Zwischen Jubel und Bestürzung

Die Mehrheit in Irland für das Referendum markiert einen historischen Bruch in der Geschichte des katholischen Landes. Von Maximilian Lutz

Deutlicher als in den Umfragen der vergangenen Wochen vorausgesagt haben die Iren für die Streichung des achten Verfassungszusatzes gestimmt, der das Leben des ungeborenen Kindes dem der Mutter gleich stellte (Lesen Sie dazu auch die Seiten 6 und 8). 66,4 Prozent sprachen sich dafür aus, nur 33,6 Prozent stimmten dagegen. Damit wird Abtreibung künftig auch in Irland möglich sein, das einst als katholisches Vorzeigeland in Europa galt. Irlands Premierminister Leo Varadkar sprach von einer "stillen Revolution". Die Bilder, die über TV-Bildschirme flackerten und in den Zeitungen gedruckt waren, zeigten fast ausschließlich jubelnde Menschen auf den Straßen.

Auch in den Medien wurde das Ergebnis der Abstimmung überwiegend positiv begrüßt. Die "Irish Times", eine der zwei großen irischen Tageszeitungen, lobte die Arbeit, die die Regierung im Vorfeld des Referendums leistete, und sprach von einem "Erdrutschsieg", der ein "klares Mandat" für liberale Abtreibungsgesetze erteile. Noch weiter ging die britische Sonntagszeitung "The Observer": Sie betonte die "Hoffnung", die das Ergebnis für Frauen weltweit bedeuten könnte   und teilt gleichzeitig einen Seitenhieb gegen die Kirche aus. Der Ausgang der Abstimmung biete "Unterstützung für Frauenrechtsaktivisten in Ländern wie den USA und Polen, die gegen Einschränkungen des Rechts auf Abtreibung kämpfen und von religiös-konservativen Kräften bedrängt werden". In der internationalen Presse zeigt sich ein ähnliches Bild: Die "New York Times" spricht von einer "harschen Ablehnung" der Autorität der katholischen Kirche. Und weiter: "Das Ergebnis markiert das Ende einer Ära, in der jährlich tausende Frauen gezwungen waren, ins Ausland zu reisen oder im Internet auf illegale Weise Tabletten zu kaufen, um ihre Schwangerschaft zu beenden."

Kritische Stimmen sind in den säkularen internationalen Leitmedien kaum zu finden   auch nicht in der deutschen Presse: "Irland hat sich für die Menschlichkeit entschieden", titelt "Die Welt"; "ein großer Sieg für Menschlichkeit und Mitgefühl" heißt es in der "Zeit". Nach einer kritischen Stimme muss man lange suchen. In der "Mitteldeutschen Zeitung", ein Regionalblatt aus Sachsen-Anhalt, schließlich die Mahnung: "Die Entscheidung für eine Abtreibung ist die Entscheidung gegen das Leben eines ungeborenen Kindes." Und auch die französische katholische Zeitung "La Croix" stimmt nicht in den internationalen Jubel ein: "Abtreibungen möglich zu machen, ist eine Sache. Dafür zu sorgen, dass es so wenige wie möglich gibt, die andere", warnt das Blatt. Bei den Vertretern der "No"-Kampagne löste das Votum freilich Entsetzen aus. Sie sprachen am Wahlabend von einer "Tragödie historischen Ausmaßes". Auch Dana Scallon, katholische Lebensschutz-Aktivistin und frühere unabhängige Europaabgeordnete, fand deutliche Worte."Als ich das Ergebnis erfuhr, war ich tief betroffen und habe mich gefragt, was aus der irischen Nation geworden ist", so Scallon im Gespräch mit der "Tagespost". Die irischen Medien hätten einige Extremfälle benutzt, um eine Liberalisierung des Abtreibungsrechts zu fordern. Ähnlich sieht es Father Vincent Twomey. "Geschockt und betrübt" sei er über den Ausgang des Referendums, sagte der Steyler Missionar gegenüber dieser Zeitung. Mit großer Bestürzung reagierte auch Erzbischof Eamon Martin von Armagh, Primas von ganz Irland: Er sei "zutiefst betrübt" darüber, dass der achte Verfassungszusatz nun gestrichen werde, so der Vorsitzende der Irischen Bischofskonferenz. Die Iren hätten das Recht auf Selbstbestimmung über das Grundrecht auf Leben gestellt.