Am Dialog führt kein Weg vorbei“

Der Bischof der Arabischen Halbinsel, kritisiert Minarettverbot

Herr Bischof Hinder, Sie sind für die Seelsorge der Katholiken in sechs muslimisch geprägten Ländern verantwortlich. Wie sieht Ihre Arbeit dort konkret aus?

Als Apostolischer Vikar von Arabien bin ich zuständig für alle Katholiken in Bahrain, Jemen, Katar, Oman, Saudi Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Es handelt sich ausschließlich um Ausländer aus der ganzen Welt, vor allem aus Indien, den Philippinen und arabischen Ländern der Levante. Ihre Zahl beträgt wenigstens zwei Millionen. Ich habe die Seelsorge der Gläubigen so gut wie möglich zu garantieren. In 20 Pfarreien arbeiten rund 60 Priester. Es ist meine Aufgabe, den Glauben der Migranten inmitten einer islamischen Gesellschaft zu stärken, die Einheit der Gläubigen aus verschiedenen Riten, Kulturen und Nationalitäten zu fördern und die nötigen Infrastrukturen aufzubauen beziehungsweise zu erhalten. Dazu gehört neben der Pflege der Beziehungen mit den Regierungen auch der interreligiöse Dialog.

Welchen Schwierigkeiten begegnen Sie? Müssen Christen dort Angst haben?

Wir sind eine Minderheit und leben hier mit einer zeitlich befristeten Aufenthaltsbewilligung. Die momentanen Unwägbarkeiten der wirtschaftlichen Entwicklung verstärken die Unsicherheit. Die Akzeptanz der Christen ist je nach Land unterschiedlich. In einzelnen Ländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten ist die Praxis des Glaubens relativ unproblematisch. In anderen Ländern wie Saudi Arabien ist die öffentliche Ausübung anderer Religionen, also auch der christlichen, bis jetzt nicht gestattet beziehungsweise auf den privaten Raum eingeschränkt. Im Allgemeinen brauchen die Christen hier nicht um ihr Leben zu fürchten, auch wenn – wie vor Jahren in Jemen – Anschläge nie auszuschließen sind.

Ihr Heimatland, die Schweiz, hat in den vergangenen Wochen mit dem Volksentscheid zum Minarettverbot weltweit Schlagzeilen gemacht. Wie sehen Sie die Sache?

Ich habe mich von allem Anfang an grundsätzlich gegen die Initiative gestellt, auch wenn ich viele Ängste, die zur Annahme des Minarett-Verbots geführt haben, nachvollziehen kann. Der Umgang mit dem Islam – beileibe nicht nur eine Frage für die Schweiz! – hat viele Aspekte: Wie geht eine säkulare Gesellschaft mit einer Religion um, die bisher eher diskret vorhanden war, aber aufgrund ihres Selbstverständnisses nach mehr öffentlicher Selbstdarstellung drängt? Wie erträgt eine Gesellschaft, die zwar noch ein rudimentäres christliches Gedächtnis hat, aber sich über weiteste Strecken von Kirche und Christentum emanzipiert hat, eine Religion, die diesen Prozess noch nicht durchgemacht hat oder ihn nicht durchmachen will? Genügt es, eine solche Religion als „fundamentalistisch“ zu apostrophieren und sich damit vor einer tieferen Auseinandersetzung mit ihr zu drücken? Wird es umgekehrt den Muslimen gelingen, sich eindeutig von jenen Islamisten zu distanzieren, die das Töten anderer zum Inhalt ihres fehlgeleiteten Glaubens gemacht haben? Trauen sie sich selbst Grundrechts- und Demokratiefähigkeit zu und können sie es ihren eigenen Leuten und uns glaubhaft vermitteln? Solchen und ähnlichen Grundsatzfragen müssen sich in Zukunft alle – Christen, Muslime und Atheisten – noch vermehrt stellen.

Hat die Entscheidung Ihre Arbeit erschwert?

Die Auswirkungen der Abstimmung in der Schweiz auf Arabien sind im Moment schwer abschätzbar. Es ist nicht anzunehmen, dass schon immer vorhandene Schwierigkeiten nun plötzlich ausdrücklich mit dem Plebiszit in der Schweiz in Verbindung gebracht werden. Wir sollten aber daran denken, dass die arabische Kultur die echten oder vermeintlichen Fehler anderer weder vergisst noch verzeiht. Das kann Sprengstoff für morgen sein.

Welche Perspektiven sehen Sie für den Dialog zwischen Christen und Muslimen insgesamt?

Am Dialog zwischen Christen und Muslimen führt kein Weg vorbei, auch wenn das unterschiedliche kollektive Gedächtnis der Christen und der Muslime das gegenseitige Verstehen oft schon im Ansatz erschwert. Der Abbau von Misstrauen durch das Kennenlernen der je anderen und dessen, was sie glauben, ist unabdingbare Voraussetzung für einen Dialog, der noch über viele Stolpersteine führen wird. Der Dialog kann gelingen, wenn wir erkennen, dass wir es bei den anderen mit echter Religion zu tun haben, das heißt mit Menschen, die nicht sich selbst und ihre Eigeninteressen an die erste Stelle setzen, sondern radikal auf Gott bezogen sind – auch wenn sie diesen Gott unterschiedlich verstehen.

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