Beleg für die Seichtheit unserer Kultur

Prager Soziologe Tomas Halik kritisiert undifferenzierte Solidarisierung mit religionskritischen Karikaturisten

Prag (DT/KNA) Eine undifferenzierte Solidarisierung mit den religionskritischen Karikaturisten von „Charlie Hebdo“ ist nach Meinung des Prager Soziologen Tomas Halik ein Beleg für eine Seichtheit der politischen Kultur im Westen. Trotz seiner Solidarität „mit allen, die jedweden Ausdruck der Gewalt und der Unduldsamkeit verurteilen“, bringe ihn die „Bemühung, die unglücklichen Opfer aus den Reihen der Redaktion der satirischen Zeitschrift als Helden und Symbole unserer Kultur zu feiern“ bloß in Verlegenheit, schreibt Halik in der tschechischen Tageszeitung „Lidove noviny“. Als er die „Karikaturen“ des französischen Satiremagazins gesehen habe, habe er sie „nicht nur als Beleidigung des Islams und des Christentums wahrgenommen, sondern auch als Verletzung der Grundwerte unserer Kultur, die in der Achtung der anderen besteht“, betonte Halik. Dieser Wert sei nicht geringer als die Pressefreiheit, so der Priester, Philosoph und Professor an der Prager Karlsuniversität. Die Karikaturen von „Charlie Hebdo“ erinnerten ihn „stark an die herabwürdigenden Darstellungen der Juden in der antisemitischen Presse“.

Kritik äußerte der Templeton-Preisträger 2014 besonders an Frankreichs Staatspräsident Franois Hollande, von dem die Bezeichnung „unsere Helden“ für die Redakteure von „Charlie Hebdo“ stammte: Damit zeige sich „die Seichtheit nicht nur dieses Politikers, sondern auch jene der von ihm repräsentierten politischen Kultur“. „Bei aller Sympathie für die Opfer und deren Nächste“ würde er sich selbst niemals den Sticker „Ich bin Charlie“ anheften, so Halik, der auch Präsident der Tschechischen Christlichen Akademie ist. Er bekenne sich „zu einem anderen Gesicht unserer Kultur“: zu jenem, das einen „befreienden Humor sowie Ironie und Polemik gegen Fanatismus und Fundamentalismus“ kenne, aber „vulgäre Ausdrücke der Geringschätzung und verantwortungsloses Gießen von Öl ins Feuer des Hasses zwischen Menschen und Kulturen“ ablehne. Möglicherweise gehöre zur „freien Kultur“ auch „ein Raum für Dekadenz, Geschmacklosigkeit und billige Provokation“, räumte der Soziologe ein. Verteidige man jedoch die Freiheit der Kultur gegen Gewalt und Hass, so müsse man sich „vor dem anderen Extrem hüten, nämlich jenem, dass man Dekadenz und Zynismus als Symbol unserer Kultur und unserer Freiheit feiert“. Zur Freiheit gehöre Verantwortlichkeit, so Halik. Es sei „gesund, wenn die menschliche Seite der Religion zum Gegenstand des Humors wird“, und gewiss könne Humor „eine legitime Waffe gegen eine unmenschliche Form der Religion sein, die im Namen des Heiligen mordet“, so Halik. Sollte die Religion der Zukunft jedoch „eine alles aufsaugende Vergnügungsindustrie und ein Zustand sein, in dem niemandem mehr etwas heilig ist“, so fühle er sich verpflichtet, vor einem solchen „zynischen Trend unserer westlichen Kultur“ zu warnen. Halik stellte klar, dass man vor der „Krake des Islamischen Staates und seinen Fangarmen“ keinesfalls zurückweichen dürfe. Genauso sei ein entschiedenes Nein auch den Populisten zu sagen, die „aus der Angst vor dem Islam politisch Punkte sammeln wollen“.

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