Armenier kämpfen um Aufenthaltsrecht

Das gemeinsame Schicksal der Verfolgung hat bisher eine tiefe Sympathie zwischen Armeniern und Juden bewirkt – In Jerusalem beginnt sie zu bröckeln Von Bodo Bost

Seit ihrer Christianisierung im Jahre 301 zog es Armenier ins Heilige Land und dessen Hauptstadt Jerusalem, wo sie als Christen seit damals besondere Rechte genießen, seit dem 7. Jahrhundert ist Jerusalem auch Sitz eines armenischen Patriarchen, an der Grabeskirche und Geburtskirche in Jerusalem und Bethlehem haben die Armenier bis heute Anteile. Zum Patriarchat von Jerusalem der Armenischen Apostolischen Kirche gehörten bis 1929 die armenischen Diözesen von Syrien, Libanon, Zypern und Ägypten; dann übernahm das Katholikat von Kilikien, das seinen Sitz im Libanon hat, deren Betreuung. Das Patriarchat von Jerusalem ist der Hüter der armenischen Heiligen Stätten in Jerusalem, es ist zuständig für die Armenier-Gemeinschaft des Heiligen Landes und betreut die armenischen Pilger zur Heiligen Stadt.

Um die Stadt entstanden zahlreiche Klöster

Um die Stadt entstanden seit dem vierten Jahrhundert zahlreiche armenische Klöster, wie Ausgrabungen in den 1920er Jahren bezeugen. Seit den Kreuzzügen im 11./12. Jahrhundert, als die Armenier sich als einziges einheimisches Volk den europäischen Kreuzfahrern als verlässliche Partner anboten, hatten die Armenier auch ihr eigenes Stadtviertel in Jerusalem, das an den Zionsberg angrenzt. In dieser Zeit wurde auch die St. Jakobuskathedrale gebaut, das Herzstück des Viertels. Das Armenierviertel Jerusalems grenzt im Norden an das Christenviertel und im Osten an das jüdische Viertel an, es ist das kleinste der vier ethnischen Viertel in der heutigen Altstadt von Jerusalem.

Während der langen türkisch-osmanischen Herrschaft im Heiligen Land, vom 16.–20. Jahrhundert, durften die Armenier ihr Viertel behalten, während die lateinischen Christen ihr Viertel aufgeben mussten. Während alle orientalischen Christen in dieser Zeit die arabische Sprache und Kultur angenommen haben, bewahrten die armenischen Christen als einzige einheimische christliche Gruppe ihre eigene Sprache und Kultur. Die Armenier eröffneten bereits 1862 die erste Mädchenschule Jerusalems, die Gayane Girl's School. Zum Ende der osmanischen Herrschaft, als es in der Türkei seit 1915 zu Massakern an den Armeniern kam, flüchteten viele Armenier aus Anatolien nach Palästina, wo bei Jaffa und Haifa einzelne armenische Flüchtlingsdörfer entstanden. In Palästina blieben die Armenier auch unter der osmanischen Herrschaft unbehelligt, obwohl auf britischer Seite ein armenisches Kontingent an der Befreiung Palästinas von der Türkenherrschaft teilnahm.

Der Genozid der Armenier in der Türkei verschaffte den Armeniern im Heiligen Lande zunächst viel Sympathie unter den Juden, die seit 1939 ebenfalls als Überlebende von Hitlers Holocaust an den europäischen Juden nach Palästina flüchteten. Im Jahre 1948 wurde diese Sympathie jedoch auf eine erste Probe gestellt, als der jüdische Staat Israel seine Unabhängigkeit erklärte und es zu großen Vertreibungen der einheimischen Bevölkerung kam. Viele Armenier zeigten sich als Christen damals solidarisch mit ihren palästinensischen Nachbarn, von denen ebenfalls viele Christen waren. Durch die neue Grenzziehung 1948 lag das armenische Viertel der Altstadt von Jerusalem praktisch auf der Frontlinie zwischen dem neuen Staat Israel und dem Königreich Jordanien, zu dem die Altstadt von Jerusalem gehörte. Die Armenier boten ihren jüdischen Nachbarn in der Altstadt von Jerusalem in ihrer Kathedrale Schutz vor den Jordaniern, andere Armenier schützen Palästinenser vor den Israelis.

Die vier armenischen Gemeinden im Heiligen Land befanden sich nun auf beiden Seiten der Grenze oder der Grünen Linie, wie sie genannt wurde. Die Armenier waren zwischen die Fronten eines Konfliktes geraten, der nicht der ihre war. Als Folge davon wanderten viele Armenier in dieser Zeit nach Europa und Amerika aus. Von einst 25 000 Armeniern im Heiligen Lande ging ihre Zahl auf heute nur noch 2 000 zurück. Als die israelische Armee 1967 im Sechs-Tage-Krieg den Rest Palästinas militärisch eroberte und besetzte, waren die Armenier zunächst froh, dass sie wieder in einem Land zusammenleben konnten, die Juden kamen wieder in die Altstadt von Jerusalem zurück und wurden wieder die Nachbarn der Armenier. Mit der Zeit kam es jedoch zu immer mehr Spannungen. Es ging vor allem um israelische Bauprojekte im jüdischen Viertel, die das armenische Viertel immer mehr einengten. Vor allem orthodoxe Juden zogen in dieses Viertel, die wenig religiöse Toleranz zu Andersgläubigen aufbrachten. Viele Armenier fühlten sich von diesen belästigt und entdeckten in dieser Zeit auch ihre Verbundenheit zu den Palästinensern. Die Ararat Straße im armenischen Viertel wurde kurzerhand in Arafat-Straße umgeschrieben.

