Auf der Suche nach Indiens Feinden

Die Attentäter von Bombay sind noch nicht gefasst. Derweil stehen islamistische Gruppierungen aus Indien und Pakistan im Focus der Ermittler. Von Klaus Wilhelm Platz

Foto: dpa | Noch steht nicht fest, wer am Mittwoch den Anschlag in der Metropole Bombay verübt hat.
Foto: dpa | Noch steht nicht fest, wer am Mittwoch den Anschlag in der Metropole Bombay verübt hat.

Ob die Täter rasch gefasst werden, die am Mittwoch dieser Woche in der indischen Wirtschaftsmetropole Mumbai die schweren Sprengstoffanschläge herbeiführten, ist ungewiss. Sie schlugen an drei zentralen Orten der Stadt – dem Opernhaus, dem Gold- und Schmuckbazar von Zaveri und im Dadar-Viertel zu und verschwanden dann rasch auf Motorrädern. Es handelte sich also nicht um Selbstmordattentäter oder Geiselnehmer wie 2008 bei dem Angriff auf das Hotel Taj Mahal, der „ersten Adresse“ des Landes. Dies spricht dafür, dass die Tat eher von kriminellen Handlangern ausgeführt wurde, hinter denen Drahtzieher mit politischen Motiven stehen. Es wurde kein Hindu-Heiligtum angegriffen, was gegen einen religiösen Beweggrund im engeren Sinn spricht. Vielmehr sollte es möglichst viele Tote und Verletzte im Herzen der Stadt geben, die für den Aufschwung des wirtschaftlichen Schwellenlandes Indien steht. Dass die Täter Muslime waren, die mehr oder weniger enge Verbindungen mit Indiens Erbfeind Pakistan haben, ist indes nicht auszuschließen.

Eines haben die Anschläge nicht erreicht: den Lebensnerv der Zwölf-Millionen-Metropole zu treffen. Der städtische Nahverkehr ging weiter, die Vorortzüge fuhren und die Börse setzte ihre Notierungen nach einem kleinen Kursknick nach unten fort. Der „Geist von Mumbai“ (früher Bombay) behielt die Oberhand, aber die Mumbaikars – wie die Einwohner heißen – fragen sich, wie solche Attentate in Zukunft gestoppt werden können und wer im politischen System des Landes schuld daran sein könnte, dass sie seit 1993 immer wieder passierten. Bislang sind bei Anschlägen mehr als zwanzig Menschen getötet und weit über hundert verletzt worden.

Die pakistanische Regierung verurteilte die Anschläge sofort. Weil die Attentäter von 2008 aus Pakistan kamen, steigen seither die Spannungen mit dem Erzfeind. Indien beschuldigt Pakistan, Attentäter auszubilden, was die Regierung in Islamabad zurückweist. Beide Regierungen beeilten sich, noch am Mittwoch bekannt zu geben, dass die geplanten Gespräche zwischen dem indischen und pakistanischen Außenminister wie geplant am Donnerstag stattfänden.

Konflikt um die muslimische Provinz Kaschmir

Hauptstreitpunkt zwischen Indien und Pakistan ist das ehemalige Fürstentum Kaschmir, das bei der Dekolonisierung des Subkontinents Indien zugeschlagen wurde, obwohl es weit überwiegend von Muslimen bewohnt wird. Es war deshalb seither Gegenstand mehrerer Krieg und ist heute geteilt. Indien ist wirtschaftlich, militärisch sowie von seiner Fläche und Bevölkerungszahl der weitaus stärkere der beiden Rivalen. Aber beide Länder sind atomar bewaffnet. Pakistan und Amerika, die seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York de facto Alliierte waren, sind nach allzu vielen amerikanischen Militäraktionen aus Afghanistan auf pakistanischem Gebiet und schließlich der Tötung Osama bin Ladens in einer pakistanischen Stadt so weit auseinandergerückt, dass man sie kaum mehr als Verbündete bezeichnen kann.

