Politik

Auf die Spitze getrieben

New Yorks Gouverneur Cuomo unterzeichnet ein extrem liberales Abtreibungsgesetz und handelt sich damit die Kritik mehrerer US-Bischöfe ein. Von Maximilian Lutz

In den Vereinigten Staaten, genauer gesagt im Ostküsten-Bundesstaat New York, wird gerade ein weiteres Kapitel der Kulturkämpfe aufgeschlagen. Die Protagonisten: auf der einen Seite Andrew Cuomo, Demokrat, Katholik und Gouverneur des Bundesstaates. Auf der anderen Kardinal Timothy Dolan, Erzbischof von New York, sowie einige weitere katholische US-Bischöfe. Um die Handlung kurz zusammenzufassen: Cuomo unterzeichnet ein extrem liberales Abtreibungsgesetz, selbst gemessen an den ohnehin schon extrem liberalen Maßstäben New Yorks, feiert das Gesetz als großen Erfolg für Frauen, und handelt sich so die äußerst heftige Kritik hochrangiger katholischer Geistlicher ein. So viel sei schon an dieser Stelle verraten: Cuomo wird wohl nicht exkommuniziert werden. Mehrere New Yorker Bischöfe hatten dies aber tatsächlich ins Gespräch gebracht.

Nun ist die Exkommunikation eine harte Strafe, wohl die härteste, die die Kirche für einen Katholiken vorsieht. Um nachvollziehen zu können, wie der Gouverneur derart in Ungnade fallen konnte, muss man das Gesetz unter die Lupe nehmen, das er am 22. Januar unterzeichnete – dem Jahrestag des Grundsatzurteils „Roe vs. Wade“. Das Urteil von 1973 gewährt für Abtreibungen bundesweit bis zur 24. Schwangerschaftswoche Straffreiheit. Der „Reproductive Health Act“, wie das neue Gesetz betitelt ist, wird Abtreibungen in New York bis zur 24. Woche auch weiterhin erlauben, selbst wenn „Roe vs. Wade“ einmal abgeschafft werden sollte. Dazu muss nicht einmal zwingend ein Arzt anwesend sein – auch Krankenschwestern oder Assistenten dürfen Abtreibungen vornehmen. In Ausnahmefällen, etwa dann, wenn die Gesundheit der Mutter gefährdet ist, gibt es keine Frist. Abtreibungen sind in Einzelfällen nun also faktisch bis unmittelbar vor der Geburt erlaubt.

Diese letzten beiden Punkte sind es hauptsächlich, die die Kirche auf den Plan riefen und einige Bischöfe lautstarke Kritik äußern ließen. „Die Exkommunikation ist das letzte Mittel, und wenn der Gouverneur sich weiter aus der Gemeinschaft der Kirche entfernt, kann es dazu kommen“, erklärte beispielsweise Edward Scharfenberger, Bischof von Albany. Die katholische Bischofskonferenz des Bundesstaates New York sprach in einer Stellungnahme von einem neuen „traurigen Kapitel“. Und Kardinal Dolan schrieb auf seinem Internetblog, Bischöfe sollten zwar keine Politiker oder „Kulturkämpfer“ sein. Das neue Gesetz sei allerdings ein „Affront gegen die Rechte der Schutzlosesten“.

Andere US-Bischöfe sprachen sich sogar offen dafür aus, Cuomo zu exkommunizieren. Beispielsweise Bischof Rick Stika von Knoxville im Bundesstaat Texas: Dieser bezeichnete das Gesetz als derart „schrecklich und feige“, dass eine Exkommunikation Cuomos angemessen sei. Ins selbe Horn stieß der ebenfalls texanische Bischof Joseph Strickland von Tyler. Er könne die Gesetzgebung von New York nicht ändern, rufe aber den Bischöfen zu, die es könnten, deutliche Worte zu finden. „In jeder gesunden Gesellschaft nennt sich das Kindermord“, so Bischof Strickland.

Cuomo hingegen verbuchte den „Reproductive Health Act“ als „großen Sieg für die New Yorker Bürger“. Für wie bedeutend er das Gesetz tatsächlich hielt, zeigt seine Anweisung, mehrere bekannte Gebäude im Bundesstaat New York zur „Feier des Tages“ pink anstrahlen zu lassen – darunter das „One World Trade Center“ in Manhattan. Lebensschützer sahen darin einen weiteren Affront.

Versöhnlichere Worte fand Erzbischof Dolan dann Anfang der Woche. Eine Exkommunikation Cuomos lehne er ab. Die Kirchenstrafe sollte „nicht als Waffe benutzt werden“, zitiert ihn ein Sprecher der Erzdiözese New York. Dolans Sprecher erklärte zudem, dass es strategisch nicht klug sei, zu diesem Instrument zu greifen. Viele Politiker würden eine solche Maßnahme nutzen, um zu zeigen, dass sie sich von der Kirche nicht schikanieren lassen.

Dass das neue Gesetz wohl in Wahrheit nicht unbedingt jener große Sieg für die Bürger ist, von dem Cuomo gesprochen hatte, zeigt eine jüngste Umfrage zur Akzeptanz von Abtreibungen in den USA: Drei Viertel der erwachsenen US-Bürger wünschen sich demnach striktere Abtreibungsgesetze. 65 Prozent erklärten, dass „Roe vs. Wade“ nochmals zur Diskussion gestellt werden müsse. Nur 30 Prozent hingegen wollen legale Abtreibungen ohne Restriktionen.

Und dass man auch mit Lebensschutz Politik machen kann, zeigten nun rund 100 Abgeordnete des US-Repräsentantenhauses: Sie wollen Abtreibungen nach der 20. Schwangerschaftswoche komplett verbieten. Hauptinitiator des Gesetzesvorhabens ist der katholische Republikaner Chris Smith aus New Jersey. Die Initiative erfährt aber parteiübergreifend Zustimmung. Andrew Cuomo gegen den Klerus New Yorks: Es wird wohl nicht das letzte Kapitel im Kampf zwischen Lebensschützern und Abtreibungsbefürwortern gewesen sein.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Weitere Artikel
US-Präsident Biden
Washington

Bidens nächster Kursschwenk Premium Inhalt

Auch in der Frage, wann menschliches Leben beginnt, bewegt sich der Präsident nun abseits der katholischen Lehre. Doch das Heft des Handelns haben andere in der Hand. Ein Kommentar.
10.09.2021, 17  Uhr
Maximilian Lutz
Themen & Autoren
Andrew Cuomo Bischöfe Exkommunikation Gouverneure Kapitel Katholikinnen und Katholiken Kritik Liberalismus Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten Schwangerschaftsabbruch Schwangerschaftswoche

Kirche