Gisch

"Wir sind ein altes Volk"

Für die Israelis sind sie arabische Christen. Die Muslime rechnen sie einfach zu den Palästinensern. Die Aramäer, seit 2014 als eigenes Volk anerkannt, legen aber Wert darauf, eine eigene Identität zu besitzen. Dies ist nun noch einmal bestätigt worden.

Kloster Mor Gabriel
Ein wichtiger Ort aramäischer Identität: das Kloster Mor Gabriel. Foto: Bundesverband der Aramäer

Aus der Sicht der meisten Israelis sind sie „christliche Araber“. Für die muslimischen Israelis gehören sie zum „palästinensischen Volk“. Im vergangenen Monat hat jedoch der Oberste Gerichtshof Israels die Rechte derjenigen Christen mit israelischer Staatsbürgerschaft gestärkt, die sich selbst als „Aramäer“ bezeichnen. Zu dem Urteil kam es, nachdem Shadi Khalloul, der Gründer und Präsident der „Israeli Christian Aramaic Association“, eine Verwaltungsbeschwerde eingelegt hatte. Der Ort Gisch, in dem er lebt, ist mehrheitlich christlich geprägt und liegt zwischen dem See Genezareth und der Grenze zum Libanon. Die Gemeindeverwaltung weigerte sich, für den Transport der Kinder von Khalloul in die Schule des benachbarten Kibbutz Sasa zu bezahlen, da sie auch die arabische Schule im Dorf besuchen könnten.

Bildungssystem für die israelisch-arabische Minderheit

Neben dem jüdisch-geprägten Bildungssystem gibt es im Staat Israel auch ein Bildungssystem für die israelisch-arabische Minderheit, in dem ihre Geschichte und Kultur unterrichtet werden und Arabisch die Unterrichtssprache ist. Der Oberste Gerichtshof Israels hat nun festgestellt: „Die Entscheidung, die aramäische Identität zu bewahren und auf ein Studium an einer Institution zu verzichten, die eine konkurrierende arabische Identität fördert, … erfordert, dass die örtliche Bildungsbehörde die Zugänglichkeit der Institution, die die Studenten aufnimmt, gewährleistet.“

Israel ist seit 2014 der einzige Staat im Nahen Osten, der die Aramäer als ein Volk bezeichnet und anerkennt. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war die Identität der Christen im Nahen Osten vor allem geprägt durch ihre Religionszugehörigkeit – eine christliche Minderheit in muslimischen Mehrheitsgesellschaften. Das Ende des Osmanischen Reiches und das Aufkommen eines arabischen Nationalismus führte zu einer Suche nach der eigenen Identität der christlichen Minderheiten. Die Notwendigkeit einer alternativen Grundlage für ihre ethnische Identität führte einige Christen aufgrund der mit dem Aramäischen verwandten liturgischen Kirchensprachen zurück zu den in der Bibel erwähnten aramäischen Königtümern.

Aramäisch für viele Ostkirchen prägende Gebetssprache

Diese erstreckten sich von Mesopotamien über Südanatolien bis Syrien, bis sie im 8. Jahrhundert v. Chr. im Reich der Assyrer aufgingen, die jedoch das Aramäische als Verwaltungssprache übernahmen. Bis zur Zeit Jesu und danach bis zur islamischen Eroberung blieb das Aramäisch in weiten Teilen des Nahen Ostens die häufigste gesprochene Sprache. So wurde Aramäisch auch für viele Ostkirchen eine prägende Gebetssprache. Seit 2014 können Gläubige dieser Kirchen, wie zum Beispiel der Melkitischen oder Maronitischen, die die israelische Staatsangehörigkeit besitzen, die aramäische Volkszugehörigkeit eintragen lassen, anstatt der qua Geburt zugeschriebenen arabischen Volkszugehörigkeit. Keine der Kirchen im Nahen Osten hat jedoch die aramäische Identität übernommen oder anerkannt – sie ist ein Phänomen von christlichen Laien auf der Suche nach einer eigenen, nicht der oktroyierten arabischen Identität.

Es war bereits 2014 Shadi Khalloul derjenige, der durch jahrelange Lobbyarbeit die Anerkennung der aramäischen Volksidentität durch das israelische Innenministerium erwirkt hatte. Sein Sohn Yaakov wurde dadurch zum ersten vom Staat Israel anerkannten Aramäer. Und für ihn hat er es nun erwirkt, dass die arabische Gemeindeverwaltung in Gisch für seinen Transport zu einer israelisch-jüdisch geprägten Schule bezahlen muss.

