„Wo die Geschichte des Glaubens begann“

Tausende Gläubige feiern in Nazareth den Abschluss des Glaubensjahres – Papst Franziskus sendet ihnen eine Botschaft. Von Oliver Maksan

Etwa 7000 Gläubige feierten am Berg des Abhangs am Rande von Nazareth. Foto: Maksan
Etwa 7000 Gläubige feierten am Berg des Abhangs am Rande von Nazareth. Foto: Maksan

Nazareth (DT) Strahlender Sonnenschein ließ am Sonntag die Temperaturen auf dem sogenannten Berg des Abhangs steigen – in Galiläa kann es auch im Spätherbst noch ziemlich heiß werden. Hier, am Rande Nazareths, wollten die Bewohner des Ortes Jesus einst in die Tiefe stürzen. Das berichtet das Lukas-Evangelium: „Sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen.“ Am Sonntagmorgen versammelte sich hier hingegen unter blauem Himmel die Kirche des Heiligen Landes, um mit einem großen Gottesdienst das Ende des Glaubensjahres zu feiern. Tausende Gläubige aus aller Welt waren dazu in die Heimatstadt Christi gekommen. Etwa 7 000 Besucher zählte die israelische Polizei später. Zwar kamen die meisten aus Israel selbst, die Pfarreien hatten Busse organisiert. Doch hatten die israelischen Behörden dem Patriarchat zugesagt, großzügig bei der Vergabe von Einreisevisa sein zu wollen. Irakische Flüchtlinge, die seit Jahren in Jordanien leben, hatten es deshalb ebenso nach Nazareth geschafft wie Palästinenser aus den besetzten Gebieten. Aber nicht alle hatten es so gut wie Schwester Pia vom Institut des inkarnierten Wortes aus Bethlehem und ihre Mitreisenden. „Ich habe von Fällen gehört, wo es jetzt mit der Einreise nicht geklappt hat. Manchmal konnte die Frau einreisen, aber der Mann nicht und ähnliches. Man weiß vorher nie, ob es klappt.“ Das ärgerte auch Weihbischof Giacinto Boulos Marcuzzo, in Nazareth residierender Patriarchalvikar für Israel: „Israel sendet widersprüchliche Signale: Einerseits kooperieren sie mit uns bei der Vorbereitung der Veranstaltung. Andererseits verweigern sie unseren Gläubigen die Einreise. Man hatte uns im Vorfeld zugesagt, dass es keine Schwierigkeiten geben werde. Aber vielleicht lief ja auch die Zusammenarbeit zwischen den Behörden nicht einwandfrei.“

Erstmals hatte es auf israelische Initiative hin eine Kooperation des Lateinischen Patriarchats und des israelischen Tourismusministeriums gegeben. Dieses hatte sich logistisch an der Durchführung der katholischen Großveranstaltung beteiligt und nach eigenen Angaben auch an einem Großteil der Kosten. Perfekt war die Pressearbeit organisiert, Journalisten aus aller Welt berichteten. All dies erfolgte selbstverständlich nicht ganz ohne Eigennutz: Religiöser Tourismus ist ein entscheidender Faktor im Wirtschaftsleben Israels. Nach Angaben des Ministeriums waren 2012 über zwei Millionen christliche Besucher nach Israel gekommen. Sie machten damit satte 60 Prozent des Tourismusaufkommens überhaupt aus. Tourismusminister Uzi Landau ließ es sich deshalb auch nicht nehmen, persönlich an der Messe teilzunehmen. In der Pressekonferenz nach dem Gottesdienst verlieh er seiner Hoffnung Ausdruck, dass sich die Zusammenarbeit fortsetzen werde. Mit dem für die erste Jahreshälfte 2014 erwarteten Papstbesuch wird dazu sicher Gelegenheit sein.

