Wien

Abtreibungsgesetze: Polen als Vorreiter

Der Kampf um den Lebensschutz findet auch auf den Straßen Wiens statt.

Solidaritätsdemo für Polen in Wien
Jan Ledóchowski (links) mit Kindern und Mitstreitern für das Leben. Er kann nur den Kopf schütteln über eine Parole, die von der anderen Straßenseite herüberhallt: "Eure Kinder werden so wie wir!" Foto: Stephan Baier

Was wäre eine Demonstration für den Schutz des ungeborenen Lebens ohne die szenebekannten, dunkel gekleideten Aktivisten, die mit Sprechchören und Transparenten zu stören versuchen? Auch an diesem verregneten Sonntagnachmittag in Wien sollte es nicht anders sein. Da hatten sich vor der Polnischen Botschaft in der österreichischen Hauptstadt etwa 50 Personen versammelt, um ein Zeichen für das Leben zu setzen. Nachdem die polnische Botschafterin in Österreich sich zuletzt viele, auch vulgäre Beschimpfungen von der Straße her zurufen lassen musste, wollte die „Plattform Christdemokratie“ einen Gegenakzent setzen – und dafür danken, dass das polnische Verfassungsgericht die Möglichkeit zur Abtreibung eines Kindes wegen einer Fehlbildung oder Krankheit als verfassungswidrig aufhob.

Die Polizei deeskaliert professionell

An der Haltestelle vor dem Eingang zur Botschaft formierte sich das andere Lager. Ein Polizist, der beobachtet hatte, dass das Grüppchen keine Anstalten machte, in eine Straßenbahn zu steigen, stellte sie zur Rede und wies sie – da diese Demonstration nicht angemeldet war – zunächst erfolgreich weg. Doch kaum dass die angemeldete und um die Einhaltung der Corona-Vorschriften bemühte Demo der „Plattform Christdemokratie“ in Schwung gekommen war, stürmten die Abtreibungsbefürworter schreiend aus einer Seitengasse. Von der professionell deeskalierenden Wiener Polizei wurden sie geschickt und entschlossen auf die gegenüberliegende Straßenseite gedrängt.

„Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat!“ und „Abtreibung ist Menschenrecht!“ brüllten die auf der anderen Straßenseite, während der stellvertretende Vorsitzende der Plattform, der junge koptische Christ Menas Saweha, erklärte, warum es wichtig sei, „ein Zeichen zu setzen“ für den Schutz des ungeborenen Lebens und gegen die Diskriminierung behinderter Kinder.

Mit der „Jugend für das Leben“ und „Pro Life Europe“ sei man gekommen, „um uns mit Polen zu solidarisieren, mit der Entscheidung des polnischen Verfassungsgerichts, weil die Diskriminierung von Kindern mit Behinderung verfassungsrechtlich nicht in Ordnung ist. Jeder Mensch ist wertvoll, kein Leben ist weniger wertvoll, jeder Mensch wird von Gott gleich geliebt“, so Saweha, der auf die UN-Behindertenrechtskonvention verwies. Polen sei „wieder einmal ein Vorreiter, der zeigt, dass jedes Leben zählt“. „Die Stimmen, die für den Mord am unschuldigen Leben plädieren, sind laut“, ging der Redner auf die Gegendemonstranten ein. Das zeige, „wie wertvoll das Leben ist“. Sagt's, und gibt am Tor zur Botschaft Blumen für die Botschafterin ab.

Über nationale und konfessionelle Grenzen hinweg

Dann kam eine leise, nachdenkliche Stimme zu Wort: Eine junge Frau erzählte, wie sich ihre Eltern zehn Jahre lang vergebens nach einem eigenen Kind sehnten, wie die Mutter mit 42 Jahren schwanger wurde und die Ärzte ihr rieten, das Kind abzutreiben, weil eine Behinderung sehr wahrscheinlich sei. „Meine Mutter sagte: ,Auch wenn es behindert sein wird, möchte ich es zur Welt bringen.‘“ Sie selbst sei dieses Kind, zu dessen Abtreibung die Ärzte rieten – und völlig gesund zur Welt gekommen.

