Berlin

Angeheiztes Diskussionsklima bei Fridays for Future

Durch die Pandemie ist es ruhiger um die Klimadebatte geworden. Der „Friday's for Future“-Aussteiger Clemens Traub darüber, ob die Klimaschutzbewegeung eine Ersatzreligion für die Jugend darstellt und wie die Kirche die Debatte positiv prägen kann.
Greta und Papst Franziskus
Foto: Imago Images | Der Papst trifft nach seiner wöchentlichen Audienz auf die schwedische Umwelt-Aktivistin Greta Thunberg. Die „Fridays for Future“-Bewegung twitterte kürzlich, sie habe den Papst in ihrer Glaubensgemeinschaft.

Herr Traub, in Ihrem Buch „Future for Fridays?“ schreiben Sie, dass die „Fridays for Future“ (FfF)-Aktivisten sich als Weltretter sehen, apokalyptische Reden schwingen und den definitiven Wahrheitsanspruch für sich beanspruchen. Sehen Sie in der FfF-Bewegung eine Ersatzreligion?

Ja tatsächlich. Ich habe häufig den Eindruck, dass bei vielen Leuten in unserer heutigen Zeit, in der es bei vielen Menschen nicht mehr diese ganz klaren religiösen Wertvorstellungen gibt, ein ganz starker Glaube an das total Gute und das total Böse in der Klimadebatte entsteht. Deswegen gibt es auch so viele moralische Schuldvorwürfe, und Menschen bekommen den Eindruck, dass auf sie mit dem erhobenen Zeigefinger, als vermeintliche Klimasünder, heruntergeschaut wird. Außerdem habe ich das Gefühl, dass bei den naiven Verklärungen vieler Klimaschützer eine Paradies-ähnliche Zukunftsvorstellung mitschwingt, die in meinen Augen religiöse Züge hat. Und für mich fehlen in der Debatte einfach die Grautöne. Ich würde mir wünschen, dass man von einer ideologischen Debatte zu einer Sachdebatte kommt, die versucht, Lösungen zu finden, die sich die Frage stellt, was es denn für Möglichkeiten gibt und welche Kompromisse man auf dem Weg auch eingehen muss.

Sie bedienen sich in Ihrem Buch häufig religiöser Begriffe, zum Beispiel schreiben Sie in Bezug auf ein Essay von Jonathan Franzen im „New Yorker“, dass seine Beschreibungen „wie ein Auszug aus dem Alten Testament“ klingen oder auch die Worte „Klimasünden“ oder „Sündenbock“ kommen häufiger vor. Denken Sie, dass Ihr Interesse für das Thema Umweltschutz aus der christlichen Prägung, die Schöpfung Gottes zu bewahren, heraus entstanden sein könnte?

"Unsere Welt ist etwas absolut Bewahrenswertes,
das uns anvertraut wurde. Das zu verteidigen
ist natürlich eine ganz große Motivation, auf die Straße zu gehen"

Ja definitiv spielt das bei mir auch eine Rolle. Unsere Welt ist etwas absolut Bewahrenswertes, das uns anvertraut wurde. Das zu verteidigen ist natürlich eine ganz große Motivation, auf die Straße zu gehen. Und gerade für viele Menschen, die einen religiösen Hintergrund haben und die Großartigkeit in unserem Leben sehen, ist das eine Antriebsfeder. Aber ich glaube, dass es auch ein ganz natürliches Interesse ist, dass wir die Lebensgrundlage, die wir jetzt haben, weiter sicherstellen wollen. Denn nur durch diese gewissermaßen egoistische Denkweise kann die Bewegung so eine Kraft und Dynamik entwickeln. Wir merken, dass sich unsere Lebensgrundlage in den nächsten Jahrzehnten durch den Klimawandel verändern wird. Wir erleben auch jetzt schon, was es beispielsweise für extreme Wetter-Situationen gibt. Und das ist natürlich das riesige Thema für die jetzige Jugend, weil sie auch am meisten davon betroffen ist.

Interessant, dass Sie sagen, dass es auch um einen gewissen Egoismus geht, weil man schon das Gefühl bekommt, dass viele „Friday's for Future“-Aktivisten oder Umweltschützer allgemein fast schon ein menschenfeindliches Weltbild haben, weil man sich mehr für den Artenschutz gewisser Tiere einsetzt, als für das menschliche Leben.

