Freiburg/Schweiz

Anthroposophie: Von der geheimen Geschichte überzeugt

Der Religionswissenschaftler Helmut Zander bezeichnet die Anthroposophie in der fluiden deutschen Esoterik-Szene als ausgesprochen "stabilen Faktor" - und er sieht Schnittmengen zwischen Katholizismus und Anthroposophie.

Rudolf Steiner, Gründer der Waldorf-Schulen
Rudolf Steiner, Gründer der Waldorf-Schulen, distanzierte sich zeitlebens nicht von rassistischem Gedankengut. Foto: dpa, Archiv Rudolph Steiner

Was ist Anthroposophie? Welche Rolle nimmt sie in der esoterischen Szene ein?

Das Herz der Anthroposophie schlägt in der Überzeugung, dass es eine geistige Welt gibt und dass man sie mit übersinnlichen Mitteln erkennen kann. Aber die Anthroposophie ist nicht in der Theorie stecken geblieben und beansprucht, diese höhere Erkenntnis in die Praxis umzusetzen. So will man in der Landwirtschaft (Demeter-Produkte) "kosmische Kräfte" fruchtbar machen, während in der Pädagogik die Lehrerin oder der Lehrer auch um die geistige Konstitution des Menschen wissen sollen - und insofern soll die Waldorfpädagogik eine spirituelle Dimension besitzen. Damit ist der große Gegner der Anthroposophie der Materialismus, die Überzeugung, dass der Mensch nicht mehr sei als ein paar Kilo Atome.

"Ihre Mitglieder rekrutiert die Anthroposophie
weitgehend aus bildungsbürgerlichen Milieus"

In der fluiden esoterischen Szene ist die Anthroposophie ein ausgesprochen stabiler Faktor, weil sie hoch institutionalisiert ist. Von kaum zu überschätzender Bedeutung sind ihre Praxisfelder, immerhin haben wir beispielsweise mehr als ein halbes Dutzend anthroposophische Krankenhäuser in Europa. Ihre Mitglieder rekrutiert die Anthroposophie weitgehend aus bildungsbürgerlichen Milieus.

Rudolf Steiners Lehren sind eng mit dem Zeitgeist der damaligen Zeit verknüpft. Wieso findet sie heute noch so viele Anhänger?

Weil viel von damals noch aktuell ist. Äpfel ohne Pestizide oder eine Ärztin, die einen Kranken ganzheitlich anschaut, wer will da etwas Schlechtes sehen? Manches, was Patina angesetzt hat, hat man hingegen abgestoßen, etwa Laboratorien, in dem man übersinnliche Kräfte empirisch messen wollte. Anderes ist einfach in der Versenkung verschwunden, wie die freimaurerischen Rituale der Esoterischen Schule.

Inwiefern trifft es zu, dass Anthroposophen parallelgesellschaftliche Strukturen aufgebaut haben?

Anthroposophische Einrichtungen sind in der Tat vielfach miteinander vernetzt. Anthroposophische Banken finanzieren den Bau von Waldorfschulen, anthroposophische Stiftungen sind von zentraler Bedeutung für die Universität Witten-Herdecke und andere anthroposophische Hochschulen, dort wiederum greift man bereitwillig zu Demeter-Produkten, und der Schularzt, den Waldorfschulen in der Regel haben, ist dann gerne ein Anthroposoph. Zu diesen Strukturen kommen personelle Verflechtungen, etwa wenn der Gründer und Inhaber der Lebensmittelkette Alnatura, Götz Rehn, zugleich im Kuratorium der Software AG-Stiftung sitzt oder sich bei der Alanus-Hochschule in Alfter (bei Bonn) engagiert. Diese Netzwerke sehen im anthroposophischen Milieu im Grunde nicht viel anders aus als im Katholizismus auch.

Warum sind Anthroposophen trotz Netzwerk bisher nicht weiter gesellschaftlich aufgefallen?

"Fast noch mehr geraten anthroposophische
Einrichtungen bei Problemen ins öffentliche Interesse"

Das würde ich so nicht sagen. Sie sind positiv hinsichtlich der gerade genannten praktischen Seiten "aufgefallen". Fast noch mehr geraten anthroposophische Einrichtungen bei Problemen ins öffentliche Interesse: Etwa wenn sie zu Steiners rassistischem Denken keine glasklare Abgrenzung hinbekommen, wenn autoritäre Tendenzen in Waldorfschulen aufgedeckt werden oder Anthroposophen sich als Verschwörungstheoretiker outen.

Woher kommt diese Empfänglichkeit für Verschwörungstheorien?

Ich vermute, ein Hintergrund ist die tiefsitzende Überzeugung, dass es eine geheime Geschichte gebe. Von den ägyptischen Mysterien über die Rosenkreuzer bis zu Alchimisten war Rudolf Steiner überzeugt, dass eine okkulte Tradition existiere, in der ein esoterisches Wissen weitergegeben worden sei. Noch 1914 glaubte er, dass die Freimaurerei im Ersten Weltkrieg ein antideutsches Netzwerk organisiere. Also, dieser ganze Komplex von undurchschaubarem Wissen, von okkult operierenden Gemeinschaften, von Eingeweihten, die nur geeignete Schüler einweihen, all das gehört zur DNA der Anthroposophie. Zwar glaube ich, dass für sehr viele Anthroposophen diese Dinge heute keine Rolle spielen, aber es gibt eben doch eine nicht unbeträchtliche Gruppe, die von solchen Praktiken überzeugt ist, und momentan fallen die einmal wieder besonders auf.

