Bonn

Ansprechpartner der Alliierten

Der ehemalige Direktor der Forschungsstelle der Kommission für Zeitgeschichte, Karl-Joseph Hummel, spricht über die schwierige Situation nach dem Krieg, die aktuelle Einschätzung der Bischofskonferenz und warum die „Stunde der Christen“ nur Minuten dauerte.

Kardinal von Galen: Ansprechpartner der Alliierten
Clemens August Graf von Galen, der Bischof von Münster, widersetzte sich im Dritten Reich immer wieder dem NS-Regime. Das Kriegsende sah er trotzdem nicht als Befreiung sondern als "Feindbesetzung" an. Foto: Stadtmuseum Münster (Stadtmuseum_Münster)

Herr Professor Hummel, wie viel ist an der Aussage wahr, dass die katholische Kirche als „Siegerin in Trümmern“ nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges dastand?

In einer seriösen Diskussion über die Kirche im Dritten Reich muss man begrifflich unterscheiden und jeweils klar stellen, wovon man spricht – über die internationale katholische Kirche oder über die deutschen Katholiken, über die Bischöfe oder die Laien, über pastorale oder gesellschaftlich-politische Fragen oder über die weltanschauliche Auseinandersetzung. Die deutschen Katholiken sahen sich 1945 in der Opferrolle, menschlich und moralisch beschädigt. Siegerin war die katholische Kirche nur insofern als dass sie organisatorisch und weltanschaulich einigermaßen überlebt hatte. Die deutschen Bischöfe hatten nach dem Ende des politischen Katholizismus 1933 die Rolle eines ‚opinion leaders‘ auch in politischen und gesellschaftlichen Fragen übernommen, die weder ihrem Selbstverständnis entsprach noch nach ihren Kompetenzen naheliegend war. Nach dem Untergang des Nationalsozialismus gab es als Ansprechpartner für die Alliierten zur katholischen Kirche aber keine Alternative. Kurt Schumacher polemisierte in diesem Zusammenhang gegen den Episkopat als „fünfte Besatzungsmacht“.

"Die Bischöfe verstanden sich als Mittler
zwischen dem ganzen deutschen Volk
und den Besatzungsmächten"

Clemens August Graf von Galen, der als Bischof von Münster als Gegner des Nationalsozialismus wahrgenommen wurde, sprach von einer „Feindbesetzung“ nach dem zweiten Weltkrieg. War das eine Einzelmeinung unter den katholischen Prälaten?

Die Bischöfe verstanden sich als Mittler zwischen dem ganzen deutschen Volk und den Besatzungsmächten. Sie berieten zum Beispiel bei der Besetzung von Verwaltungsposten und bei der Auswahl von Bürgermeistern und Landräten, übernahmen selbst aber keine politischen Ämter. Sie traten dabei nicht nur für die Katholiken ein, sondern in Fortführung ihrer Haltung wenigstens in den letzten Kriegsjahren für die Würde und Rechte aller Menschen und scheuten dabei keinen Konflikt – bei der Entnazifizierung, dem Stopp der Demontage, der Entlassung von Kriegsgefangenen, der Beendigung der Vertreibung, in der Sicherstellung der Versorgung oder im Protest gegen Plünderungen und Vergewaltigungen.

Nach dem Krieg entwickelte sich der Mythos einer Kirche, die immun gegen nationalsozialistisches Gedankengut sei. Dabei gab es Beispiele – etwa Maria Laach – die zeigen, dass es durchaus Empfänglichkeiten für die nationalsozialistische Ideologie gab. Wie konnte ein solches Narrativ entstehen?

Die Aktivitäten der sogenannten Brückenbauer, zum Beispiel des Abtes Herwegen von Maria Laach oder der Theologieprofessoren Karl Adam, Michael Schmaus und Joseph Lortz blieben auf die Anfangsjahre des Dritten Reiches beschränkt und das Anliegen einer kleinen Minderheit. Möglich wurden diese Überlegungen auf der Basis nationalistischer Gemeinsamkeiten und später in antibolschewistischem Einverständnis. Eine klare Distanz blieb dagegen zur nationalsozialistischen Rasselehre. Der spätere Münchner Weihbischof Johann Neuhäusler schrieb 1946: „Der Widerstand war kräftig und zäh, bei Hoch und Nieder, bei Papst und Bischöfen, bei Klerus und Volk, bei Einzelpersonen und ganzen Organisationen.“ Neuhäuslers Fazit eignet sich freilich nur für die weitgehende weltanschauliche Immunisierung der deutschen Katholiken. Der Bereich des politischen Widerstands wird damit nicht zutreffend berührt, auch wenn dieses Zitat in diesem Sinn immer wieder apologetisch missverstanden worden ist.

