Anschlag auf den Frieden

Fußball-Afrikameisterschaft 2010 nach Terroranschlag auf togolesische Mannschaft in Angola unter Schock – Rebellen haben sich zu dem Anschlag bekannt

Der Sport als versöhnende Rolle unter den Menschen verschiedener Kulturen: Darauf hatten die katholischen Bischöfe von Angola und des Inselstaats Sao Tomé e Príncipe, verbunden durch die portugiesische Sprache, gehofft. In einer gemeinsamen Erklärung setzten die Oberhirten darauf, dass „Freundschaften entstehen, die Grenzen der Rasse, der Kultur oder der Politik überwinden.“ Es blieben Worte der Hoffnung. Nach dem Anschlag auf Togos Nationalteam mit drei Toten steht die Fußballwelt nicht nur in Afrika unter Schock. Sogar das Image der WM in Südafrika hat durch den Terrorakt dicke Kratzer bekommen. Schon fürchten deutsche Nationalspieler um die Sicherheit bei der Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Juni und Juli am Kap. Aber so wenig es einen sachlichen Grund gibt, sich wegen des Angriffs auf die Spieler Togos im Norden Angolas Gedanken um die Fußball-WM in Südafrika zu machen, so sehr sind sich die Südafrikaner des psychologischen Effekts bewusst.

Eine der am schnellsten wachsenden Ökonomien

Die togolesische Nationalmannschaft zählt zu den besten Mannschaften Afrikas. Ihre Spieler hatten sich im Kongo auf das Turnier vorbereitet. Nach Angaben des togolesischen Verbandes war mit der Mannschaft vereinbart worden, dass sie fliegen und nicht per Bus nach Angola reisen sollten. Warum es anders kam, ist bislang nicht klar. War es Leichtsinn oder hatten die Verantwortlichen der Regierung in Luanda oder die Organisatoren des Afrikanischen Fußballverbandes die Gefahren heruntergespielt? Schwerbewaffnete hatten am Freitag auf den togolesischen Konvoi geschossen, nachdem dieser aus Kongo kommend die Grenze nach Cabinda passiert hatte. Es gab drei Todesopfer, weitere Teammitglieder wurden verletzt. In dieser erdölreichen angolanischen Exklave sollte das zum Afrika-Cup angereiste Team am Montag gegen Ghana antreten. Zu dem Überfall bekannte sich die sogenannte Befreiungsfront für Cabinda (FLEC). Togos Spieler wollten zunächst im Gedenken an die Opfer des Terroranschlags auf ihren Bus beim Afrika-Cup teilnehmen, doch nach einem Machtwort des Premierministers findet das Turnier ohne Spieler des westafrikanischen Landes statt. Die Fußballnationalmannschaft kehrte in der Nacht zum Montag aus Angola in ihre Heimat zurück. Trotz der späten Stunde warteten tausende Menschen auf dem Flughafen von Lomé. Ministerpräsident Gilbert Houngbo begrüßte die Spieler. Wie der Afrikanische Fußballverband (CAF) mitteilte, soll es im Gedenken an die drei getöteten Mitglieder der togolesischen Delegation vor jedem Spiel der ersten Gruppenrunde eine Schweigeminute geben.

Für Angola sollte die Ausrichtung der Afrikameisterschaft im Fußball ein weiterer Schritt zu einer Normalisierung sein. Seit der Unabhängigkeit 1975 war das Land 27 Jahre lang Schauplatz eines blutigen Bürgerkriegs. Am 4. April 2002 unterzeichneten die Bürgerkriegsgegner (UNITA-Rebellen und die angolanische Regierungsarmee MPLA) einen Friedensvertrag. Zwar hat sich die politische Lage in Angola nun stabilisiert, jedoch hat der Krieg verheerende Schäden hinterlassen. Etwa 1, 5 Millionen Menschen verloren während des Krieges ihr Leben. Zeitweise waren bis zu vier Millionen Menschen auf der Flucht. Die Rückkehr der Vertriebenen ist weitgehend abgeschlossen.

Doch unter den Binnenflüchtlingen befinden sich Zehntausende von Kriegsversehrten und an den Gliedmaßen verstümmelte Landminen-Opfer. Und eine ganze Generation blieb ohne Schulbildung. Ausbildungsmöglichkeiten und Arbeit sind kaum vorhanden. Der Wiederaufbau der Landwirtschaft wird durch Millionen von Landminen auf Feldern und Wegen behindert. Schätzungsweise sieben Milliarden Euro sind 2009 aus Ölexporten in eine der am schnellsten wachsenden Ökonomien der Welt geflossen.