Stichwort Impfen: Woher rührt die anthroposophische Angst vor der Spritze?

"So manche Anthroposophen, darunter auch
anthroposophische Mediziner, sind in Sachen Impfung
nicht in der Gegenwart angekommen und dogmatische Impfverweigerer"

Man muss verstehen, dass zu Steiners Lebzeiten Impffolgen immens schwer abzuschätzen waren. Steiner war hier ein unentschiedener Zeitgenosse, kein radikaler Impfkritiker und kein besinnungsloser Propagandist des Impfens. Für die damalige Zeit kann man eine solche Unsicherheit nachvollziehen. Aber heute sieht die Sache anders aus, die Schutzwirkungen bei anerkannten Impfungen überwiegen nachweislich die Schäden bei weitem. In Corona-Zeiten muss man dazu nicht mehr viel sagen. Aber so manche Anthroposophen, darunter auch anthroposophische Mediziner, sind in Sachen Impfung nicht in der Gegenwart angekommen und dogmatische Impfverweigerer.

Welche Schnittmengen gibt es zwischen Katholizismus und Anthroposophie, wo liegen die größten Unterschiede?

Gute Frage! Denn es gibt - das mag überraschend klingen - am Ende mehr Gemeinsamkeiten mit dem Katholizismus als mit protestantischen Traditionen, obwohl (und weil) das soziale Milieu der Anthroposophie in Europa klassischerweise protestantisch geprägt ist. Man kann verkürzt sagen: In der Anthroposophie wurden katholisierende Elemente für Protestanten und insbesondere Protestantinnen attraktiv. Relativ leicht entdeckt man diese Gemeinsamkeiten in der Christengemeinschaft, einer von Rudolf Steiner inspirierten und de facto gegründeten Kirche, in der es beispielsweise die sieben Sakramente der katholischen Tradition gibt. Aber die Gemeinsamkeiten reichen noch weiter. Für Steiner waren die Wirkungen der geistigen Welt real, "objektiv". Wirkungen der geistigen Welt können, so glaubte er, Möhren besser wachsen lassen oder Menschen heilen oder sich in Sakramenten manifestieren. Damit haben sich insbesondere liberale Protestanten schwergetan. 

"In der Anthroposophie wurden katholisierende
Elemente für Protestanten und insbesondere
Protestantinnen attraktiv"

Ein spannender Fall ist hier Judith von Halle, eine Anthroposophin, die beansprucht, die Stigmata Jesu an ihren Händen, Füßen und ihrer Brust zu tragen. Die Debatte, ob all das nicht zu katholisch sei, hat viele Anthroposophen in den letzten Jahren in Freunde und Feinde Judith von Halles geteilt. Aber genau hier liegen Berührungspunkte zur katholischen Tradition, die eben auch nicht kategorial ausschließt, dass es Stigmatisierungen, spirituell besonders begabte Menschen oder das fühlbare Eingreifen Gottes geben kann. Irgendwo hier liegen auch die Gründe, warum sich der Philosoph Robert Spaemann oder der Fast-Kardinal Hans Urs von Balthasar intensiv mit Valentin Tomberg beschäftigt haben, der als Anthroposoph zum Katholizismus konvertierte. Spaemann hat unter Tombergs Einfluss zeitweilig angenommen, im Neuen Testament gebe es die Reinkarnationslehre. Von Balthasar hat diese Auffassung abgelehnt, empfahl aber Tombergs Auslegung der Tarot-Karten als spirituelle Lektüre.

Helmut Zander
Helmut Zander ist Professor für Religionswissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Freiburg/... Foto: privat

Damit steht man bei den Unterschieden. Reinkarnation oder Seelenwanderung haben in der christlichen Theologie keinen Platz gefunden. Nicht nur, weil es keine Erinnerungen an vergangene Leben gibt, sondern auch, weil das Karmakonzept Vergebung ausschließt. Denn Karma heißt: Man verantwortet im nächsten Leben das, was man in diesem verbockt hat. Sündenvergebung war deshalb für Steiner etwas für  Feiglinge . Und deshalb will die Beichte der Christengemeinschaft keine Sündenvergebung vermitteln, sondern eine  Stärkung  des Menschen. Aber die Unterschiede reichen noch tiefer. Steiner spricht nur ganz zurückhaltend von "Gott", er präferiert die Rede von "dem Göttlichen". Er macht letztlich keinen Unterschied zwischen Materie und Geist, Materie ist für ihn nur ein temporärer Aggregatzustand des Geistes   Menschen kann er dabei mit einem Tropfen im Meer des Geistigen vergleichen. Zwar kennt auch die christliche Theologie die Rede von der Vergöttlichung des Menschen, aber anders als bei Steiner bleibt die Eigenständigkeit des Menschen, seine "Unauflöslichkeit", gewahrt.

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