholische Politiker von der Kommunion auszuschließen, wenn sie Abtreibungen befürworten. Der früheste Termin, zu dem ein solches Dokument vorliegen könnte, wäre die Herbstvollversammlung der Bischöfe im November.

Diesen Plänen schob der Vatikan jüngst aber einen Riegel vor. In einem Brief an den Vorsitzenden der US-Bischöfe, Erzbischof José Gomez, betonte der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Luis Ladaria, die Bedeutung des Dialogs – zum einen innerhalb der Bischofskonferenz, zum anderen mit den katholischen Politikern, die in Fragen wie Abtreibung nicht mit der Lehre der Kirche übereinstimmen. Sollten sich die Bischöfe dennoch dazu entscheiden, den Kommunionempfang in einem Dokument zu regeln, müsste unter ihnen eindeutiger Konsens in dieser Frage herrschen. Zudem müsste sich das Dokument mit der grundsätzlichen Eignung aller Gläubigen befassen, dieses Sakrament zu empfangen.

Zuletzt häuften sich die Stimmen unter den mehrheitlich konservativen US-Bischöfen, die sich für ein derartiges Machtwort aussprachen. Joseph Naumann, Erzbischof von Kansas City und Vorsitzender des Lebensschutz-Komitees der Bischöfe, nannte es beispielsweise ein „schweres moralisches Übel“, wenn Katholiken wie Biden, die im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen, für straffreie Abtreibungen eintreten. Es sei notwendig, Biden in der Sache öffentlich zurechtzuweisen. „Dass Präsident Biden Katholik ist, stellt uns vor ein einzigartiges Problem“, äußerte sich Naumann und ergänzte, es könne unter den Gläubigen Verwirrung hinsichtlich der kirchlichen Lehre entstehen. 

Letztes Mittel: Ausschluss vom Tisch des Herrn

Dem schloss sich der Erzbischof von San Francisco, Salvatore Cordileone, an. In einem pastoralen Schreiben nannte Cordileone, in dessen Diözese die demokratische Politikerin und entschiedene Abtreibungsbefürworterin Nancy Pelosi zu Hause ist, zwar keine Namen. Seinen Standpunkt machte er dafür umso deutlicher: Wenn andere Wege erschöpft seien, bliebe einem Seelsorger als einziges Mittel der öffentlichkeitswirksame „temporäre Ausschluss vom Tisch des Herrn“. Dies sei zwar eine „bittere Pille“, jedoch sei Abtreibung ein derart schweres Übel, dass der Schritt manchmal notwendig sei. Schon Wochen zuvor hatte auch der konservative amerikanische Kurienkardinal Raymond Leo Burke in einem ausführlichen Beitrag auf seiner Website von einer „besonders schweren Form des Sakrilegs“ gesprochen, wenn jemand die Kommunion empfange, der „gegen das Sittengesetz in seinen fundamentalsten Prinzipien“ verstoße. „Ein Katholik, der sich öffentlich und hartnäckig der Wahrheit in Bezug auf Glauben und Moral widersetzt, kann nicht zum Empfang der heiligen Kommunion vortreten“, so Burke.

Joe Biden betonte im Laufe seiner politischen Karriere mehrmals öffentlich, er akzeptiere die Lehre der katholischen Kirche, wonach menschliches Leben mit dem Zeitpunkt der Empfängnis beginnt. Als Politiker setzt er sich aber für liberale Abtreibungsgesetze ein – und bekräftigte diesen Kurs durch zahlreiche Äußerungen und Maßnahmen, seit er im Oval Office sitzt.

Die US-Bischöfe begegnen Biden schon seit einiger Zeit mit Skepsis. Hauptsächlich liegt dies an der Haltung des Demokraten zum Lebensschutz, aber auch an seiner LGBT-freundlichen Politik sowie seiner Unterstützung für die gleichgeschlechtliche Ehe. Unmittelbar nach Bidens Wahlsieg im November 2020 riefen sie eine Arbeitsgruppe ins Leben, die sich auch mit der Frage befasste, wie damit umzugehen sei, dass mit Biden nun der prominenteste Katholik der USA eine Abtreibungspolitik entgegen der kirchlichen Lehre verfolge. Das nun im Raum stehende Dokument zum Kommunionempfang könnte ein Ergebnis jener Arbeitsgruppe sein.

John Kerry drohte ähnliches Schicksal

Für Schlagzeilen hatten die Bischöfe auch am 20. Januar, dem Tag von Bidens Amtseinführung, gesorgt: In einer offiziellen Stellungnahme hatte Erbischof Gomez deutliche Worte der Kritik zu Bidens Abtreibungspolitik geäußert. Zwar nannte er auch Felder der potenziellen Zusammenarbeit, unterstrich dabei allerdings, dass der Lebensschutz das Thema von vorrangiger Priorität bleiben werde. Diese Position stellte Kardinal Ladaria in dem jüngsten Schreiben der Glaubenskongregation in Frage: Es wäre „irreführend“, wenn das Dokument der amerikanischen Oberhirten „den Eindruck hinterlassen würde, dass Abtreibung und Euthanasie die einzigen schwerwiegenden Themen der katholischen Moral- und Soziallehre darstellen, die von Seiten der Katholiken die volle Rechenschaftspflicht verlangen“.