1945 prägte die Not des Alltags die Kirche als Kirche der Caritas. Die katholischen Bischöfe waren grundsätzlich von den Besatzungsbehörden akzeptierte Ansprechpartner für das deutsche Volk, der Alltag der Kontakte verlief häufig aber konfliktiv.

Wie wurde damals die Rolle Pius XII. bewertet und welche Orientierungsfunktion hatte er für die deutschen Katholiken in der unmittelbaren Nachkriegszeit?

Kardinal Josef Frings
Der Erzbischof von Köln, Josef Frings, galt als eine der populären katholischen Persönlichkeiten in den Nachkriegsjahren... Foto: N.N.

Pius XII. erklärte in einer Analyse den Nationalsozialismus mit dem „traurigen Schauspiel einer fortschreitenden Entchristlichung“, zwar nicht einem Versagen des Christentums, nicht der Kirche als Institution, aber durch die Einstellung einzelner Christen. In ihrem Hirtenbrief vom 23. August 1945 übernahmen die deutschen Bischöfe diese Perspektive: „Viele Deutsche, auch aus unseren Reihen, haben sich von den falschen Lehren betören lassen.“ An Weihnachten 1945 signalisierte Pius mit der Ernennung von drei deutschen Kardinälen – des Kölner Erzbischofs Joseph Frings, des Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen, und dessen Vetter Konrad von Preysing, Bischof von Berlin – dass er zwischen dem Nationalsozialismus und dem „anderen“ Deutschland genau zu unterscheiden wusste. Es ist eine dramatische Pointe der Geschichte, dass ausgerechnet der Ruf dieses Freundes der Deutschen, der 12 Jahre als Nuntius in München lebte, von zwei bis zum heutigen Tag negativ beeinflusst wird: Adolf Hitler und Rolf Hochhuth.

Wie bewerten Sie das Bischofswort zum 75. Jahrestag des Kriegsendes in Europa?

75 Jahre nach Kriegsende urteilt die Deutsche Bischofskonferenz: Die deutschen Bischöfe machten „sich mitschuldig am Krieg“, weil sie dem Krieg kein eindeutiges Nein entgegenstellten, sondern die meisten von ihnen den Willen zum Durchhalten stärkten. 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird nach der Öffnung der vatikanischen Archive bis 1958 die Diskussion über Papst Pius XII. und die Bischöfe neu beginnen. Dabei wäre es hilfreich zu wissen, welcher Pflichtenkatalog jeweils mit welcher Gewichtung für das Urteil herangezogen wird. Wie sah die Arbeitsplatzbeschreibung für Papst Pius und die deutschen Bischöfe 1939 aus?

"Ein entschiedenes Nein der deutschen Bischöfe 1939
hätte der Bischofskonferenz im Jahr 2020 ein positiveres Urteil
über ihre Vorgänger erlaubt, aber was hätte dieser Protest
an der Realität des Weltkriegs verändern können?"

Aber stimmt es denn nicht, dass auch deutsche Bischöfe gefehlt haben?

So sehr wir uns heute wünschen, die deutschen Bischöfe hätten sich im Zweiten Weltkrieg mutiger und erfolgreicher verhalten, so dass der Krieg gar nicht begonnen hätte bzw. durch ihren Einfluss beendet worden wäre; so sehr wäre es für ein gerechtes Urteil notwendig, die Urteilskriterien und ihre Gewichtung durch Argumente abzusichern und plausibel zu machen, was zu den realistischen Erwartungen und was zu den utopischen Erwartungen gehört.  Ein entschiedenes Nein der deutschen Bischöfe 1939 hätte der Bischofskonferenz im Jahr 2020 ein positiveres Urteil über ihre Vorgänger erlaubt, aber was hätte dieser Protest an der Realität des Weltkriegs verändern können?

