Aleppo: Brandbomben erleuchten die Stadt nachts, als ob es Tag wäre

Russland und die USA beschuldigen sich gegenseitig – UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon spricht von „Kriegsverbrechen“
Lage in Aleppo
Foto: dpa | Von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten: Aleppo oder das, was die Bombenangriffe davon übrig gelassen haben.

Berlin/New York/Aleppo/Moskau (DT/dpa) Nach den bislang schwersten Bombardierungen im Norden Syriens haben Kampfjets am Montag erneut Dutzende Angriffe auf Rebellengebiete der umkämpften Stadt Aleppo geflogen. Mindestens zwei Zivilisten seien getötet worden, meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Es gebe zahlreiche Verletzte.

Die Bundesregierung forderte Russland als Verbündeten des syrischen Regimes eindringlich auf, sich für ein Ende des mehr als fünfjährigen Bürgerkrieges einzusetzen.

Einwohner aus Aleppos Rebellengebieten berichteten über eine größere Zahl von Opfern. „Die Angriffe haben am Montag jedes einzelne Viertel im Osten Aleppos getroffen“, sagte der Aktivist Bahaa al-Halabi der Deutschen Presse-Agentur. „Die Situation ist katastrophal.“ Kampfjets hatten in den vergangenen Tagen die bislang schwersten Angriffe auf Aleppos Rebellengebiete geflogen. In der Stadt und ihrem Umland wurden mehr als 230 Zivilisten getötet. Aleppo gehört zu den umkämpftesten Gebieten des Bürgerkriegs. Anhänger der Regierung beherrschen den Westen der Stadt, Rebellen den Osten.

Trotz andauernder Gewalt hält Russland die Friedensbemühungen für Syrien vorerst nicht für gescheitert. Die USA erweckten jedoch den Eindruck, dass sie ihren Verpflichtungen nicht gerecht werden, kritisierte Außenminister Sergej Lawrow am Montag in Moskau. „Ich kann ihnen nicht zu 100 Prozent trauen“, sagte er dem Sender NTW.

Westliche Regierungen und Russland hatten sich gegenseitig für die Eskalation der Gewalt verantwortlich gemacht. Bei einer Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats am Sonntag warf Frankreichs UN-Botschafter Francois Delattre der Regierung in Moskau vor, mit ihrer Unterstützung des Regimes von Präsident Baschar al-Assad die Bemühungen um eine Waffenruhe zu unterlaufen. Sein russischer Kollege Witali Tschurkin wies das zurück. „Frieden nach Syrien zu bringen, ist inzwischen fast unmöglich“, so Tschurkin. Er beschuldigte Washington, „nicht ausreichend Einfluss auf die mit ihnen verbündeten Gruppen auszuüben“ und damit seine Verpflichtungen für die Waffenruhe nicht zu erfüllen. Der britische UN-Botschafter Matthew Rycroft sagte: „Nach fünf Jahren Konflikt könnte man denken, dass das Regime von der Barbarei gesättigt ist, dass seine krankhafte Blutgier gegen das eigene Volk schließlich gestillt sei. Aber an diesem Wochenende sind das Regime und Russland in neue Tiefen gestürzt und haben eine neue Hölle über Aleppo entfesselt.“ UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon sprach von „Kriegsverbrechen“, die in Aleppo verübt würden.

„Was Russland fördert und unterstützt, ist nicht Terrorbekämpfung, es ist Barbarei“, sagte die US-Botschafterin bei den UN, Samantha Power. Statt nach Frieden zu streben, führten „Russland und Assad“ Krieg.

Der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, sagte, Deutschland erwarte von Russland mit Blick auf eine Einstellung der Kampfhandlungen endlich Bewegung. „Worte allein helfen den Menschen in Aleppo nicht“, erklärte er in Berlin. Moskau sei angesichts seiner substanziellen militärischen Unterstützung für Damaskus in der Verantwortung. Das „barbarische Vorgehen“ des Regimes stelle eine eklatante Verletzung des Völkerrechts dar, sagte Seibert.

Der UN-Sonderbeauftragte für den Syrienkonflikt, Staffan de Mistura, schilderte in bewegenden Worten die Lage in dem von ständigen Luftangriffen heimgesuchten Ostteil. „Wir haben Berichte, Videos und Bilder von gemeldeten Brandbombeneinsätzen gesehen, die so gewaltige Feuerbälle erzeugen, dass sie die pechschwarze Dunkelheit in Ost-Aleppo erleuchten, als ob es Tag wäre“, hieß es in dem Bericht von de Mistura an den UN-Sicherheitsrat in New York.

Die genaue Anzahl der Luftangriffe könne man nicht ermitteln, schreibt er weiter. „Wir hörten die Worte „nie da gewesen“, sowohl bei der Anzahl als auch dem Umfang und Typ der Bombenangriffe“, so der Vermittler. Von bunkerbrechenden Bomben sei die Rede, es gebe Bilder von Erdkratern, die viel größer als bei früheren Bombenangriffen seien. „Zivilisten überall in der Stadt müssen sich fragen, wo auf Erden sie in dieser gequälten Stadt noch sicher sein können.“

Aleppo ist die letzte verbliebene Großstadt in Syrien, in der Rebellen noch größere Gebiete kontrollieren. Mindestens 250 000 Menschen harren im belagerten Ostteil der Stadt trotz widrigster Lebensumstände aus. In ganz Aleppo sollen zwei Millionen Menschen von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten sein.

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