Außer Spesen nichts gewesen

Die Politik, die Medien und die runde Wirklichkeit

Von Guido Horst

Die Schule ist aus, die Strände sind voll, es lockt das schönste Badewetter und die „Azzurri“ spielen auf – Italien im Glück. Kann das Leben schöner sein als in diesen Wochen? Ob aus dem Glück ein Rausch wird wie vor vier Jahren, entscheidet sich jetzt ganz im Süden des Globus. Aber die Zurückgebliebenen rüsten sich für einen Wonnemonat. Endlich ist er da, der Höhepunkt des Vierjahreszyklus, der das Leben in gleichmäßige Abschnitte teilt. Was hatte es in den vergangenen vier Jahren nicht alles gegeben: Regierungskrisen, nicht enden wollende Wahlkämpfe, Skandale, Monate der Jagd auf einen angeschlagenen Ministerpräsidenten. Millionen von Tonnen bedruckten Papiers hatten den Notstand, die Endzeit, den Umsturz der bestehenden Ordnung ausgerufen – aber beharrlich hatte der Italiener morgens beim Frühstück in der Bar mit der Zeitungslektüre darüber abgestimmt, was er von der Politik im Lande hält.

Da mochten sich Regierung und Opposition in den Boden schreien: Der Mann auf der Straße wollte auch in den vier zurückliegenden Jahren nur wissen, was in den Sportblättern steht. Zum Cappuccino gab's wie immer den „Corriere dello sport“ oder die „Gazzetta dello sport“ – der Rest konnte ihm gestohlen bleiben. Nimmt der Deutsche fürchterlich ernst, was in der Politik vor sich geht, so zeigt der Italiener eine gnadenlose Verachtung für die politischen Wechselfälle des Tages. Er weiß zu gut, dass es nur eine winzig kleine Elite ist, die sich in Politik und Medien gegenseitig bedient, während das wahre Leben woanders spielt. Wie jetzt in Südafrika.

Schon werden Stimmen laut, die dem Publikum vorrechnen, wie viel Millionen Euros Medien und Politik für ihr Gaukelspiel Tag für Tag verschlingen. Es ginge auch ohne. Höchste Zeit, dass der Fußball die Politik endgültig ersetzt.

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