Nach der Bombenserie vom Mittwoch haben die indischen Behörden angeblich noch keine Spur von den Attentätern und ihren Hintermännern. „Viele terroristische Gruppen, die fähig sind, einen solchen Anschlag zu verüben, stehen unter Verdacht“, sagte Innenminister Palaniappan Chidambaram am Donnerstag. Indische Medien hatten bereits am Mittwochabend über die Verwicklung radikaler Islamisten spekuliert.

Indische Sicherheitskräfte konzentrieren ihre Aufmerksamkeit auf die einheimische Terroristengruppe Indian Mujahideen (IM) als mögliche Täter. Es handelt sich dabei um eine islamistische Gruppe, der bereits acht Anschläge allein in den letzten vier Jahren zur Last gelegt werden. Darunter waren – ähnlich wie jetzt in Mumbai – Explosionen in überfüllten Straßen mehrerer Städte. Ein Mitglied von IM hat gestanden, seine Gruppe habe vor fünf Jahren den Anschlag auf die U-Bahn von Bombay verübt, bei dem 200 Menschen starben. Aber hinter den Attentaten könnten auch Terroristen der Gruppe Laschkar-e-Taiba (LeT) stehen. Dies ist die älteste Dschihad-Gruppe Pakistans und soll eng mit Armee und Geheimdienst des Landes zusammenarbeiten. Auf Urdu, das sowohl in Südpakistan als auch in Grenzgebieten Indiens gesprochen wird, bedeutet Laktar-e-Taiba „Armee der Reinen“. Sie wird einerseits zum globalen Netzwerk Al-Kaida gezählt, ist aber letztlich eine eigenständige, vom Konflikt um Kaschmir geprägte Organisation.

Sie war wohl für die Anschläge des Terrorkommandos verantwortlich, das 2008 in Mumbai das Taj Mahal-Hotel, ein Café, ein jüdisches Zentrum und weitere Ziele überfiel. Dabei kamen 166 Menschen, darunter Angehörige westlicher Staaten, ums Leben. Die zehn Attentäter hatten in der Stadt fast drei Tage lang Geiseln genommen. Auch ein Attentat in Mumbai zwei Jahre zuvor ging auf das Konto der „LeT“, die von den Vereinten Nationen offiziell als Terrorgruppe geführt wird. Zu deren Zielen gehört neben der Islamisierung Indiens auch die Befreiung des von Indien besetzten Teils Kaschmirs.

Will Pakistan Indien zu einem Krieg provozieren?

Offiziell ist „LeT“ in Pakistan seit 2002 verboten, nachdem Indien die Gruppierung beschuldigt hatte, einen Angriff auf das Parlament in Delhi organisiert zu haben. Zahlreiche ihrer mutmaßlichen Mitglieder wurden damals verhaftet, doch die meisten von ihnen kamen noch im selben Jahr wieder frei. Tatsächlich kann die Gruppierung in Pakistan auch heute noch weitgehend ungehindert operieren. Es ist bekannt, dass Pakistans Armee und Geheimdienst in der Vergangenheit islamische Kämpfer ausgebildet haben, um indische Ziele vor allem in Kaschmir anzugreifen. Erst kürzlich hat in einem Gerichtsverfahren in Chicago die Staatsanwaltschaft auf die enge Zusammenarbeit zwischen den Laschkar-e-Taiba und dem pakistanischen Geheimdienst hingewiesen.

Während die indischen Ermittlungsbehörden Details nachgehen, bewegen sich Teile westlicher Sicherheitskreise in „geopolitischen Spekulationen“: Pakistan könne versucht sein, Indien durch terroristische Nadelstiche zu einer regelrechten Militäraktion gegen den Nachbarn zu reizen. Da Pakistan nur aus einem relativ schmalen Gebietsstreifen ohne strategisches Hinterland besteht, brauche es einen starken Verbündeten, den es statt in Amerika in China finden könne, das mit Indien einige Grenzstreitigkeiten in dessen Nordosten hat. Man sollte solche Planspiele nicht einfach zur Seite tun. Vorläufig jedoch geht es in Mumbai um einen größeren terroristischen Kriminalfall mit möglichen politischen Hintergründen, der nicht schon eine Umkehrung weltpolitischer Allianzen nach sich ziehen muss.

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