Warschau

Abtreibungsgesetz: Polen im Chaos

Ein strengeres Abtreibungsverbot hat in Polen massive Proteste ausgelöst – die kirchlichen und politischen Verantwortlichen stehen dem relativ hilflos gegenüber.

Proteste gegen Verschärfung des Abtreibungsverbots in Polen
Warschau: Eine Demonstrantin hält ein Plakat mit der Aufschrift «Frauenstreik» bei einem regierungskritischen Protest gegen eine Verschärfung des Abtreibungsrechts. Foto: Czarek Sokolowski (AP)

Am Anfang war die Begeisterung. Die Entscheidung des Verfassungsgerichts, Abtreibungen völlig zu verbieten, sei eine „epochale Gesetzesänderung“, jubelte Erzbischof Stanislaw Gadecki, der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, am Donnerstag, den 22. Oktober, als das Urteil des höchsten polnischen Gerichts bekannt wurde. Und sein Stellvertreter auf dem Posten des Vorsitzenden, Marek Jedraszewski, der Metropolit von Krakau, stimmte mit ein. Man könne sich „kaum eine großartigere Nachricht“ vorstellen.

Auch bei der Mehrheit der von Jaroslaw Kaczynski angeführten nationalkonservativen Regierungspartei PiS herrschte am Tag der Bekanntgabe des Urteils Freude. Im Unterschied zur größten Oppositionspartei, der Bürgerplattform (PO), die Kaczynski nicht nur vorwarf, die Entscheidung am Parlament vorbei in die Hände der Judikative geleitet zu haben – auch das Timing, der Zeitpunkt sorgte für Empörung.

Tausende von Frauen fluteten die Straßen Warschaus

Jaroslaw Kaczynski sei ein „Feigling“, attackierte ihn der PO-Vorsitzende Borys Budka, weil „er sich vor einer offenen Diskussion fürchtete, und ein Zyniker, weil er mitten in einer Pandemie, in der alles auf die Rettung von Leben, die Rettung der Gesundheit der Polinnen und Polen ausgerichtet sein sollte, einen weiteren ideologischen Krieg lostritt.“

Nach Krieg sah es in der Tat bald aus: Tausende von Frauen fluteten die Straßen Warschaus und anderer Städte, um mit auffälliger Aggression ihren Unmut über die anvisierte Verschärfung des Gesetzes zu artikulieren. Besonders im Warschauer Stadtteil Zoliborz, wo Kaczynski wohnt, kamen sie zusammen, weil auch die Protestierenden den 71-Jährigen als Spiritus rector des strengeren Abtreibungsverbots ausgemacht hatten. Seine Richter, sein Urteil, seine Schuld. So aufgeheizt sollte es weitergehen. Zahlreiche Gottesdienste im ganzen Land wurden an dem Wochenende nach der Gerichtsentscheidung gestört. Zumeist begleitet von vulgären Ausdrücken, unverhohlenen Drohungen und Graffiti. In Posen, wo Gadecki als Ortsbischof wirkt, musste die Polizei zum Schutz kirchlicher Gebäude einschreiten. An anderen Stätten ging es nicht weniger rabiat zu. Sodass sich Gadecki schon bald veranlasst sah, rhetorisch etwas zurückzurudern. Man wolle den „Dialog“ sagte er gegenüber Journalisten und distanzierte sich von der Politik. Die Kirche, so der Vorsitzende, der im gleichen Jahr wie Kaczynski zur Welt kam, könne „nicht aufhören, das Leben zu verteidigen, und sie kann auch nicht aufgeben zu verkünden, dass jedes menschliche Geschöpf von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod geschützt werden muss“. Dazu betonte er: „Wir brauchen Gespräche, aber nicht Konfrontationshaltung und hektischen Meinungsaustausch in Sozialen Netzwerken.“ Angesichts der Tatsache, dass manche Kirchen inzwischen nicht nur von der Polizei, sondern von männlichen Rosenkranzbetern verteidigt wurden, wirkte dies ein wenig realitätsfern.

Doch nicht nur die Vertreter der Kirche wirkten angesichts der flächendeckenden Proteste der Frauen, die schnell mit einem eingängigen Logo (Roter Blitz), markigen Slogans („Das ist ein Krieg“; „Mein Körper, meine Wahl“) und einem selbstbewussten Namen (Organisation Allpolnischer Frauenstreik) auftraten, unvorbereitet und hilflos, auch die Spitzen der Regierung und des Staates gerieten ins verbale Wanken. Allen voran der polnische Präsident Andrzej Duda, der das Urteil des Verfassungsgerichts zunächst noch sehr gelobt hatte.

