Aufnehmen statt Unterbringen

Die Ankunft von Flüchtlingen im neuen Land gelingt am besten, wenn alle zusammenhelfen. Ein Blick über den Zaun. Von Anna Sophia Hofmeister
Foto: aho | „Willkommen in Sicherheit“: Die Containerunterkunft für Asylsuchende in Zirndorf.
Foto: aho | „Willkommen in Sicherheit“: Die Containerunterkunft für Asylsuchende in Zirndorf.

Je näher man der Erstaufnahmeeinrichtung in Zirndorf kommt, desto höher werden die Hecken und Zäune. Mauern und verzinkter Stahl lösen halbhohe Lattenzäune ab. Der hiesige Gartenbauverein hat die Eingrenzungen seiner Schreberanlagen mit Stacheldraht verstärkt. Die zwei jungen Männer, die mit knisternden Plastiktüten und einer Wasserflasche ausgestattet in Richtung Asylcamp schlendern, sehen zwischen Thujenbüschen auf gepflegte Beete. Hier ist es still an einem Sonntagnachmittag.

Nur wenige Schritte weiter, jenseits der breiten Straße, die geteerte Einfahrt hinauf, vorbei an der Polizeistation, hin zu dem schweren Eisentor, quillt der Lärm in die Vorgartengemütlichkeit des mittelfränkischen Städtchens. Spielende Kinder, Schreien, Lachen, Kreischen, dazwischen die lauten Rufe von Erwachsenen. Die beiden Männer nicken dem Pförtner durch eine Sicherheitsglasscheibe zu, der betätigt den automatischen Öffner und lässt sie durch ein Eisengitter eintreten. Sie bugsieren ihre Tüten hindurch und verschwinden hinter zwei Meter hohen Zäunen, gesichert mit drei Reihen Stacheldraht. Willkommen in Sicherheit.

Journalisten, die Flüchtlingsunterkünfte von innen sehen möchten, werden derzeit von den zuständigen Bezirksregierungen gerne vertröstet: ein andermal. Wegen akuter Belastung seien derzeit keine Besuche möglich. Von außen lässt sich in Zirndorf nur durch den Lärmpegel auf die Menge der hinter Gittern versammelten Menschen schließen. In den vergangenen beiden Wochen kamen im Schnitt etwa 500 Personen pro Woche in der Zentralen Aufnahmestelle an, heißt es bei der Regierung von Mittelfranken. In Zirndorf selbst seien derzeit rund 720 Asylsuchende untergebracht, bei einer regulären Kapazität von 650 Plätzen. Eine Überbelegung von fast elf Prozent.

Hellgelbe Container sind hier gestapelt, in denen Neonröhren leuchten, auch tagsüber. Die Container sind durch eiserne Balkone verbunden, auf denen Kinder ihre Beine baumeln lassen. Aus den Fenstern hängen Bettwäsche und bunte Handtücher. „Die Unterkunft ist überfüllt“, sagt eine Reinigungskraft in blauen Latzhosen, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, und knotet einen Müllsack zusammen. Feierabend für heute. Morgen wird sie wieder die Sanitäranlagen in den Containern putzen und es wird sein, als wäre sie heute nicht da gewesen. Sie störe, dass in den Medien immer von menschenunwürdigen Zuständen die Rede sei. „Vieles davon verursachen die Flüchtlinge selbst“, meint sie. Die Hygiene in den Bädern sei katastrophal. Das hänge vielleicht auch mit den unterschiedlichen kulturellen Gepflogenheiten zusammen. Etwa, dass manche das benutzte Papier nicht in der Kloschüssel, sondern im Eimer versenkten. Es sei aber niemand da, der den ankommenden Asylsuchenden erkläre, wie die Räume saubergehalten werden sollten.

Hayat Hussan allerdings ist jemand, die viel erklärt. Die 36-Jährige, die aus Eritrea geflohen ist, wo noch immer die Folgen des jahrzehntelangen Bürgerkriegs zu spüren sind, spricht Englisch, was ihr und den anderen Asylsuchenden zugute kommt. „Hayat, Hayat“, rufen sie, wenn sie etwas nicht verstehen oder nachfragen wollen. Sie übersetzt dann. Die Flucht über den Sudan und die fürchterlichen Tage im Boot über das Mittelmeer säßen ihr noch in den Knochen, sagt sie. Als sie schließlich in der Münchner Erstaufnahmeeinrichtung Bayernkaserne angekommen sei, habe sie ihren Augen nicht getraut. „Es war so voll. Die Leute haben draußen auf dem Boden geschlafen“, erzählt sie. Dass sie nun vorerst in der neuen Asylbewerberunterkunft in Eichstätt bleiben dürfe, mache sie froh. „Hier ist es schön“, sagt sie, „Die Menschen sind gut.“