Sie haben eben die neuerliche Diskussion um Pius XII. angeschnitten. Zwischen den Zeilen steht der alte Vorwurf, der Papst habe geschwiegen.

Nach Öffnung der vatikanischen Archive bis 1958 stehen jetzt Millionen weiterer Dokumente zur Verfügung. Jetzt kann auch untersucht werden, ob es vorrangig um die Frage geht, ob und warum der Papst geschwiegen hat, oder darum, ob der Vatikan mit der Strategie „Retten statt Reden“ versucht hat, Juden zu retten. In diesem Fall wären die Aktionen Juden mit falscher Identität auszustatten, nur erfolgversprechend gewesen, wenn sie unterhalb der Schwelle öffentlicher Wahrnehmung möglich gewesen wären.

Außerdem sei in diesem Zusammenhang an eine Leitlinie von Kardinal Gasparri, dem Kardinalstaatssekretär von 1914 bis 1930 erinnert: „Unser Jahrhundert fordert vom heutigen Papsttum genau das, was man den Päpsten von gestern vorwirft. Es möchte, so hat es den Anschein, dass der gegenwärtige Papst sich mitten in die bewaffneten Völker stürzt – mit Blitzen in der Hand niemanden verschonend. Das mag ein schöner Gedanke sein, aber wir sind moderner und wissen, was uns dann erwartete. Es würde dazu führen, dass wir mit niemandem mehr in Frieden leben könnten, wenn die ganze Welt befriedet wäre. Denn, um der Sache auf den Grund zu gehen, müssten wir mit großem Lärm alle Völker verurteilen, alle sozialen Schichten, alle Kategorien von Sündern.“

Welche Unterschiede gab es für Katholiken in den verschiedenen Besatzungszonen, insbesondere in der sowjetischen Besatzungszone?

Am schwierigsten waren die Verhältnisse in der britischen Zone für die Bischöfe von Galen und Frings, und in den Beziehungen der Briten zum Vatikan. Überraschend vorsichtig agierten die sowjetischen Besatzungsbehörden, auch verglichen mit den Belastungen der Beziehung Staat-Kirche in der späteren DDR.

"Auf religiösem Gebiet erwarteten 1945 manche eine
,religiöse Blüte' in Deutschland, eine ,Stunde des Christentums'.
Die Stunde des Christentums währte dann aber nur einige Minuten"

Hat der Krieg die Menschen tatsächlich in die Arme der katholischen Kirche getrieben? Joseph Ratzinger sprach bereits in den 1950ern von „getauften Heiden“?

Auf religiösem Gebiet erwarteten 1945 manche eine „religiöse Blüte“ in Deutschland, eine „Stunde des Christentums“. Die Stunde des Christentums währte dann aber nur einige Minuten. Der Jesuitenpater Zeiger hatte im Auftrag des Papstes eine Informationsreise zu den deutschen und österreichischen Bischöfen unternommen und danach zunächst dieses optimistische Fazit gezogen.

Prof. Dr. Karl-Joseph Hummel
Prof. Dr. Karl-Joseph Hummel war von 1993 bis 2015 Direktor der Forschungsstelle der Kommission für Zeitgeschichte. Schw... Foto: privat

Papst Pius XII. lag dann aber auch eine Analyse des Journalisten Otto B. Roegele vor. Roegele machte darauf aufmerksam, dass die Kirche von 1932 und die Kirche von 1945 sich grundlegend unterschieden. Sie habe fast alles eingebüßt, was über die Ausübung des Kults und die Substanz der Familie und der klein gewordenen Gemeinde hinausging, sie habe fast alle ihre Organisationen verloren. Die Bischöfe seien aber schuldig geworden, weil sie als Instanz der geistigen Führung der Nation über weite Strecken versagt haben.  Auf der anderen Seite sei die Kirche „vom Blut ihrer Märtyrer verjüngt“. Unter Berücksichtigung dieser Beobachtungen porträtierte Zeiger auf dem Mainzer Katholikentag 1948 dann Deutschland als „Missionsland“.

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