Ziemlich beste Freunde

Der koptische Priester Vater Joannas und der Salafist Scheich Hamdi wollen die Gemeinschaft in einem oberägyptischen Dorf zusammenhalten. Von Oliver Maksan

Der koptische Priester Vater Abuna Joannas (m.) und der Salafist Scheich Hamdi (r.) waren schon als Kinder befreundet. Foto: Oliver Maksan
Der koptische Priester Vater Abuna Joannas (m.) und der Salafist Scheich Hamdi (r.) waren schon als Kinder befreundet. Foto: Oliver Maksan

Muslime sollten nicht bei Christen essen? Herzhaft beißt Scheich Hamdi in ein Stück Brot, das sich knusprig krachend auf seiner Galabaja, dem traditionellen bodenlangen Gewand ägyptischer Männer, verteilt. „So ein Blödsinn. Das ist natürlich nicht haram, verboten. Leute, die das behaupten, haben die Lehren des Islam wirklich missverstanden.“ Vater Joannas lacht und reicht ihm aus einer Schale mit eingelegtem Gemüse. Der Scheich greift wieder demonstrativ zu.

Die beiden sind ein ungewöhnliches Gespann. Abuna Joannas ist koptischer Priester, Scheich Hamdi ist Friedensrichter im Dorf Kufada südlich von Kairo – und Salafist. Dreizehn Jahre lebte er in Saudi-Arabien, wo er diese besonders konservative Auslegung des Islam kennengelernt hat. Die möglichst getreue Befolgung des Urislam ist Ziel des Salafismus. Bis hinein in die Barttracht wird der Prophet dabei imitiert: Auch Scheich Hamdi trägt einen über der Oberlippe ausgesparten Vollbart, wie ihn Mohammed getragen haben soll. Zuletzt kandidierte der Scheich – erfolglos – für die salafistische al-Nur-Partei. Als Abgeordneter wollte er ins Kairoer Parlament. Abuna Joannas unterstützte ihn dabei. Der Scheich revanchierte sich. „Als in Ägypten im Sommer nach Mursis Absetzung die Kirchen brannten, kam Scheich Hamdi mit einer Kalaschnikow zu uns und stieg auf den Turm, um die Kirche zu beschützen. Er hat damit jedem gedroht, der es gewagt hätte, uns anzugreifen“, sagt Vater Joannas und schlägt dem Scheich vertraut auf die Schulter. „Schon unsere Väter waren Freunde. Wir sind es auch. Wir kennen uns schon von klein auf.“ Scheich Hamdi stimmt ihm zu. „Wir wollen das auch an die nächste Generation weitergeben. Mein Sohn nennt ihn liebevoll Onkel.“

Abuna Joannas empfängt in seinem Büro neben der Marienkirche des Dorfes. Seit Generationen schon folgt Vater auf Vater im Amt des Dorfgeistlichen. Vergilbte Bilder seiner Vorfahren an der Wand bezeugen das. Kairo ist weit, und damit sind nicht nur die vier Stunden Autofahrt gemeint, die zwischen der Hauptstadt und dem abgelegenen Dorf in Oberägypten liegen. Die Zeit scheint hier stehengeblieben. Hühner gackern auf Misthaufen, Kinder spielen daneben barfuß im Dreck, Eselskarren wirbeln auf ungeteerten Straßen Staub auf. Die Mehrheit der Menschen des Landes lebt so. Industrie gibt es keine. Die meisten Menschen sind Landwirte. „Natürlich kommt es immer wieder zu Streitigkeiten zwischen Muslimen und Christen. Da geht es dann meist um Grundstücksstreitereien und ähnliches. Wo hört mein Land auf und wo fängt deines an? Wir versuchen dann zu vermitteln, dass sich die Sache nicht zu einem religiösen Konflikt auflädt“, sagt Vater Joannas. Scheich Hamdi stimmt ihm zu. „Der Prophet – Friede sei mit ihm – hat Christen und Juden, wenn sie im Streit mit Muslimen lagen, Recht gegeben, wenn sie Recht hatten. Er hat auch einmal gesagt, dass ein Muslim, der einen Christen verletzt, gehandelt hat, als ob er hundert Muslime verletzt hätte. Das ist uns Vorbild.“ Unter der einfachen Landbevölkerung schaukeln sich scheinbar nichtige Vorfälle oft schnell hoch. Der Ton hier ist allgemein rau. Ein Großteil der religiösen Spannungen Ägyptens hat seine Ursachen auf der zwischenmenschlichen Ebene. Eine Beziehung zwischen einem Christen und einer Muslima, selbst das Hemd eines Muslims, das ein christlicher Wäschereiarbeiter versengt hat, war schon Anlass für Tote und Verletzte. „Kürzlich fuhr ein Christ einen Muslim an“, berichtet Vater Joannas. „Eigentlich ein Unfall. Aber das kann schnell außer Kontrolle geraten. Scheich Hamdi und ich sind dann hingefahren und haben die Sache geregelt. Der Christ muss dem Muslim jetzt Unterhalt zahlen, bis er wieder gesund ist. Zum Glück gab es keinen Toten. Dann wäre die Angelegenheit nicht so leicht zu Ende gewesen.“