Rund um die Räumlichkeiten der ehemaligen Maria-Ward-Realschule, die zum Ensemble eines der schönsten Barockplätze Süddeutschlands gehören, sind keine Zäune zu sehen. Hier gibt es hohe, helle Gänge; große Fenster mit goldverzierten Schmuckgittern lassen viel Licht in die Klassenzimmer, die mit Holzparkett ausgelegt sind. Doch auch hier wird es eng. Nachdem der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke das kirchliche Schulgebäude der Regierung von Oberbayern als Flüchtlingsunterkunft überlassen hatte, zahlreiche Ehrenamtliche mit der Bereitschaftspolizei Eichstätt eiserne Stockbetten, Spinde, Tische und Stühle aufgebaut und einige Renovierungsarbeiten durchgeführt hatten, kamen die ersten Busse aus der Münchner Bayernkaserne an. Etwa 137 Asylsuchende leben nun in der alten Schule, die meisten von ihnen aus Syrien, Eritrea und Afghanistan. „Ich wohne mit drei weiteren Familien in einem Zimmer“, sagt Mohammad Yamir. „Es gibt keine Privatsphäre, das ist schwer für uns.“ Yamir ist 32 Jahre alt und floh zu Fuß, „durch Kälte und Wälder“, wie er sagt, mit seiner Frau und zwei Kindern aus Afghanistan. Dort war er Englischlehrer gewesen. „Aber wir konnten dort nicht mehr leben“, sagt er, „alles ist kaputt.“ In Deutschland hoffe er auf eine bessere Zukunft. Seine Kinder fühlen sich wohl in ihrem neuen Zuhause. Feixend rennen sie mit den anderen braunäugigen Kleinen durch die weitläufigen Gänge, ihre Plastikschlappen klatschen über die Fliesen. Es ist Mittagszeit. Langsam versammeln sich die Familien um den Speisesaal, die Aula der Schule, und warten auf das Catering. Den Erwachsenen sind die Anstrengungen der vergangenen Tage anzusehen. Viele von ihnen haben ähnliche Fluchtwege wie Yamir hinter sich. Im Gegensatz zu den herumspringenden Kindern schlurfen sie durch die breite Saaltüre und werfen lange, leere Blicke in den Raum. Einige halten Babys in den Armen.

Doch als der Bischof in Talar mit seiner Ordinariatskonferenz durch die Türe tritt, heben sie überrascht den Kopf. „Government?“, fragt der 21-jährige Youssouf aus Syrien erstaunt und humpelt ein paar Schritte nach vorne. Ihm war ins Bein geschossen worden, er trägt eine Schiene. Einen Monat lang war er auf der Flucht vor dem syrischen Militär, das den Studenten der Computerwissenschaft gefangen genommen hatte. Sein Vater kaufte ihn frei und bezahlte Youssoufs Überfahrt. Kinder überholen den jungen Mann und begrüßen den Bischof. „What’s your name?“, kräht eines und reicht ihm die Hand. „Gregor“, antwortet der und lächelt. Er nimmt sich Zeit. „Ich habe mich schon lange danach gesehnt, einmal mit den Asylbewerbern hier den Tisch teilen und auch ein Stück weit an ihrem Alltagsleben teilnehmen zu können“, sagt er später gegenüber der „Tagespost“. Er wisse, dass die orientalische Kultur eine Kultur des Gesprächs und der Begegnung sei. „Da kommt man am besten am gemeinsamen Esstisch zusammen.“ Wie alle anderen reiht sich Bischof Hanke in die Schlange vor der Essensausgabe ein. Es gibt Nudeln mit Hackfleischsoße und Salat; auch Äpfel, Bananen und Orangen werden ausgeteilt. Das Essen hier sei immer gut, bestätigt Youssouf, der auf seinem Teller einen Nudelberg mit Soßenspitze vor sich herträgt, „in Syrien ist es aber besser“.

Hayat Hussan ist ganz gerührt, dass der Bischof sich zu den Flüchtlingen an den Tisch gesetzt hat. Sie zupft mit ihrer Hand an ihrem buntkarierten Kopftuch. „Das zeigt, dass wir hier nicht vergessen sind“, sagt sie. Nach dem Essen haben die Asylsuchenden Fragen und Beschwerden. Oft sei es laut, es gebe auch Streit, manchmal flippe jemand aus. Folgen der Traumatisierung. Um den Tisch des Bischofs entsteht ein kleiner Kreis. Hayat Hussan übersetzt. Der Austausch ist dem Bischof wichtig. „Ich wollte bewusst ein Zeichen setzen“, sagt er. Zusammen mit der Ordinariatskonferenz sollte die Botschaft ankommen, dass Christen ihren Weltauftrag ernst nähmen und Menschen in Not menschenwürdig aufnehmen wollten. Das nähmen auch die zahlreichen Muslime auf, sagt Bischof Hanke. „Die Not kennt keine Religions- oder Konfessionsgrenzen, der Not ist zunächst einmal Abhilfe zu schaffen.“ Die Kirche übernähme hier einen wichtigen Part. Grundsätzlich sei der Staat Träger dieser Einrichtung, aber er wage „ohne überheblich zu werden“ zu sagen: „Wenn hier nicht die vielen kirchlichen Kräfte dahinterstünden, dann wäre diese Unterkunft teilweise ein Chaos.“

