Trisulti

Bannon-Institut: Die Gladiatoren aus dem Kloster

Das „Dignitatis Humanae Institut“ sollte zu einer Kaderschmiede im Geist von Steve Bannon werden. Dann gab es Rechtsstreitigkeiten mit dem italienischen Staat. Prominente katholische Unterstützer zogen sich zurück. Jetzt startet nun doch ein Kursprogramm.

Ex-Chefstratege Bannon
Er gilt heute als spiritus rector des DHI: Steve Bannon Als im Vorfeld der Europawahl umher reiste, um eine rechtspopulistische Internationale zu schmieden, geriet das Institut in den Blick der Öffentlichkeit. Foto: Ennio Leanza (KEYSTONE)

Ein Nationaldenkmal für Nationalisten: nichts weniger wollte der ehemalige Trump-Berater Steve Bannon. Die Kartause von Trisulti hat Italien 1873 zum „monumento nazionale“ deklariert. Die Geschichte reicht bis ins 10. Jahrhundert zurück, die heutigen Gebäude entstanden ab dem Hochmittelalter. Genau der richtige Standort für eine Denkfabrik, die sich selbst nichts Geringeres als die Rettung des Abendlandes auf die Fahne schreibt. Wo einst Kartäuser und Zisterzienser in der Abgeschiedenheit Gott schauten, träumt Benjamin Harnwell, der Direktor des „Dignitatis Humanae Institute“ (DIH), von einer Ausbildungsstätte rechter Denker. Die sollten in den Schaltstellen der Macht das Ruder übernehmen. Das Institut, das in Trisulti einziehen sollte, werde „halb mittelalterlicher Campus, halb Gladiatorenschule“ sein, so der Brite vor zwei Jahren.

Den steinigen Weg zur eigenen Kaderschmiede konnte Harnwell damals noch nicht absehen. Im Februar 2018 kündigte das DHI an, einen Pachtvertrag mit dem italienischen Kultusministerium abzuschließen. Die Konditionen: 19 Jahre für 100.000 Euro jährlich. Anfang 2019 ging das Kloster, das inmitten jahrhundertealter Eichenwälder im Apennin liegt, in den Besitz des DHI über. Weltweit sorgte die Übernahme für Schlagzeilen. Bannon, der geschasste Rechtsideologe, tourte zu dieser Zeit in Europa, besuchte Kontaktleute in Deutschland, Italien oder Frankreich, um ein übernationales Bündnis zu schmieden. Wenige Monate vor der Wahl zum EU-Parlament hatte er damit einen Coup gelandet.

Selbst gesetztes Ziel:  Das Abendland verteidigen

Mit der „Verteidigung der jüdisch-christlichen Fundamente der westlichen Zivilisation im Lichte der Erkenntnis des Menschen als Bild und Ebenbild Gottes“ – so der Untertitel des DHI – konnte sich aber nicht jeder anfreunden. Inwiefern die Spannungen innerhalb der damaligen „populistischen“ Regierungskoalition aus Fünf Sternen und Matteo Salvinis Lega Auswirkungen auf den Streit um die Kartause hatte, ist nicht abschließend geklärt.

Auffällig ist jedoch, dass mit dem Ende der EU-Wahl und dem Beginn des offenen Misstrauens zwischen den Koalitionspartnern auch der Streit um den Status des Klosters begann. Im Juni 2019 erklärte das Kultusministerium den Pachtvertrag plötzlich für ungültig: das Institut hätte die Ausschreibung unter Vorspiegelung falscher Tatsachen gewonnen. Minister Alberto Bonisoli von den Fünf Sternen bekräftigte, dass ihm das DHI ein gefälschtes Finanzgutachten vorgelegt habe.

Für Harnwell begannen unangenehme Tage. Wichtige Finanziers und kirchliche Fürsprecher wie Kardinal Peter Turkson und der Zisterzienser-Abt Eugenio Romagnuolo hatten zu diesem Zeitpunkt ihre Unterstützung bereits aufgekündigt. Der Rechtsstreit zwischen DHI und italienischem Staat setzte die Erosion jenes Netzwerkes fort, das sich das DHI seit seiner Gründung im Jahr 2008 aufgebaut hatte.