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Ja, da haben Sie absolut Recht. Also es gibt bestimmte Punkte, in denen die Bewegung total unsozial wirkt – so, dass ihnen die Menschen in ihrer Gesellschaft – aufgrund ihres fanatischen Selbstbilds – relativ egal sind. Und das habe ich zum Beispiel beim letzten internationalen Klimastreik erlebt, als es den Aufruf gab, ein großes Automobilwerk in Niedersachsen von VW stillzulegen. Ich finde das sehr unsolidarisch, weil es Menschen gibt, die durch Corona und die jetzige Wirtschaftssituation ohnehin schon ganz große Existenzsorgen haben. Und ich hatte das Gefühl, dass meine „Friday's for Future“-Bekannten überhaupt nicht über den eigenen Tellerrand hinausgeschaut haben und deswegen auch keine Solidarität mit Menschen entwickeln konnten, die von einschneidenden Maßnahmen gegen den Klimawandel als Erste betroffen wären. Ich halte das aber für ganz gefährlich, weil ich glaube, dass eine Klimabewegung nur dann erfolgreich sein kann, wenn's eine Klimabewegung für den Menschen ist. Eine Klimabewegung, die solidarisch und einfühlsam ist. Ich glaube, gerade die Kirche kann ganz stark darin sein, für einen menschenfreundlichen Klimaschutz einzustehen, weil sie genau um die Würde jedes einzelnen Menschen weiß.

An einer Stelle in Ihrem Buch schlagen Sie vor, dass „Fridays for Future“-Aktivisten einmal aus ihren gewohnten Umfeldern herausgehen und Rathäuser und Kirchengemeinden besuchen. Warum ausgerechnet Kirchengemeinden? Ist das Ziel einfach, ein möglichst großes Publikum zu erreichen oder geht es fast schon darum, von der falschen zur richtigen „Religion“ zu bekehren?

Clemens Traub
Foto: Aycan Kilic | Clemens Traub ist Politikstudent in Mainz und ehemaliger Fridays for Future-Aktivist.

Mir ging es vor allem darum, aus den Komfort-Zonen herauszukommen. Ich beschreibe in dem Buch, dass ich die Erfahrung gemacht habe, dass „Fridays for Future“ eine sehr großstädtische und elitäre Bewegung ist und dass sie vor allem dort sind, wo sie wissen, dass sie sicher Zustimmung bekommen. Ich selbst komme aus einem Dorf in der Pfalz und da erlebe ich, dass „Fridays for Future“ gar nicht das große Thema ist, wie zum Beispiel an meiner Universität. Ich hatte das Gefühl, dass in diesem Thema zwei unterschiedliche Welten aufeinanderprallen, die kaum mehr etwas miteinander zu tun haben. Und deswegen glaube ich, dass es ganz wichtig ist, dass „Fridays for Future“ dorthin geht, wo sie noch Leute überzeugen müssen. Und da fände ich es großartig, wenn sie beispielsweise in Gemeinderäte gehen würden oder eben vielleicht auch in Kirchengemeinden, um mit der Zivilgesellschaft ins Gespräch zu kommen. Weil die Menschen, die vom Land kommen, nochmal ganz anders von den Klimamaßnahmen betroffen sind.

Denken Sie, dass die unglaubliche Angst vor dem Untergang der Welt, die Sie in ihrem Buch beschreiben, damit zusammenhängt, dass der Großteil der Bevölkerung heutzutage keinen konkreten Glauben mehr hat und Angst vor der Ungewissheit hat, was nach dem Tod kommt? Könnte sozusagen ein „Glaubensdefizit“ Mitauslöser der Panik-getriebenen, unsachlichen Debatte sein?

"Ich glaube tatsächlich, dass es eine ganz große
Orientierungslosigkeit in meiner Generation gibt"

Ja, ich glaube tatsächlich, dass es eine ganz große Orientierungslosigkeit in meiner Generation gibt. Wir befinden uns in einem Wertewandel. Viele Menschen suchen ihren Platz in ihrem Leben und in unserer Gesellschaft. Diese persönliche Unsicherheit erzeugt ein starkes Bedürfnis nach moralischer Rigorosität. Genau deshalb treten die jungen Klimaschützer auch so ideologisch auf. Auf der einzig richtigen Seite zu stehen und Feindbilder zu haben, kann eben leider auch ein befreiendes Gefühl sein. Dabei müsste die Klimabewegung endlich toleranter und neugieriger im Umgang mit anderen Menschen und Meinungen werden und vor allem, weniger apokalyptisch auftreten. Denn diese Apokalypse lähmt unsere Diskussion ganz stark. Bei „Friday's for Future“ hatte ich immer das Gefühl, dass der Weltuntergang mit ganz großen und finsteren Bildern an die Wand gemalt wurde. Aber ich glaube, wenn Menschen begreifen, dass Klimaschutz auch etwas sein kann, was Arbeitsplätze schafft, was auch ihre Lebenssituation verbessert, dann können sich auch viel mehr Menschen damit identifizieren und dafür begeistern. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, Klimaschutz als etwas darzustellen, das wir zusammen stemmen können.

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