Aus griechischen Dramen lernen

Apropos Inflation: An Meinungen zu Griechenland gibt es derzeit keinen Mangel, sondern eher ein Überangebot. Warum Griechenland vor dem Staatsbankrott war und ob dieser mit dem neuen Rettungspakt nun abgewendet ist, ob Athen seine Kredite je zurückzahlen kann und sein Sparprogramm gegen die eigene Bevölkerung durchsetzen wird, ob bald auch Lissabon, Madrid und Rom nach Hilfe schreien werden und wie die Finanzmärkte darauf reagieren – zu diesen und verwandten Fragen haben wir nun wirklich alles und das Gegenteil von allem gehört. Und in der Tat gibt es für konträre Meinungen jeweils gute Argumente, denn bei alledem geht es nicht nur um Ökonomie, sondern auch um Psychologie.

Purer Ideologie oder reinstem Zynismus entspringt dagegen die These, letztlich sei der Euro an der Finanzmisere Griechenlands schuld. Hätte Athen noch die gute alte Drachme, so die Euro-Gegner, dann hätte es seinen Bankrott durch eine radikale Währungsabwertung abwenden können. Mit anderen Worten: Der böse Euro verhindert, dass die griechische Politik den maroden Staat auf Kosten seiner Bürger saniert. Die Abwertung einer Währung bestraft nämlich jene, die konservativ wirtschaften, ihren Lebensunterhalt mit solider Arbeit verdienen, brav Steuern zahlen und dann auch noch sparen. Diesen Leuten wollen Euro-phobe „Ökonomen“ wie der tschechische Präsident Vaclav Klaus durch Währungsabwertung Einkommen und Erspartes faktisch halbieren. Belohnt würden jene, auf die die politische Klasse seit Beginn der Finanzkrise so schimpft, nämlich die Finanzspekulanten. Die können auf Auf- oder Abstieg einer Währung und einer Volkswirtschaft spekulieren, und mit beidem ihre Gewinne machen.

Wer anstelle des Euro kleine, schwache Nationalwährungen bevorzugt, weil diese im Notfall abgewertet und (wie dies in Italien lange Praxis war) nach politischem Ermessen nachgedruckt werden können, verhöhnt die Leistungsbereiten und die Sparer im eigenen Land, begünstigt internationale Spekulanten und rät, eine falsche Finanz- und Wirtschaftspolitik auf dem Rücken der arbeitenden Bevölkerung auszutragen. Nein, nicht der Euro trägt die Schuld am Niedergang Griechenlands, sondern die klientelistische Ausgaben- und Wirtschaftspolitik des griechischen Staates. Was jeder verantwortungsvolle Familienvater weiß, haben die Staatsmänner in Athen (und andernorts) ignoriert: Schulden für Zukunftsinvestitionen sind in Ordnung, aber wenn die laufenden Ausgaben die laufenden Einnahmen dauerhaft übersteigen, ist der Weg in die Schuldenfalle unausweichlich. Die spannenden Fragen lauten nun: Wird der Rest Europas aus dem griechischen Drama lernen? Und wird die Eurozone zu den strengen, aber gesunden Stabilitätskriterien zurückkehren und endlich aufhören, sie aus politischen Gründen zu verbiegen? Davon hängt nicht nur die Zukunft des Euro ab, sondern die wirtschaftliche Zukunft der Europäer. sb

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