Im ländlichen Raum, berichtet Abuna Joannas weiter, greift die Polizei nur bei schwereren Verbrechen ein. Ansonsten regeln die Menschen die Dinge unter sich. Menschenrechtsorganisationen kritisieren diese Praxis der außergerichtlichen Einigung, die regelmäßig bei Streitigkeiten zwischen Christen und Muslimen angewandt wird. Sie führe dazu, dass der Täter meist glimpflich davon komme. Diese Versöhnungstreffen haben allerdings eine lange Tradition und werden auch bei Streitigkeiten zwischen Muslimen angewandt, wenden Befürworter ein. Scheich und Priester haben bei alledem ein gewichtiges Wort mitzureden. Sie sind Häupter ihrer Gemeinschaften. Westlicher Individualismus ist hier unbekannt.

„Wir wollen durch unsere Freundschaft ein gutes Beispiel geben und die Dorfgemeinschaft zusammenhalten“, sagt Scheich Hamdi. „Einfache Probleme wird es immer geben, aber sie lassen sich lösen. Mich stört aber, dass ihr im Westen immer nur dann berichtet, wenn ein Muslim einem Christen Unrecht tut. Umgekehrt ist es nie ein Thema.“ Der Einwand, man müsse doch zwischen individuellen Verbrechen und gemeinschaftlicher Diskriminierung unterscheiden, beantwortet der Scheich mit einem Hinweis auf den Streit um die Mohammed-Karikaturen aus Dänemark: „Ist uns Muslimen mit diesen gotteslästerlichen Darstellungen unseres Propheten etwa kein Unrecht geschehen? Und wer hat dagegen etwas unternommen? Die großen Organisationen wie die UNO oder die Nato sind doch alle parteiisch. Diese Ungerechtigkeit ist die größte Quelle für Extremismus in der islamischen Welt.“ Besonders der letzte Irakkrieg der Amerikaner bringt den Scheich sichtbar auf. „Es ging ihnen um Öl und darum, Sunniten und Schiiten gegeneinander aufzuhetzen, um ein arabisches Land zu schwächen. Und wer sagt oder tut was dagegen?“

Beim Tee dann spielt die große Weltpolitik keine Rolle mehr. Scheich und Priester diskutieren anstehende Probleme im Dorf. Abuna Joannas: „Wir helfen durch unsere Caritas Christen und Muslimen gleichermaßen. Die Menschen hier sind sehr arm. Unsere Suppenküche verteilt Essen an alle. Und mein Bruder hilft umsonst allen, die gesundheitliche Probleme haben. Er ist zwar kein Arzt, aber auf diesem Gebiet sehr begabt.“ Im Hof vor der Kirche findet sich tatsächlich eine vollverschleierte Muslima mit ihrem kleinen Jungen ein. Der hat sich eine kleine Kugel aus einer Gebetskette in die Nase geschoben. Das nächste Krankenhaus ist weit und teuer. Abuna Michail, Priester auch er, schreitet mit einer Pinzette zur Operation. Das Kind plärrt. Doch schnell ist das störende Objekt entfernt. Die Mutter ist froh: „Christen und Muslime halten hier zusammen“, ruft sie dankbar aus, den Priester vielfach segnend. Unterschiedliche Ansichten bezüglich der Zukunft Ägyptens bleiben jedoch zwischen den Religionsgruppen bestehen. „Als jetzt im Januar über die neue Verfassung abgestimmt wurde, haben die meisten Muslime die Wahl entweder ganz boykottiert oder mit Nein gestimmt. Bei uns Christen war das natürlich anders“, sagt Priester Joannas. „Und wenn General Sisi für das Präsidentenamt kandidiert, werden wir für ihn stimmen. Zu hundert Prozent.“