Florian Schlämmer, Sprecher der Regierung von Oberbayern, bestätigt dies: „Das Bischöfliche Ordinariat, die Caritas und die Malteser haben uns gerade in der Aufbau- und Anlaufphase der Unterkunft unglaublich unterstützt“, sagt er. Das Diözesanbauamt Eichstätt habe die Umbauarbeiten maßgeblich begleitet, die vielen haupt- und ehrenamtlichen Helfer hätten bei der Einrichtung und beim Einzug der ersten Asylbewerber tatkräftig angepackt, die Caritas habe ihre Erfahrung im Bereich der Asylsozialbetreuung eingebracht, zählt Schlämmer auf. „Diese Liste ließe sich noch weiter fortsetzen. Gerade Anfang Oktober, in einer Phase, in der wir in München sowohl von unseren Mitarbeitern als auch mit unseren Bettenkapazitäten absolut an die Grenze unserer Belastbarkeit gestoßen sind, waren uns diese vielen helfenden Hände hochwillkommen.“ Diese anhaltende Hilfsbereitschaft hier sei einmalig, schwärmt Schlämmer.

Von den rund 200 000 Flüchtlingen, die in diesem Jahr bundesweit erwartet werden, fallen nach dem Königssteiner Schlüssel, der die Aufnahmequoten der einzelnen Bundesländer entsprechend der Steuereinnahmen und der Bevölkerungszahl festsetzt, etwa 15,20 Prozent auf Bayern. Die Behörden alleine seien heillos überfordert, sagt der Bischof. „Deshalb bin ich dankbar, dass mein Ordinariat, die Bauabteilung, die Personalabteilung, die Malteser, die Caritas und noch viele andere mithelfen.“ Ohne diese konzertierte Aktion „hätten wir hier nicht diese Qualität“, sagt Bischof Hanke. „Wie gut das Zusammenwirken der einzelnen Beteiligten in dieser Erstaufnahmeeinrichtung klappt, ist keine Selbstverständlichkeit“, sagt auch Mathias Schmitt, der als Flüchtlingsberater in Eichstätt arbeitet. „Das ist das Ergebnis harter und langwieriger Arbeit, wöchentlicher Treffen, Diskussionen und Bemühungen, die sich aber auf ganzer Linie auszahlen. Am schwierigsten ist es, in Flüchtlingsunterkünften zu arbeiten, in denen Menschen nicht integriert sind und abseits stehen.“ Da, wo Austausch stattfinde und die Flüchtlinge von allen bereitwillig „ins Dorf geholt“ würden, funktioniere es.

Die isolierte Unterbringung von Flüchtlingen in Containersiedlungen, Möbelhäusern, Kasernen, leeren Krankenhäusern und Zelten dürfe deshalb keine Dauerlösung werden. Auch keine barocken Schulen. Bern Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer von Pro Asyl, sagt: „Als problematisch erachte ich, dass derzeit viel Geld in provisorische Unterbringungen gesteckt wird, womit man sich aber gleichzeitig auf lange Sicht festlegt.“ Man könne nicht nur Notnagellösungen pflegen, sondern müsse von Anfang an Strukturen schaffen, die unter anderem den Flüchtlingen aus Syrien und Irak bei der aktuell hohen Anerkennungsquote echte Perspektiven böten. „Aufnahme heißt mehr als Unterbringung“, sagt Mesovic. „Hier sehe ich eine dringende Planungsaufgabe.“ Er sei froh, dass die Kirchen hier reagierten und ihre Möglichkeiten entfalteten. In der Erstaufnahmeeinrichtung Eichstätt, die für vorerst ein Jahr angelegt ist, werden auf Anregung des Bistums von etwa 20 Germanistik-Studenten der Katholischen Universität Sprachkurse organisiert – ein grundlegender Schritt in Richtung Eigenständigkeit für die Menschen, die in ihrem Heimatland nicht mehr leben könnten.

Hayat Hussan lacht. Sie blicke zuversichtlich in die Zukunft, sagt sie, „ich bin glücklich“. Im Chaos der Erstaufnahmeeinrichtung Bayernkaserne hat sie einen jungen Mann kennengelernt. Auch er kommt aus Eritrea. „Wir haben uns verliebt“, ruft Hayat Hussan und auch die anderen Flüchtlinge nicken und fangen an zu lächeln. Hayat Hussans Freude, die ihr aus den Grübchen sticht, springt auf sie über. Ein alter Mann mit einer blauen Strickmütze auf dem Kopf kneift ihr kichernd in den Arm. Vergangene Woche hat es eine Hochzeitsfeier in der alten Schule in Eichstätt gegeben. Alle waren dabei. Hayat Hussan wiegt ihren Oberkörper hin und her, während sie sich erinnert. Und dann strubbelt sie dem kleinen, staunend neben ihr stehenden Sen über den Kopf, der seine Mutter bei einem Bombenanschlag in Syrien verloren hat.

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