Wir entdecken die Liebe Gottes

Trotz aller Gefahren, trotz Zerstörung und Extremismus stimmen wir mit Glaube, Hoffnung und Liebe in den Lobpreis der Engel ein. Von Erzbischof Issam John Darwish

„Lasst uns zu diesem Kind, das aus der Höhe kommt, beten, der Welt Frieden zu gewähren, wo immer Menschen bluten und Konflikte sie untereinander spalten.“ Foto: Kathbild/Rupprecht
„Lasst uns zu diesem Kind, das aus der Höhe kommt, beten, der Welt Frieden zu gewähren, wo immer Menschen bluten und Kon... Foto: Kathbild/Rupprecht

Christus ist geboren! Lobet und preiset Ihn! Dieses Jahr bereitet sich mein Land im Nahen Osten darauf vor, den König des Friedens zu empfangen, das Kind in der Krippe. Mein Land ist vielen Prüfungen und Schwierigkeiten ausgesetzt, die die Menschen die Hoffnung darauf verlieren lassen, ein Leben in Würde, in Ruhe und in Fülle führen zu können. Inmitten der Dunkelheit dieser Ereignisse beginnen die Menschen nach einem Hoffnungsschimmer zu suchen. Mitten aus dem Sturm von religiösem Extremismus und blindem Terror, der zerstört, tötet und den Plan verfolgt, alle Minderheiten einschließlich der Christen aus ihren Ländern im Nahen Osten zu vertreiben, hören die Christen die Verkündigung des Engels: „Ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Der Retter ist geboren; er ist der Messias, der Herr.“ (Lukas 2, 10-11)

Durch diese himmlische Freude, diese frohe Botschaft und dieses Licht, das in unsere Herzen fließt, um die Finsternis der Welt zu zerstreuen, grüße ich alle unsere Söhne und Töchter in den Ländern des Nahen Ostens. Ich grüße auch unsere Brüder und Schwestern auf der ganzen Welt und wünsche mir, dass das Kind in der Krippe uns beistehe, unsere Beziehungen stärke und uns vereine, um für Gerechtigkeit und Frieden in dieser Welt zusammenzuarbeiten.

Die Christen im Libanon und in den arabischen Ländern leben heute unter schwierigen Umständen. Sie werden im eigenen Land und im Ausland vertrieben und von vielen Gruppen unterdrückt. Angesichts dieser Schwierigkeiten fragen sich viele, wie es um die Zukunft der Christen und ihre Präsenz im Nahen Osten bestellt ist. Zugleich besinnen sie sich darauf, dass unser Herr Jesus Christus dem Apostel Petrus gesagt hat: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“ (Matthäus 16,18). Er hat auch beim Letzten Abendmahl zu seinen Jüngern gesagt: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (Johannes 16,33). Inmitten dieser Drangsal und trotz der Schwierigkeiten, vor denen wir stehen, lädt uns die Geburt unseres Herrn Jesus Christus dazu ein, unseren Glauben an Gott und das Vertrauen, dass Christus bei uns ist, zu erneuern. „Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen außer dem, der vom Himmel herabgestiegen ist“ (Johannes 3,13), als Mensch auf Erden geboren wurde und zu uns gekommen ist, um bei uns zu bleiben „alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Matthäus 28,20) und in unserem Leben unsere Kraft und Stärke zu sein. Wir sind gewiss, dass die Liebe, die Gott uns gewährt und die in der Liebe Christi zu uns und in unserer Liebe sichtbar geworden ist, niemals durch die Ursachen für Zerstörung besiegt werden kann.

Daher stimmen wir trotz aller Gefahren, trotz Zerstörung und Extremismus, von denen wir umgeben sind, mit Glaube, Hoffnung und Liebe in den Lobpreis der Engel ein: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.“ Trotz der Tragödien, die auf der Welt geschehen, und der Armut, unter der die Vertriebenen leiden und in der die Familien der Märtyrer leben, erfahren wir an diesem Fest eine tiefe Freude, die einen besonderen Frieden mit sich bringt, den uns niemand auf der Welt anbieten kann: ein göttlicher Friede, der uns spüren lässt, dass Gott uns liebt und möchte, dass wir Ihm gehören.