Welche Haltung die katholischen Celebrities einnehmen

Unter dem Druck der Straße und dem Druck seiner 24-jährigen Tochter Kinga, einer Juristin, die via „Twitter“ eine Stärkung der Frauenrechte forderte, und seiner aus einem liberalen Elternhaus stammenden Ehefrau Agata erklärte der gläubige Präsident, dass man die Frauen nicht zu „heroischen Entscheidungen“ zwingen dürfe. Er plädierte für einen überarbeiteten Gesetzesentwurf, wonach eine Abtreibung erlaubt bleibe, wenn mit dem Tod des Embryos bei und unmittelbar nach der Geburt zu rechnen sei. Eine Haltung, die auch von vielen katholischen Celebrities des Landes geteilt wird – wenn diese nicht sogar offen mit den protestierenden Frauen sympathisieren. Was auch vorkommt. Sehr zur Empörung derjenigen, die in der Kirche Polens die Lehre Johannes Pauls II. entschieden vertreten. Wie eine aktuelle Umfrage der Kirchen-kritischen „Gazeta Wyborcza“ zeigt, ist dies aber nur eine relativ kleine Gruppe. Demnach unterstützen 16 Prozent der Katholiken Polens das Urteil des Verfassungsgerichts, 67 Prozent hingegen tun dies nicht. 65 Prozent der polnischen Katholiken möchten, dass Abtreibungen unter bestimmten Bedingungen legal bleiben. Andere Medien kommen bei Umfragen zu ähnlichen Ergebnissen.

Zahlen, die Fragen aufwerfen. Woran liegt es, dass die vom Vorsitzenden der Bischofskonferenz vertretene Lehrlinie und die Haltung der katholischen Laien so weit auseinanderdriften? Von der Gesellschaft gar nicht zu reden. Ist Polen, das häufig als christliches Bollwerk Europas gepriesen wurde, doch schon säkularisierter, als man bisher annahm?

Ein Geistlicher, der im Warschauer Stadtteil Mokotow wirkt, wo auch Proteste und Schmierereien zu besichtigen waren, ist nicht überrascht über die Ereignisse der vergangenen Tage. Katholisch sei Polen aus seiner Sicht „seit langem nur an der Oberfläche“. Nur die Formen würden weiter gewahrt bleiben, sagt er. „Gottesdienstbesuche, religiöse Symbole, doch die persönliche Weltsicht ist bei vielen längst von der Religion entkoppelt.“ Woran die Bischöfe nicht ganz unschuldig seien. Viele hätten sich „narzisstischen Illusionen hingegeben – und tun dies immer noch“. Auch der wachsende materielle Wohlstand und die Modernisierung, das würden Untersuchungen in diversen Ländern belegen, förderten eine solche Entwicklung. Frömmigkeit als Kennzeichen der Abgehängten, der gesellschaftlichen Verlierer?

"Ist es eine Revolution?"

Den Versuch einer ersten Erklärung für die massiven Unruhen auf den Straßen des Landes wagte bei „Twitter“ der Drehbuch-Coautor von Krzysztof Kieslowski („Dekalog“, „Drei Farben“), Krzysztof Piesiewicz, der nach der Ermordung von Jerzy Popieluszko im Jahr 1984 als Anwalt der Familie fungierte: „Ist es eine Revolution?“, fragte Piesiewicz. „Ich weiß es nicht... aber es ist definitiv eine GROSSE REBELLION gegen HIPOCRISATION... die Rebellion der JUNGEN, die wie Europäer leben wollen... die die EU wollen, die die politischen Salons satt haben... und nicht unbedingt eine ungewöhnlich hohe Meinung von der Welt besitzen... sie haben den politischen und kirchlichen Schlamm satt... .“ Worte, die vermutlich auf politische Seilschaften anspielen, die es rechts wie links im Land gibt, aber auch auf den moralischen Missbrauchsmorast in der Kirche, der durch die Dokumentarfilme von Marek und Tomasz Sekielski anschaulich dokumentiert wurde.

Millionenfach sind die Filme inzwischen bei Youtube geguckt worden. Mit der Folge, dass das Vertrauen junger und älterer Polen in die Integrität von Geistlichen, die früher in Polen ein hohes Ansehen besaßen, erschüttert ist. Doch: So verständlich und berechtigt die Wut über scheinheilige Autoritäten auch sein mag, wie wird es weitergehen? Ein Ende der Proteste ist nicht in Sicht. Der Geistliche aus Mokotow glaubt, dass kirchlicherseits eine neue Sprache nötig sei, um auf die Menschen zugehen zu können. Der Verzicht auf religiöse Arroganz, katholisches Pharisäertum. Als Vorbild dafür betrachtet er den polnischen Philosophen und Geistlichen Jozef Tischner (1931–2000), der die Philosophie des Dialogs kultivierte. „Tischner war ein Prophet. Er war umstritten in der Kirche, weil er unbequeme Dinge gedacht und gesagt hat.“ Doch die schützende Hand seines Freundes Johannes Pauls II. habe über ihm geruht.

Und die Frauen? Ist mit ihnen derzeit überhaupt ein Dialog möglich? Der Geistliche ist davon überzeugt, dass es den Organisatorinnen um mehr gehe, als darum, für Abtreibung zu streiten oder Kirchen zu beschmieren. „Sie wollen PiS loswerden, um ein anderes System in Polen zu etablieren.“

Der Pressesprecher der Polnischen Bischofskonferenz, der Jesuit Leszek Gesiak, hat derweil gegenüber dem TV-Sender „Polsat“ die Teilnahme von Gläubigen an den Pro-Abtreibungsprotesten als „Sünde“ bezeichnet. Erzbischof Gadecki hält den Vorschlag von Präsident Duda für eine „Form von Euthanasie“.
Mit Material von KNA

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