Wohin steuert Russland?

In Politik und Wirtschaft herrschen raue Sitten – Die kulturelle Blüte nach der Wende ist ausgeblieben

Lange ist es her, dass Boris Jelzin und Helmut Kohl in der Sauna den Kommunismus abwickelten. Seit der Präsidentschaft Wladimir Putins hat sich das deutsche Russland-Bild entschieden verdüstert. Weitergemalt an diesem Bild hat die Katholische Akademie in Bayern am vergangenen Wochenende. Durchweg dunkle Farben nutzten dort die Referenten, fast alle in Russland geboren oder durch lange Aufenthalte mit den Verhältnissen vor Ort eng vertraut, für die derzeitigen innerrussischen Verhältnisse. Allzu chaotisch ist für die meisten Russen wohl die Entwicklung von Demokratie und Marktwirtschaft in der Jelzin-Ära verlaufen, rasch verebbte die anfängliche Euphorie über das Ende der UdSSR. Von einer regelrechten „Schocktherapie“ sprach der Journalist Dirk Sager, ehemaliger Leiter des ZDF-Studios in Moskau.

Die wirtschaftlichen Verhältnisse in Russland bleiben instabil, lautet das Fazit der Tagung: Zwar halte ein Wirtschaftswachstum an, beruhe aber beinahe ausschließlich auf Erdöl- und Erdgasexport. Leicht erreichbare Vorkommen würden schnell ausgebeutet, die größeren Lagerstätten in Sibirien dagegen könnten kaum erschlossen werden, da es an Infrastruktur und – aufgrund der ungünstigen klimatischen Bedingungen – an Arbeitern mangele. Es sei also zu befürchten, dass die russische Ölwirtschaft in absehbarer Zeit schwächeln werde, meint Professor Werner Gumpel von der Hochschule für Politik in München, der selbst in der Sowjetunion fünf Jahre Zwangsarbeit wegen Mitgliedschaft in einer antikommunistischen Vereinigung hatte ableisten müssen. Alle sonstigen Wirtschaftszweige seien veraltet und in international kaum wettbewerbsfähig. Weitere Gründe für Professor Gumpel, den wirtschaftlichen Verhältnissen in Russland zu misstrauen: Im hochverschuldeten Land nehme der Staat verstärkt Einfluss auf die Ökonomie durch Monopolbildung und zentralistische Planung. Für eine Entwicklung unterschiedlichster Sparten der Hochtechnologie mangele das Kapital. Zudem transferiere die extrem kleine, extrem reiche Oberschicht ihre Einkünfte zunehmend ins Ausland. Dagegen leide das Gros Bevölkerung an der Inflation und traue den Eliten aus Wirtschaft und Politik nicht mehr die Lösung der Probleme zu. Schließlich sei auch die Korruption nach wie vor verbreitet, selbst wenn der neue Präsident Alexander Medwedjew die Korruptionsbekämpfung als eines seiner Ziele ausgegeben habe. „Ein großer Teil der Richter ist bestechlich“, so Gumpel.

Demokratie und Marktwirtschaft würden im heutigen Russland längst als Schimpfworte begriffen, sagte Andreas Umland von der Katholischen Universität Eichstätt. Ein für die Demokratie lebensnotwendiges Partizipationsmodell könne sich kaum durchsetzen. Die russische Gesellschaft überlasse in obrigkeitsstaatlicher Tradition der Exekutive die Geschicke des Landes. „Dulden gehört zu den tiefsten Schichten der russischen Nationalidentität“, kommentierte der Soziologe Nikolai Genov, auch er gebürtiger Russe, die Verhältnisse. Ein Viertel der Bevölkerung in Russland sei alkoholabhängig, die Selbstmordraten stiegen sprunghaft an, zitierte er Statistiken.

Beste Voraussetzungen für eine Verklärung der vergangenen Sowjetunion. Entwicklungen, die auch in der Wissenschaft Spuren hinterlassen, etwa bei den Historikern. Zwar stand in der sowjetischen Geschichtsschreibung schon immer die Leistung der Roten Armee für die Zerschlagung des Nationalsozialismus im Mittelpunkt, aber durch eine „Archivrevolution“ unter Boris Jelzin, wie sie Jürgen Zarusky vom Institut für Zeitgeschichte München auf der Tagung beschrieben hat, waren erstmals nach 1989 auch die Schattenseiten der Sowjetunion in den Blickpunkt der Öffentlichkeit getreten: die systematische Judenverfolgung etwa oder die grauenerregende Tatsache, dass ein Drittel der aus KZ-Haft und Kriegsgefangenschaft entlassenen Russen im eigenen Land erneut wegen „Kollaboration“ zu Zwangsarbeit oder Dienst in Strafbataillonen verurteilt worden waren. Heute dagegen flüchtete sich Russland erneut in Nationalismus, der stalinistische Terror werde allenfalls als notwendiges Übel auf dem Weg zur Modernisierung des Landes thematisiert.

Nicht nur wirtschaftlich und politisch, nach Ansicht des Dichters und Kulturhistorikers Alexej Rybakov befindet sich Russland auch geistig in Verfall: Ehemalige Dissidenten und anti-sowjetische Intellektuelle spielten auch jetzt keine Rolle, der Kulturbetrieb habe sich in Dauer-Ironie und Selbsthinterfragung vollständig entpolitisiert. „Die Freiheit ist da, aber die Blüte ist ausgeblieben.“ In der Sowjetunion bedeuteten Kunst und Kultur für breite Schichten der Bevölkerung echte Gegenwelten, ein Stück geistiger Freiheit im Unterdrücker-Regime. Jetzt dagegen interessiere die Bevölkerung Kultur nicht mehr. Das komme der russischen Regierung entgegen, betrachte die politische Elite um Putin geistige Auseinandersetzungen im Gegensatz zum kommunistischen Regime als unbedeutend. „Entscheidungen, nicht Meinungen sind für sie wichtig.“ Auch die orthodoxe Kirche, neben der Kultur traditioneller Zufluchtsort der Russen, habe gegen den Kulturverlust zu kämpfen, zumal heute Verflechtungen mit dem ehemaligen Sowjetsystem zu Tage träten. Der katholische Priester Rudolf Prokschi, der in Moskau lebt, warb deshalb um Verständnis, wenn die russische orthodoxe Kirche sich nach der Zeit der Unterdrückung nun vor einer direkten Vor-Ort-Konkurrenz zur katholischen Kirche fürchte. Eine weitere Eskalation und tiefergehende Spaltung von katholischer und orthodoxer Kirche könne sich das Land nicht leisten, weil dadurch die Glaubwürdigkeit der russischen Christen insgesamt auf dem Spiel stände.

„Ich wage auf eine Veränderung des russischen Kurses in der Außenpolitik nicht zu hoffen“, stellte Sager mit Blick auf die niederdrückenden Analysen der Tagung in München fest, selbst wenn sich das Verhältnis zwischen Russland und den USA wieder entspannen sollte. Das postsozialistische Russland verfüge durch seinen hohen Erdölexport zum ersten Mal über Devisen, was für das Land ein wichtiger außenpolitischer Hebel sei – und immerhin sei Deutschland bei Import wie Export Russlands wichtigster Außenhandelspartner. Westliche Kritik am Land empfinde Russland generell als unzulässige Einmischung in innere Angelegenheiten. So respektiere es beispielsweise nicht die Arbeit des Europäischen Gerichtshofes, wo ein Fünftel aller dort anhängigen Verfahren auf Anzeigen gegen die russische Regierung zurückgehen. Für die Europäische Union heiße das: sich nicht spalten lassen.