Düsseldorf

Armin Laschet: Der Versöhner

Wie keiner der anderen Kandidaten wurzelt Laschet im katholischen Milieu. Aber mit leichtem Drall zum Linkskatholizismus. Aber ist seine nächste Station wirkich das Kanzleramt?
Armin Laschet im Porträt
Foto: Michael Kappeler (dpa) | Laschets große Leidenschaft gilt Europa. Im Dreiländereck zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden aufgewachsen, empfindet er die grenzübergreifende Verbundenheit dort als ganz natürlich.

Was wurde gelacht: Armin Laschet stammt von Karl dem Großen ab. Laschets Bruder hat herausgefunden, dass sich seine Familie tatsächlich auf den Kaiser zurückführen kann: Armin der Karolinger. Was hätte man daraus machen können? Doch statt diese Geschichte weiterzuerzählen - natürlich mit Selbstironie, über die dazu nötige Chuzpe verfügt der Rheinländer - , musste sich der NRW-Ministerpräsident mit dem Hick-Hack der Corona-Maßnahmen herumschlagen.

Er beharrt auf Föderalismus

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Dabei hätte er aus der Grundhaltung heraus, aus der er in seinem Land den Kampf gegen die Pandemie führt, auch im karolingischen Sinne Kapital schlagen können. Sein Beharren auf Föderalismus gegen die zentralistischen Attitüden von Mini-Montgelas Markus Söder, seine Weigerung, wegen Corona die nordrhein-westfälischen Landesgrenzen zu den europäischen Nachbarn zu schließen, schließlich vor allem sein Agieren gegenüber den Religionsgemeinschaften, denen er keine Gottesdienstverbote verordnete   alles das passt bestens zum politischen Erbe der "neue Karolinger" Robert Schuman und Konrad Adenauer. Laschet zeigte hier, dass er in einer alten christdemokratischen Denktradition steht, aber er sprach es nicht aus. Statt große Linien zu ziehen, hat er sich immer mehr im administrativen Klein-Klein verloren. Seine schlechten Umfragewerte sind wohl auch eine Folge davon. 

Wie keiner der anderen Kandidaten wurzelt Laschet im katholischen Milieu. In seiner Aachener Pfarrgemeinde wurde er als Jugendlicher politisch sozialisiert. Erst dann folgte der Eintritt in die CDU. Im Kirchenchor lernte er seine Frau kennen. Die Kirche ist seine Heimat. Genauer die Aachener Kirche. Oder noch konkreter: die Aachener Kirche der 70er und 80er Jahre. Laschet ist ein Exponent der Generation Vatikanum II. Dem ZdK weiß er sich verbunden, zwischen 2012 und 2016 gehörte er seiner Vollversammlung ein. Wie er überhaupt Reformbestrebungen gegenüber positiv eingestellt sein dürfte. Der Jurist, der auch ein Volontariat beim Bayerischen Rundfunk gemacht hat, war zwischen 1991 und 1994 Chefredakteur der Aachner Kirchenzeitug. Damals berichtete er auch über einen Missbrauchsprozess gegen einen Pfarrer und kritiserte eine Tendenz zur Vertuschung bei den Vorgesetzten des Geistlichen   vom Generalvikar bekam er dafür eine Rüge. 

Besondere Sympathie für Papst Franziskus

Besondere Sympathie hat Laschet für Papst Franziskus. Schon zweimal wurde er im Vatikan zu einer Audienz empfangen. Vor allem in Laschets Flüchtlingspolitik spürt man die Nähe zum Papst: Der NRW-Ministerpräsident gehörte im Herbst letzten Jahres zu denen, die schnell dazu bereit waren, nach dem Brand im Lager Moria Flüchtlinge in seinem Land aufzunehmen. Zuvor hatte er sich selbst einen Eindruck von der Lage in Moria gemacht. 

Laschets große Leidenschaft gilt Europa. Im Dreiländereck zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden aufgewachsen, empfindet er die grenzübergreifende Verbundenheit dort als ganz natürlich. Seine ersten Sporen verdiente er sich als Europaabgeordneter. Sollte er einmal Kanzler werden, die Europapolitik würde wohl wieder zur Chefsache. Ein zweites Thema, das sich durch Laschets politische Vita zieht, ist die Auseinandersetzung mit der Einwanderung und deren Folgen für die Gesellschaft. In der Regierung Rüttgers wurde er Deutschlands erster Integrationsminister. Unter Parteifreunden machte damals allerdings die Rede vom "Türken-Armin" die Runde   manchen schienen die Schwärmereien des Ministers über die gelungenen Integrationsgeschichten wohl doch etwas zu blauäugig. Freilich hat hier in den letzten Jahren auch eine gewisse Läuterung eingesetzt. Als Ministerpräsident setzt er zusammen mit seinem Innenminister Herbert Reul auf Law and Order, ein Schwerpunkt dabei: die Bekämpfung der libanesischen Clan-Kriminalität, unter der vor allem das Ruhrgebiet ächzt.

Ein Mann für Synthesen

Laschet ist ein Mann für Synthesen. Zuerst hat er das in seiner Partei bewiesen. Der nordrhein-westfälische CDU-Landesverband ist traditionell ein schwieriger; die Rheinländer und die Westfalen, die noch bis in die 80er Jahre hinein in eigenen Verbänden unterwegs waren, harmonieren nicht so recht miteinander. Laschet hat Frieden geschaffen. Auch mit Blick auf die Flügel. Er selbst ist sicherlich jemand, der vor allem im linkskatholischen Bereich Anhänger findet, aber an seine rechte Seite hat er sich mit Nathanael Liminski den Gründer der "Generation Pontifex" geholt, der auch weiß, welche Fragen konservative Katholiken umtreiben. Wenn Laschet heute davon spricht, als Vorsitzender wolle er vor allem zusammenführen, dann hat das nicht nur etwas mit seinem leutseligen Naturell zu tun, dahinter steht auch seine konkrete Erfahrung in NRW. Im größten Bundesland fährt er damit ganz gut.

Mit diesem präsdialen Stil rekrutiert Laschet freilich keine leidenschaftlichen Anhänger. Seinen Rückhalt im Funktionärscorps hat er eben auch genau deswegen, von ihm sind keine Überraschungen zu erwarten. Vielleicht wird seine nächste Station auch nicht das Kanzleramt, sondern eher Schloß Bellevue. Das würde auch besser zum Kaiser passen.

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Sebastian Sasse

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