Armenische Christen verlieren Wohnsitzrechte

Heute bilden die armenischen Christen im Heiligen Land vier Pfarreien: Jerusalem, Bethlehem, Jaffa und Haifa, in Ramle betreiben die Armenier noch ein Kloster. Die Gemeinde in Jerusalem zählte 1967 circa 3 000 Mitglieder, heute nur noch 1 000, im Rest des Landes und im Westjordanland leben weitere 1 000 Armenier. Die meisten armenischen Bewohner der Altstadt von Jerusalem, die 1967 von Israel annektiert wurde, zogen es vor, ihre jordanische Staatsangehörigkeit zu behalten und lehnten die israelische Staatsangehörigkeit ab, die ihnen wie allen Bewohnern der Stadt angeboten worden war. Sie erhielten deshalb wie die arabisch-palästinensischen Bewohner von Jerusalem eine Aufenthaltserlaubnis, eine sogenannte Residenzkarte, die verfallen kann, wenn sich ein Inhaber für längere Zeit im Ausland aufhält. Nach einem kürzlich erschienenen Bericht der israelischen Zeitung „Haaretz“ versucht das israelische Innenministerium seit vielen Jahren in Ost-Jerusalem, auch Mitgliedern der armenischen Gemeinschaft, die die Stadt für einen längeren Zeitraum verlassen wollen, bei der Rückkehr ihre Residenzrechte abzuerkennen. Mitglieder der armenischen Gemeinde, die ins Ausland reisen, um dort für ein paar Jahre zu studieren oder zu arbeiten, entdecken bei ihrer Rückkehr, dass ihre Wohnsitzrechte abgelaufen sind, obwohl sie in dieser Stadt geboren sind und sonst immer dort gelebt haben. Von dieser restriktiven israelischen Politik sind nun auch Kleriker der armenischen Kirche betroffen, die in Jerusalem ein eigenes Priesterseminar für 30 bis 40 Seminaristen betreiben.

Diese klagen nun gegen ihre Ausbürgerung beim Obersten israelischen Gericht. Klar ist, dass es ist nicht die Armenier, sondern die palästinensischen Araber in Ost-Jerusalem sind, die das Hauptziel dieser Politik des Widerrufs der Aufenthaltstitel sind. Der armenisch-apostolische Patriarch von Jerusalem, Torkom Manoogian (91), der selbst in einem Flüchtlingslager als Flüchtling der Armeniermassaker im untergehenden osmanischen Reich geboren wurde und seit 1990 als heute dienstältester Patriarch in Jerusalem residiert, hat die israelische Regierung bereits mehrfach aufgefordert, den armenischen Bewohnern der Jerusalemer Altstadt unbefristete Aufenthaltstitel auszustellen, jedoch ohne Erfolg.

Die zaghafte Annäherung scheint jetzt bedroht

Den sehr eng ausgelegten Residenzrechten der einheimischen palästinensischen und armenischen Bevölkerung steht das sehr liberale Recht aller Juden in der Welt entgegen, nach dem Prinzip der Rückkehr nach Israel einzuwandern und dann direkt die Staatsangehörigkeit und ein unbeschränktes Wohnrecht in diesem Land zu erhalten. Von dieser Rückkehrmöglichkeit haben in den letzten 20 Jahren auch fast zwei Millionen Bewohner der ehemaligen Sowjetunion Gebrauch gemacht, die nach Israel ausgewandert sind. Viele davon brachten auch armenische Partner mit ins Heilige Land. Diese Neu-Armenier bilden heute bereits die Mehrheit der Armenier im Heiligen Land, auch der Pilgerverkehr aus Armenien nach Israel hat zu einer Wiederbelebung der Heiligen Stätten im Armenischen Viertel, das all die Jahre über ein eher bescheidenes Dasein fristete, beigetragen.

Auch der im Jahre 1991 gegründete Staat Armenien in Transkaukasien unterhält seit seiner Gründung Beziehungen zum Staat Israel, allerdings vermeidet es Israel mit Rücksicht auf die Türkei, die als einziger islamischer Staat im Nahen Osten das Existenzrecht Israels anerkannt hat, eine Botschaft in Armenien zu errichten. Israel verwendet die Begriffe Völkermord und Genozid in Bezug auf die Vorkommnisse von 1915/16 nicht. 2001 sagte der jetzige Präsident und damalige Außenminister Israels, Shimon Peres, in einem Interview, die Armenier hätten zwar eine Tragödie durchlebt, jedoch keinen Völkermord wie die Juden, deshalb wurde auch im Jahre 2007 eine Debatte im israelischen Parlament zur türkischen Verantwortung an dem Massenmord an den Armeniern nicht zugelassen. Seitdem sich die israelisch-türkischen Beziehungen infolge des Gazakrieges von 2008 wieder verschlechtern, hatten viele Armenier und auch Israelis auf eine Verbesserung der beiderseitigen Beziehungen gehofft; auch die Frage der Einstufung der Armeniermassaker von 1915 in der Türkei als Völkermord soll jetzt wieder der Knesset vorgelegt werden. Die zaghafte armenisch-israelische Annäherung scheint jetzt bedroht, wenn die alteingesessenen Armenier in Jerusalem, die bereits seit fast 2 000 Jahren dort siedeln, nach und nach ihre Wohnrechte verlieren.

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