Durch sein Wort war Papst Franziskus aber schon jetzt anwesend. Vor Beginn des feierlichen Gottesdienstes mit dutzenden Bischöfen, Äbten und Priestern verschiedener katholischer Riten verlas der Apostolische Nuntius in Israel, Erzbischof Giuseppe Lazzarotto, eine Botschaft des Heiligen Vaters an die Gläubigen. In dem vom Papst persönlich unterzeichneten Schreiben hieß es: „Die Geschichte unseres Glaubens hat ihren Anfang ebendort, wo ihr jetzt feiert. Bevor wir unsere eigene persönliche Geschichte des Glaubens verstehen können und unser Bedürfnis nach Gottes Erbarmen, müssen wir uns alle dem Ort und der Zeit zuwenden, als Jesus selbst unter uns wandelte. Denn es war hier, wo der Herr Jesus unsere menschliche Natur annahm und uns Gott offenbarte. Es war hier, wo er uns das Geschenk seines Leidens, seines Todes und seiner Auferstehung machte und die Versicherung ewigen Lebens gab.“ Papst Franziskus drückte auch seine Wertschätzung für die Christen des Heiligen Landes aus, ihren treuen Dienst an den Heiligen Stätten und ihr standhaftes Zeugnis vom Evangelium.

Patriarch Fuad Twal warb in seiner Predigt später leidenschaftlich dafür, sich ein Beispiel an den Vorfahren im Glauben zu nehmen: Abraham und Maria. „Wir haben unser Vertrauen in die Politiker verloren, aber nicht unseren Glauben an Gott.“ Besorgt blickte er nach Syrien und rief zu einer friedlichen Lösung des Konflikts auf. Die Besucher solidarisierten sich mit ihren Glaubensbrüdern durch Applaus. „Ihr im Westen schert euch doch nicht um uns Christen hier im Nahen Osten. Amerikas Politik hilft in Syrien doch nur den Islamisten“, meinte ein israelischer Araber aus Haifa nach der Messe.

Trotz der bedrückenden Lage im Nachbarland feierten die Gläubigen am Sonntag dennoch ein frohes Fest des Glaubens. Seminaristen des Lateinischen Patriarchats gaben im Vorprogramm Zeugnis von ihrer Berufung zum Priestertum. Zahlreich waren Ordensleute und Jugendliche erschienen. Weihbischof Marcuzzo gab sich im Gespräch mit dieser Zeitung insgesamt sehr zufrieden mit dem pastoralen Erfolg des Glaubensjahrs. „Es hatte viele und gute Früchte getragen. Es gab auch echten Bedarf für eine verstärkte Initiative zur Weitergabe und Vertiefung des Glaubens. Zwar ist der Glaube hier geboren worden und die Menschen sind religiös. Atheismus gibt es praktisch nicht. Aber trotzdem ist der Glaube leider zu sehr soziale Konvention. Nach dem Motto: Ich bin Christ, weil meine Vorfahren es waren. Die persönliche Glaubensüberzeugung kommt da oft zu kurz.“ Es habe ihn gefreut, dass im Laufe des Glaubensjahres aus der Mitte der Gläubigen heraus Initiativen zur Hilfe für die Christen in Syrien entstanden seien. „Noch bevor der Heilige Vater für Anfang September einen Fast- und Gebetstag für Syrien ausgerufen hatte, kamen Leute zu mir, die für Syrien spenden oder Solidaritätsdemonstrationen organisieren wollten. Das ist ein schönes Zeichen des Glaubens.“ Man habe den Tag der Abschlussmesse bewusst „Internationaler Tag des Glaubens“ genannt. „Wir wollten damit zeigen, dass Glaube die Grenzen überschreitet. Ich finde es sehr ausdrucksstark, dass sich hier, wo die Menschwerdung stattfand, Gläubige aus aller Welt versammeln. Es war uns wichtig, dass es auch wirklich ein Fest der Gläubigen aus der Region werden konnte.“ Doch nicht nur aus dem Nahen Osten waren Besucher gekommen. Nach Angaben des israelischen Tourismusministeriums hatten sich etwa 1 000 Gläubige aus Übersee – Brasilien, Nigeria, Polen, Italien – zur Feier des Endes des Glaubensjahrs auf den Weg ins Heilige Land gemacht.