"Wir sind ein sehr altes Volk.
Selbst die heutigen Juden haben
ihre Ursprünge in unserem Volk"
Shadi Khalloul, Präsident der „Israeli Christian Aramaic Association“

Im Gespräch mit der „Tagespost“ betont er die Bedeutung dieser Entscheidung des Obersten Gerichtshofs Israels für die aramäische Identität innerhalb der mehrheitlich jüdischen Gesellschaft. Für ihn ist die aramäische Identität eng mit der jüdischen Geschichte verbunden: „Wir sind ein sehr altes Volk. Selbst die heutigen Juden haben ihre Ursprünge in unserem Volk – zum Beispiel der Bruder Rebekkas, der Mutter Jakobs – der später Israel genannt wurde –, war ein Aramäer. So haben wir als aramäische Christen eine enge Verbindung zu Israel.“

Diese Verbindung prägt Shadi Khallouls eigene Identität. Er gehört der mit Rom unierten syrischen-maronitischen Kirche an, hat freiwillig als Fallschirmspringer in der israelischen Armee gedient und ist Parteimitglied in der säkular-nationalistischen, zionistischen Partei Jisra'el Beitenu. Seine Vorfahren wurden im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 aus ihrem Dorf vertrieben. Er versteht seinen christlichen Glauben so, dass er diese Ereignisse zwar nicht vergessen muss, aber bereit ist, die erfahrene Ungerechtigkeit zu vergeben und stattdessen sich in der israelischen Demokratie eine Stimme zu verschaffen: „Wir integrieren uns in die Mehrheitsgesellschaft, unsere Kinder sollen die hebräische Sprache und die israelische Mentalität erlernen; wir wollen nicht isoliert sein – zugleich lehren wir unsere Kinder die aramäische Sprache und Kultur.“

Sichere Zukunft nur innerhalb des jüdischen Staates

Während des Gesprächs betont er mehrfach, dass für ihn als Christen die muslimisch-geprägte arabische Identität nicht definieren kann und darf, wer er und wer die Christen sind. Auch angesichts der Situation der Christen im Nahen Osten insgesamt sieht er eine sichere Zukunft als christliche Minderheit nur innerhalb des jüdischen, demokratischen Staates, in den es sich zu integrieren gelte: „Die eigenen Rechte kann man nur beschützen, wenn man sich am demokratischen Prozess beteiligt und die Demokratie stärkt.“ Und dies bedeutet für ihn auch, dass Christen in der israelischen Armee dienen sollten: „Unsere Pflicht als gute Staatsbürger, als Aramäer in Israel, ist es, die Verteidigungsstreitkräfte zu unterstützen, die auch uns beschützen. Die Beteiligung in der Armee bedeutet Integration und nur sie schützt die Christen davor, verfolgt zu werden, wie in anderen Ländern im Nahen Osten.“

Shadi Khalloul
Shadi Khalloul, Gründer und Präsident der „Israeli Christian Aramaic Association“. Foto: privat

Eine solche Position der radikalen Integration steht nicht nur im Kontrast zur Sicht der Mehrheit der palästinensischen Bürger Israels, sondern wird auch von den Kirchen kritisch betrachtet – das verwundert Shadi Khalloul jedoch nicht: „In diesem Punkt will ich sehr deutlich sein. Die Kirchenvertreter geben dem Druck der Palästinensischen Autonomiebehörde nach. Aber ich verurteile sie dafür nicht. Sie verorten sich in der arabischen Gesellschaft, aber ein Teil ihrer Gläubigen lebt eben in der israelischen Gesellschaft.“ Seine Ideologie teilen jedoch nur wenige Christen in Israel. Die vom Obersten Gerichtshof getroffene Entscheidung betrifft nur 20 Kinder. Insgesamt weiß er selbst nur von 680 offiziell als Aramäer eingetragenen israelischen Staatsbürgern. Er ist aber fest davon überzeugt, dass, wenn das Registrierungsverfahren vereinfacht würde, schnell bis zu 15 000 der 180 400 christlichen Staatsbürger Israels sich zur „Aramäern“ erklären ließen.

Das Ziel: Die "Renaissance der Aramäer"

An dieses Potenzial glaubt er und verfolgt vehement das von ihm als „Renaissance der Aramäer“ bezeichnete Ziel. Als nächstes wird er, sobald in Israel eine neue Regierung gebildet sein wird, im Erziehungsministerium Gelder für die Einrichtung eines aramäischen Kindergartens in Haifa beantragen. Und im vergangenen Jahr konnte er bereits Premierminister Benjamin Netanyahu seine Vision von einer aramäischen Siedlung in Israel vorstellen. Er möchte einen Ort gründen, an dem 250 bis 500 aramäisch-sprachige Familien wohnen können – und in der Mitte des Ortes soll ein Zentrum für die aramäische Sprache und Kultur errichtet werden. Für seine großen Pläne wünscht er sich als maronitischer Christ, dessen Kirche mit Rom uniert ist, am Ende des Gesprächs den päpstlichen Segen: „Wenn Papst Franziskus unsere Bemühungen um eine aramäische Identität anerkennen würde, würde dies die christliche Identität in Israel und im Nahen Osten wieder stärken."