Anglikaner werden in Massen katholisch

Benedikt XVI. öffnet anglikanischen Klerikern und Laien den Weg zur Kirche Roms – Kircheneinheit wichtiger als Zölibat

Rom (gho) Die italienischen Medien sprechen von einer historischen Entscheidung des Papstes: Benedikt XVI. hat für anglikanische Kleriker und Laien, die katholisch werden wollen, den Weg geöffnet, um sich der Kirche Roms anzuschließen. In einer Aufsehen erregenden Pressekonferenz hat am Dienstag nicht der Präsident des vatikanischen Rats für die Einheit der Christen, der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper, sondern der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal William Levada, gemeinsam mit dem Sekretär der vatikanischen Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Erzbischof Augustine di Noia, eine Apostolische Konstitution angekündigt, mit der Rom sogenannte Personalordinariate errichten will, die Anglikanern, die zum katholischen Glauben übertreten wollen, eine kirchliche Heimat bieten sollen (siehe Seite 5).

Nachdem es schon Papst Johannes Paul II. einzelnen anglikanischen Gemeinschaften und Priestern ermöglicht hatte, der römischen Kirche beizutreten, schafft der Vatikan damit nun eine grundsätzliche kirchenrechtliche Struktur für übertrittswillige Anglikaner in der ganzen Welt. Wie der „Osservatore Romano“ meldete, soll die Apostolische Konstitution in zwei Wochen erscheinen.

Zeitgleich mit den Erklärungen des Vatikans gaben vorgestern der katholische Erzbischof von Westminster, Vincent Gerard Nichols, sowie der anglikanische Erzbischof von Canterbury und Ehrenprimas der anglikanischen Weltgemeinschaft, Rowan Williams, eine gemeinsame Stellungnahme ab, derzufolge der ökumenische Dialog zwischen der katholischen Kirche und den Anglikanern weitergehe. Dennoch werten Beobachter die von Benedikt XVI. angeordnete Öffnung hin zu den traditionsverbundenen Kreisen der anglikanischen Gemeinschaft als Einschnitt. Denn erstmals bietet Rom nun einer großen Zahl von verheirateten Priestern und Bischöfen der Anglikaner an, das katholische Sakrament der Priesterweihe zu empfangen. Verheiratete Bischöfe können nicht die Bischofsweihe empfangen, aber ebenfalls zu Priestern geweiht werden und – wie auch die verheirateten Priester – Leiter der einzurichtenden Personalordinariate werden.

Zahlreiche Anfragen von Anglikanern, die um Aufnahme in die katholische Kirche gebeten hätten, lägen dem Vatikan bereits vor, erklärte Kardinal Levada. Die größte Gruppierung dürfte dabei die vor allem in Afrika verbreitete „Traditional Anglican Community“ sein, der sich etwa fünfhunderttausend Gläubige verbunden fühlen. Die Frauenordination und die Öffnung des Bischofsamts für praktizierende Homosexuelle hatten zu Spaltungen in der anglikanischen Gemeinschaft geführt.

Rom gibt damit nicht den Zölibat auf. Zukünftige Kleriker der entsprechenden Personalordinariate, die in Zukunft gemeinsam mit den schon immer katholischen Seminaristen ausgebildet werden, müssen sich für die Ehelosigkeit entscheiden. Aber mit der jetzigen Entscheidung des Papstes wird es in absehbarer Zeit einen ganzen Schwung von katholischen Priestern geben, die einmal Anglikaner waren und verheiratet sind und bleiben. Die Zölibatsverpflichtung für Kleriker erweist sich damit als nicht ehernes Gesetz, das die katholische Kirche zumindest im Vergleich zum Gut der Kircheneinheit eher als zweitrangig erachtet. Dieser Schritt Papst Benedikts dürfte gerade in der römischen Kirche seine Auswirkungen auf die intern geführten Debatten über den Zölibat haben.

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