An Weihnachten entdecken wir, dass Gottes Liebe zur Menschheit groß und unendlich ist, eine Liebe, die nicht zu ermessen ist und die nicht besiegt werden kann. Diese Liebe ist sichtbar geworden in einem Kind, geboren von einer Jungfrau und Mutter, die Gott von unserem Erdboden und aus unserer Menschheit erwählt hat. Derjenige, der im Übermaß Seiner Liebe das Universum und alles, was ist, geschaffen hat, wollte auf unkonventionellem Wege zum Menschen kommen, um Seiner Schöpfung nahe zu sein. Das ist das Geheimnis von Weihnachten und von Jesus Christus, der durch sich die göttliche Natur mit der menschlichen Natur vereint hat, durch den Heiligen Geist, der in der Jungfrau Maria Wohnstatt genommen hatte.

Christi Geburt vertreibt den Hass in unseren Herzen

Wie jedes Jahr werden wir mit der Geburt Jesu Christi neu geboren. Wenn wir also Dunkelheit in unserer Seele erfahren, so wird die Geburt Christi sie zerstreuen. Wenn wir Zweifel verspüren, wird die Geburt Christi sie zerstreuen. Wenn wir Hass in unserem Herzen haben, wird die Geburt Christi ihn vertreiben; und wenn wir uns fürchten, lasst uns auf die Stimme Christi hören, der zu uns sagt: „Fürchtet euch nicht!“ Die Evangelisten beschreiben Jesus Christus als das Licht der Welt, das Licht, das die Dunkelheit vertreibt, weil die Dunkelheit Ihn nicht erfasst. Wenn es Dunkelheit in unseren Herzen gibt, lasst uns dem Licht Jesu erlauben, sie mit seinem Licht, seiner Güte und seinen Worten zu vertreiben. Wenn wir Leere in unserem Inneren verspüren, lasst uns Ihm erlauben, uns mit Kraft und Hoffnung zu erfüllen. Wenn wir uns einsam und von der Welt verlassen fühlen, lasst uns daran denken, dass Christus Mensch geworden ist, unter uns gewohnt und mit uns gelebt hat.

Lasst uns Ihm erlauben, in unserem Haus sein Zelt aufzuschlagen, so dass wir uns seiner Freundschaft, Kameradschaft und Brüderlichkeit erfreuen können. Lasst uns zu diesem Kind, das aus der Höhe kommt, beten, der Welt Frieden zu gewähren, vor allem dem Libanon, Syrien, Irak, Ägypten und Palästina, wo Menschen bluten und Konflikte sie untereinander spalten, selbst Brüder und Schwestern.

Lasst uns beten, dass Jesus dem Blutvergießen ein Ende setzen möge, so dass alle Bürger zusammenarbeiten, um Gerechtigkeit und Würde zu erlangen, wie Gott es für alle Menschen wünscht. Möge das Kind in der Krippe alle segnen, die unsere Bemühungen und die wohlwollenden Bestrebungen fördern, der Menschheit den Geist der Brüderlichkeit einzuflößen, auf dass die Erde, auf der Jesus wandelte, wieder ein Land wahrer Liebe und wahren Friedens werde.

Mit diesen Worten wünsche ich allen Lesern der „Tagespost“ ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest. Bitte vergessen Sie Ihre Brüder und Schwestern im Nahen Osten nicht. Beten Sie für sie, und helfen Sie ihnen, im nächsten Jahr ein glücklicheres Weihnachtsfest zu haben.

Der Autor ist melkitischer Erzbischof von Zahle im Libanon. Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Reimüller.