„Am Suizid ist leider gar nichts Freies“

Der Suizidpräventionsforscher Armin Schmidtke fordert mehr Aufklärung und eine bessere hospizliche Versorgung. Von Stefan Rehder
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Herr Professor Schmidtke, der kommende Montag steht weltweit im Zeichen der Suizidprävention. Laut der Weltgesundheitsorganisation nimmt sich alle 40 Sekunden auf dieser Welt ein Mensch das Leben. In den letzten 45 Jahren sei die Suizidrate weltweit um 60 Prozent gestiegen. Auch in Deutschland sollen die Selbsttötungen wieder ansteigen. Wie erklären Sie als Psychologe und Psychotherapeut, der sein Leben der Suizidprävention gewidmet hat, sich diesen Anstieg?

Es sind verschiedene Faktoren zu berücksichtigen. In Deutschland ist es so, dass erstmals 2010 die Suizidzahlen wieder über 10 000 angestiegen sind, in den Jahren davor sind sie abgefallen, im Vergleich zu Mitte und Ende der 70er Jahre. Wir wissen noch nicht genau, warum das im Jahre 2010 so war und hoffen nicht, dass sich das 2011 so fortgesetzt hat. Nach den letzten europäischen Untersuchungen hat das auch etwas mit den ökonomischen Bedingungen zu tun: Eine Erhöhung der Arbeitslosigkeit führt auch zu einer Erhöhung der Suizidraten. Und es hängt auch mit der demografischen Veränderung zusammen, weil Suizid in Europa, und insbesondere in Deutschland, auch ein Problem der älteren Menschen ist.

Wieso sind ältere Menschen besonders gefährdet?

Die Suizidgefährdung in Deutschland folgt dem sogenannten ungarischen Muster. Das heißt, je älter man wird, umso höher ist die Suizidgefährdung. Jeder zweite Suizid einer Frau in Deutschland ist zurzeit der einer Frau, die älter als sechzig Jahre alt ist. Das hängt mit der Einsamkeit alter Menschen, mit Altersdepression und ganz generell mit der Vereinzelung und dem Umgang der Gesellschaft mit den alten Leuten zusammen.

In vielen Medien wird der Suizid auch als „Freitod“ bezeichnet. Auch Formulierungen wie „freiwillig aus dem Leben geschieden“ liest man inzwischen vermehrt. Treffen solche Formulierungen aus Sicht des Psychologen den Kern des Problems?

Nein, leider nicht. Das sind Vorurteile. Am Suizid ist leider gar nichts freies, das ist auch kein Mordverhalten – heimtückisch, hinterlistig. In der überwiegenden Zahl sind es unglückliche Menschen, die keine andere Lösung sehen als den Tod. Und man weiß aus Studien, dass bis zu 90 Prozent der Suizidenten im Grunde an Depressionen, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit leiden.

Heißt das, man könnte die allermeisten Suizide vermeiden, wenn man die dem „Sterbewunsch“ jeweils zugrunde liegende Erkrankung rechtzeitig erkennen und behandeln würde?

Ja. Würde man Depressionen besser erkennen können oder sich darum mehr bemühen und auch schneller behandeln, könnte man sehr viel an Suizidprävention tun. Im Moment gibt es ja auch große Programme der Europäischen Union, die Depressionserkennung und Depressionstherapie fördern, um eben die Suizidzahlen in Europa zu senken.

Nun hat die Bundesregierung einen Gesetzentwurf verabschiedet, der die gewerbsmäßige Vermittlung von Gelegenheiten zur Selbsttötung unter Strafe stellen will. Ein richtiger Schritt?

Ja. Wir sehen es schon als richtig an, dass man die gewerbsmäßige Selbsttötung unter Strafe stellt, wir sind allerdings auch nicht dafür, dass gemeinnützige Vereine quasi Sterbehilfe leisten dürfen. Wir denken, durch diese Hintertür ist auch dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet.

Was könnte in Deutschland sofort unternommen werden, um die Suizidrate zu senken?

Also zunächst müsste das öffentliche Bewusstsein gestärkt werden, dass suizidales Verhalten im Grunde nichts Freiheitliches an sich hat. Das müsste geändert werden. Und worauf wir immer wieder hinweisen: die Palliativ- und Hospizversorgung alter und kranker Menschen müsste in Deutschland deutlich verbessert werden.

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