Siebzig Prozent der Angolaner leben in Armut

Trotzdem leben 70 Prozent der 18 Millionen Angolaner von nicht mehr als 1,50 Euro am Tag. Die Kluft zwischen der von Diamanten- und Ölexporten profitierenden Oberschicht und den verarmten Massen ist in den vergangenen Jahren nicht kleiner geworden. Das Interesse der westlichen Staaten an Angola ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Dies liegt nicht nur an den reichen Ölvorkommen, sondern auch am Wiederaufbau, bei dem westliche Unternehmen mitverdienen wollen. Papst Benedikt XVI. hatte im März vergangenen Jahres im Rahmen seiner Afrika-Reise Angola besucht und zu mehr Gerechtigkeit und zivilgesellschaftlicher Teilhabe in dem früheren Bürgerkriegsland aufgerufen. Es gelte, Versöhnung und Wiederaufbau des Landes und seiner Institutionen weiter voranzutreiben und gemeinsam eine freiere, friedlichere und solidarischere Gesellschaft aufzubauen.

In der ölreichen Nordprovinz Cabinda kommt es seit der Unabhängigkeit Angolas 1975 immer wieder zu bewaffneten Konflikten. Cabinda liegt zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Kongo-Brazzaville, hat also keine direkte Grenze zu Angola. Lokale Rebellen sehen das erdölreiche Gebiet als eigenständigen Staat und unrechtmäßig von Angola besetzt. Die Bevölkerungszahl in dem kleinen Gebiet beträgt nach Schätzungen 250 000. Natürliche Rohstoffe gibt es zuhauf. Die angolanische Regierung ist vor allem auf die Erdöleinnahmen angewiesen. Oppositionelle Gruppen in Cabinda kritisieren, dass diese Mittel nicht der lokalen Bevölkerung zugute kommen.

Cabinda war einer der Hauptaustragungsorte für den angolanischen Unabhängigkeitskrieg von 1961 bis 1974. Doch die Unabhängigkeit brachte dem Land keinen Frieden, sondern einen bis 2002 währenden Bürgerkrieg. Und die etwa 300 000 Einwohner der 7 300 Quadratkilometer großen Enklave fanden bis heute keine Ruhe. Die angolanische Regierung hatte in Cabinda 40 000 Soldaten stationiert, um separatistische Guerillas von der Machtübernahme abzuhalten. Doch fortwährende Kämpfe zwischen Rebellen und Regierungssoldaten ließen die Region nicht zur Ruhe kommen, bis beide Parteien im Sommer 2006 ein formelles Friedensabkommen vereinbarten. Die Bevölkerung Cabindas solle stärker von den Öleinnahmen profitieren als bisher, lautete das Eingeständnis der angolanischen Regierung, um für vermeintliche Ruhe im Land zu sorgen – die trügerisch blieb. Es bildete sich eine Gruppe von Separatisten (FLEC – Front für die Befreiung der Exklave Cabinda), und die Bevölkerung in Cabinda sieht sich bis heute alltäglicher Brutalität von Militärs und FLEC-Uniformierten ausgesetzt. Die Rebellen kämpfen nach wie vor für Unabhängigkeit und kündigten schon vor Monaten an, den Afrika-Cup der Fußballer als Bühne für weitere Aktionen gegen Angolas Regierung nutzen zu wollen. Dies ist nun passiert.

Es gab Warnungen, das Turnier in Angola auszutragen

Etliche Experten hatten schon gewarnt, als das Turnier vor vier Jahren nach Angola vergeben wurde: Die Lage sei nach dem erst 2002 beendeten Bürgerkrieg noch nicht wieder stabil genug, die Strukturen im Land genügten nicht, um schon eine solch große Sportveranstaltung auszurichten. Der Afrikanische Fußballverband reagierte nicht und verhielt sich auch ruhig, als der Ausrichter die Exklave Cabinda als Spielort festlegte. Nach dem Überfall auf die togolesische Mannschaft will die angolanische Regierung nun die Sicherheitsvorkehrungen drastisch verschärfen. „Wir garantieren, alle Maßnahmen zu ergreifen, um Schutz und Unversehrtheit aller Mannschaften, Fans, Betreuer und Touristen zu gewährleisten“, sagte der Minister für Jugend und Sport, Gonçalvez Muandumba. Togo trägt Trauer, aber der Ball rollt.

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