Die Schreier der Gegenseite konnten das Zeugnis einer Betroffenen wohl nicht hören. Zu laut tönten ihre Parolen, zu sehr waren sie damit beschäftigt, Polizisten den Mittelfinger zu zeigen. „Decriminalise abortion now!“ (Entkriminalisiert die Abtreibung jetzt), „My body – my choice“ (Mein Körper, meine Entscheidung) und „Die Hölle denen, die daran glauben“ stand auf ihren Transparenten. Gegenüber hieß es auf den Schildern: „Jedes Leben zählt“ und „Liebe zählt keine Chromosomen!“

Im Gespräch mit der „Tagespost“ erklärt Menas Saweha, warum er als in Wien lebender Kopte für Solidarität mit Polen wirbt: „Das Thema Lebensschutz geht über alle nationalen und konfessionellen Grenzen hinweg. Wenn wir uns wirklich an die Menschenrechte halten würden, müsste in Österreich derselbe Lebensschutz gelten wie in Polen.“ Das Urteil des Verfassungsgerichts in Warschau sei hart erkämpft, aber logisch: „Es kann nie gerechtfertigt sein, ein Leben abzutreiben.“ Er bedauert, dass die Demonstranten auf der anderen Straßenseite nicht verstehen wollen, „dass wir positiv für die Frauen, für ihre Kinder und für das Lebensrecht eingestellt sind“.

Die Gegenseite ist nicht dialogbereit

Tiefe polnische Wurzeln hat der Gründer der „Plattform Christdemokratie“ und nunmehrige Sprecher für Christdemokratie der Wiener ÖVP, Jan Ledóchowski. Er hat drei seiner vier Kinder zur Demo mitgebracht und kann nur den Kopf schütteln über eine Parole, die von der anderen Straßenseite herüberhallt: „Eure Kinder werden so wie wir!“ Ledóchowski lacht: Seine Kinder hätten diesen Spruch bereits im Oktober beim „Marsch fürs Leben“ gehört und gesagt: „Ganz sicher nicht!“ Ihn stimme traurig, dass die Abtreibungsbefürworter „so gar nicht den Dialog suchen: Da geht es nicht um Argumente, sondern um Niederbrüllen. Zum Glück hat man das Polnische nicht verstanden, das war höchst ordinär.“ Das disqualifiziere sich selbst.

„Ich bin froh, dass die Polizei da war“, lobt Ledóchowski den ruhigen, souveränen Einsatz der Uniformierten, die von den fanatischen Abtreibungsbefürwortern und ihrem Agieren ebenso wenig überrascht waren wie die Veranstalter. Ledóchowski bedauert im Gespräch mit der „Tagespost“, dass über Polen in den deutschsprachigen Medien recht undifferenziert berichtet werde: Beim jüngsten Urteil sei es „nicht um die Abtreibung an sich, sondern um die Angleichung des Schutzes von behinderten und nicht behinderten Kindern“ gegangen.

„Egal wie man zur polnischen Regierung steht, aber hier werden Werte und Rechte mit Politik vermengt.“ Ledóchowski, dessen Familie in der polnischen Geschichte eine Rolle spielte, meint: „Polen ging in der Geschichte oft einen Sonderweg, und hat dafür einen hohen Preis bezahlt. Es geht auch jetzt wieder einen Sonderweg und wird dafür viel kritisiert.“ Einen Preis bezahlte auch die „Plattform Christdemokratie“ für ihr Bekenntnis: Am Dienstag wurde ihr Vereinssitz in Wien beschmiert: „Fundis abtreiben“ stand da an der Hausmauer, und – gleichsam als Unterschrift – „Pro choice“.

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