Bedeutende Kontakte zu Kardinälen Müller, Brandmüller und Sarah

Das bestand in seiner ersten Phase weniger aus rechtspopulistischen Krawallmachern als katholischen und konservativen Persönlichkeiten. Ursprünglicher Anlass der Gründung war laut Harnwell die Verhinderung des konservativen Politikers Rocco Buttiglione als EU-Kommissar im Jahr 2004, nachdem dieser die traditionelle Sicht auf Familie und Homosexualität verteidigt hatte. Harnwell war damals Mitarbeiter des britischen EU-Abgeordneten Nirji Deva. Das DHI entstand als Antwort auf den Rückzug christlicher Ansichten in einer säkularen Gesellschaft. Gründungsschirmherr wurde Buttiglione selbst.

In den Folgejahren knüpfte das DHI bedeutende Kontakte, so etwa zu den Kardinälen Gerhard Müller, Walter Brandmüller und Robert Sarah. Mit Kardinal Renato Raffaele Martino sicherte sich das Institut einen vatikanischen Spitzendiplomaten als Ehrenvorsitzenden, dessen Namen weitere namhafte Persönlichkeiten anzog. Bis 2018 gehörte auch der EU-Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering zum Unterstützerkreis. Die Politisierung der Organisation führte zu ihrer Ausdünnung. So sieht sich Bischof Lorenzo Loppa von Anagni, auf dessen Gebiet Trisulti liegt, „getäuscht“, nachdem er zuerst das DHI unterstützt hatte. Kardinal Martino trat im Januar 2019 von seinem Ehrenvorsitz zurück. In einem Brief unterstützte er zwar die Einrichtung eines politischen Instituts im katholischen Geist, mahnte aber auch dazu an, dass die Stätte seinen spirituellen Charakter nicht verlieren dürfe – und dass man sich „in kindlicher Ergebenheit“ den Lehren des Papstes fügen solle. Auf Martino folgte Kardinal Raymond Leo Burke. Gleichzeitig nahm das DIH Bannon ins Kuratorium auf.

Kardinal Burke trat vom Ehrenvorsitz zurück

Mitten in der Eskalation um den Pachtvertrag brach dann ausgerechnet zwischen Burke und Bannon ein weiterer Streit aus. Der französische Aktivist Frédéric Martel schilderte in seinem Buch „Sodom“ die homosexuellen Verstrickungen im Vatikan. Bannon sprach sich für eine Verfilmung aus, um die Missstände in Rom hervorzuheben. Für Burke eine Herausforderung: denn der von Martel aufgebaute Antagonist sind der Traditionalismus und dessen Anführer, namentlich Burke, den der Franzose als verkappten Homosexuellen darstellt. Burke betonte zudem Bannons falsche Auffassungen über die katholische Lehre; der ehemalige Breitbartchef hatte zu einem Umdenken in Fragen von Ehe, Zölibat und Keuschheit aufgerufen. Weil das DIH „immer mehr mit Bannons Positionen identifiziert“ werde, trat Burke vom Ehrenvorsitz nach nur sechs Monaten zurück.

Harnwells Pechsträhne endet am 27. Mai. Ein Jahr nach Streitbeginn gibt ihm das Gericht recht: das Kultusministerium habe die Sachverhalte neuinterpretiert, auf deren Grundlage es die Nutzung gestattet hatte. Der Meinungsumschwung erscheine daher „politisch motiviert“. Das Ministerium hat angekündigt, in die nächste Instanz zu gehen. Harnwell lässt sich davon nicht beeindrucken. Nun stehe die aufgeschobene Restaurierung an; Finanzmittel stünden dafür bereit. Außerdem wolle das DIH bereits nach Pfingsten die ersten Kurse anbieten. Die würden aus den USA per Internet angeboten werden. Es gibt dabei für Harnwell mehr als nur etwas Putz zu renovieren. Ein Bannon macht keine fünf Kardinäle wett.

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