In der Vergangenheit kam es sogar einmal zu dem Szenario, dass ein Pfarrer sich weigerte, Biden die Kommunion zu spenden: Robert Morey, Pfarrer in der Diözese Florence im Bundesstaat South Carolina, vollzog den Schritt im Oktober 2019. Seine Begründung: Jede Person, die Abtreibungen befürworte, positioniere sich damit außerhalb der Lehre der Kirche. Die offene Zurückweisung Bidens, der sich damals bereits im Wahlkampf befand, blieb aber ein Einzelfall.

Joe Biden ist nicht der erste katholische US-Politiker, über dessen Zulassung zur Kommunion gestritten wird. Ähnlich erging es 2004 auch dem damaligen demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry. Kerry, später Außenminister unter Barack Obama und heute Bidens Klimabeauftragter, gilt ebenfalls als praktizierender Katholik, war als Kind als Messdiener aktiv und dachte als junger Mann sogar darüber nach, ins Priesterseminar einzutreten. Da auch er sich im Wahlkampf offen für ein Recht auf Abtreibung aussprach, vertraten mehrere konservative Bischöfe die Ansicht, er dürfe die Kommunion nicht empfangen. Zu dieser Zeit wurde auch der Begriff der „Hostienkriege“, der sogenannten „Wafer wars“, geprägt. Vor 17 Jahren stimmten die US-Bischöfe tatsächlich darüber ab, ob Kerry zur Kommunion zugelassen werden dürfe – 183 stimmten dafür, nur sechs dagegen. 

Heute ist das Klima ein anderes: Bischöfliche Kritik an hochrangigen katholischen Politikern wird nicht mehr als Randerscheinung abgestempelt, sie ist Teil des Alltags geworden. Und auch das Mehrheitsverhältnis zugunsten der konservativen Oberhirten lässt eine Entscheidung contra Biden durchaus nicht unrealistisch erscheinen. Dennoch: Die nötige Mehrheit von zwei Dritteln für ein Dokument, das den Kommunionausschluss abtreibungsfreundlicher katholischer Politiker empfehlen würde, gilt keinesfalls als sicher. Der Kolumnist Michael Sean Winters, der für den linkskatholischen „National Catholic Reporter“ schreibt, ist überzeugt, dass es nie zu einer Zweidrittelmehrheit für den Ausschluss kommen werde. Manche Bischöfe würden lediglich versuchen, Biden zu delegitimieren.

Bischof von San Diego gegen Kommunionausschluss

Gegen einen Ausschluss Bidens vom Kommunionempfang sprach sich jüngst auch der Bischof von San Diego, Robert McElroy, aus. „Der Kommunionempfang darf nie für politische Zwecke instrumentalisiert werden, egal wie wichtig sie auch sein mögen“, schreibt er in einem Beitrag für das von den Jesuiten herausgegebene „America Magazine“. Genau das geschehe jedoch, so McElroy, wenn man versuche, führende katholische Politiker auszuschließen, wenn sie die Lehre der Kirche zu Abtreibung nicht teilen. „Die Eucharistie wird als Waffe in den politischen Auseinandersetzungen eingesetzt.“

Unabhängig davon, ob die Bischöfe tatsächlich über ein solches Dokument abstimmen werden und unabhängig vom Ergebnis des Votums: Offiziell vom Kommunionempfang ausschließen könnten sie Biden ohnehin nicht. Denn die Entscheidung darüber liegt letztlich in den Händen des jeweiligen Ortsbischofs. In Washington, wo Biden regelmäßig in der jesuitischen „Holy Trinity Church“ an Gottesdiensten teilnimmt, hat Erzbischof Wilton Gregory das Sagen. Von Papst Franziskus im vergangenen Jahr mit dem Kardinalspurpur ausgestattet, gilt der Afroamerikaner als Verbündeter Bidens in den (kirchen)politischen Debatten. Mehrmals unterstrich Gregory bereits, dass er dem amtierenden Präsidenten die Kommunion spenden werde. „Ich will nicht an den Tisch kommen und ihm als erstes die Pistole auf die Brust setzen“, erklärte er einmal. 

Der zweite Ort, an dem Biden regelmäßig die heilige Messe besucht, ist eben seine Heimatdiözese Wilmington. Der derzeit noch amtierende Bischof Malooly weigerte sich stets, den Kommunionempfang als politisches Druckmittel zu verwenden. Pater William Koenig, der die Bischofsweihe im Juli empfangen wird, positionierte sich bislang nicht eindeutig. Bei einer Pressekonferenz erklärte er jüngst, es sei seine Aufgabe als Bischof, den Glauben „in seiner Fülle und Schönheit“ zu verkünden. Für Biden bete er jeden Tag. „Ich wäre gewiss offen dafür, in Zukunft mit ihm ins Gespräch zu treten.“

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