„Wir brauchen neue Allianzen“

Auf Einladung der „Christdemokraten für das Leben“ (CDL) sprach der umstrittene Publizist David Berger in Berlin über Gender und Meinungsfreiheit. Von Tobias Klein

David Berger erläutert „gender-gerechte“ Schreibweisen. Links im Bild Stefan Friedrich, Landesvorsitzender der CDL Berlin. Foto: Klein
David Berger erläutert „gender-gerechte“ Schreibweisen. Links im Bild Stefan Friedrich, Landesvorsitzender der CDL Berli... Foto: Klein

David Berger war Schriftleiter der Zeitschrift „Theologisches“ und Lektor der Glaubenskongregation, ehe er sich 2010 öffentlichkeitswirksam als homosexuell outete, dadurch zeitweilig zu einer Ikone der Schwulenbewegung wurde und sich als Kritiker angeblich „homophober“ Strukturen in der katholischen Kirche profilierte. In jüngster Zeit vertritt der Publizist Berger jedoch zunehmend konservative Positionen, was 2015 zu seiner Entlassung als Chefredakteur des Magazins „Männer“ führte und ihn insgesamt zu einer Reizfigur in der homosexuellen Szene macht.

Dass Berger nun am Mittwochabend mit einem Vortrag über Gender Mainstreaming und Meinungsfreiheit beim Berliner Landesverband der „Christdemokraten für das Leben“ (CDL) auftrat, wurde folgerichtig seitens der LGBT-Community sehr kontrovers aufgenommen. Nach einer Reihe von Beschimpfungen und Drohungen gegen Berger in den sozialen Netzwerken musste ein störungsfreier Verlauf der Veranstaltung in der Berliner CDU-Landesgeschäftsstelle durch Polizeischutz sichergestellt werden. Der CDL-Landesvorsitzende Stefan Friedrich betonte in seiner Begrüßungsansprache, zwar teile er David Bergers Kritik an der katholischen Kirche ausdrücklich nicht, schätze ihn ansonsten aber als Gesprächspartner. Einig sei man sich insbesondere in der Kritik an der Gender-Ideologie und in der Sorge um die Meinungsfreiheit – zwei Themen, die „mehr miteinander zu tun haben, als man denken könnte“, so David Berger.

Zum Begriff des „Gender Mainstreaming“ merkte Berger an, eine Unterscheidung zwischen biologischem Geschlecht („sex“) und sozialem Geschlecht („gender“) sei an sich durchaus sinnvoll. Der Fehler der Gender-Ideologen bestehe jedoch darin, „sex“ und „gender“ nicht nur unterscheiden, sondern voneinander trennen zu wollen und das biologische Geschlecht letztlich für irrelevant zu erklären. Damit werde die Natur des Menschen – „das, was ihm vor aller gesellschaftlichen Prägung eigen ist“ – negiert und die Persönlichkeit des Menschen als etwas beliebig Formbares betrachtet, was letztlich das Konzept der Menschenwürde fundamental in Frage stelle. Inzwischen strebten Vordenker der Gender-Ideologie wie Judith Butler offen eine „postgender society“, eine geschlechtslose Gesellschaft, an; ihr Ideal sei der „genderfluide“, nicht auf ein Geschlecht festgelegte Mensch. Für ihn als schwulen Mann sei dies unannehmbar, so Berger: „Ich dürfte demnach eigentlich gar kein Mann mehr sein und auch keinen Mann begehren.“ Auch unter Feministinnen und Transsexuellen wachse allmählich die Erkenntnis, dass solche „Postgender“-Konzepte ihren Anliegen nicht gerecht werden.

Die Verbindung zum Thema Meinungsfreiheit stellte David Berger durch die Bemerkung her, die Gender-Doktrin dulde keinerlei Kritik: „Wer die Gender-Theorie in Frage stellt, gilt automatisch als rechtspopulistisch bis rechtsradikal, sexistisch und homophob.“ Eine bedenkliche einseitige Verengung des als akzeptabel geltenden Meinungsspektrums sei allerdings auch in anderen Bereichen zu beobachten – etwa beim Thema Islamkritik. „Wer etwas gegen den Papst sagt, ist ein mutiger Religionskritiker; wer etwas gegen den Islam sagt, ist ein rechtspopulistischer Hetzer.“ Gerade als schwuler Mann habe er für diese Auffassung kein Verständnis – schließlich stelle der radikale Islam eine weit größere Bedrohung für die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität dar als die katholische Kirche.

Unscharfe Begriffe wie „rechtspopulistisch“ und „homophob“ würden vielfach als Etiketten genutzt, um Vertreter unliebsamer Meinungen mundtot zu machen, kritisierte Berger. In diesem Zusammenhang bezeichnete er die von Bundesjustizminister Heiko Maas geförderte „Initiative für Zivilcourage online“ als Versuch, „das Internet zu zensieren und unter Kontrolle zu bringen“; es sei bezeichnend, dass mit Anetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung eine ehemalige Stasi-Mitarbeiterin eine Schlüsselrolle in dieser Initiative spiele. Wer gegen nicht näher spezifizierte Facebook-Richtlinien verstoße, dem könne es ergehen wie Josef K. in Franz Kafkas Roman „Der Prozess“: Er werde verurteilt, ohne überhaupt zu erfahren, was ihm vorgeworfen wird. Gleichwohl betonte Berger, in den sozialen Netzwerken herrsche vielfach ein Klima von Hass und Gewalt, das keinesfalls hingenommen werden dürfe – „egal, gegen wen es sich richtet“.

Auf Fragen nach seiner Haltung zum Thema Lebensschutz sagte Berger, er sei nie ein Befürworter einer weitgehenden Legalisierung von Abtreibung gewesen; zwar habe er 2012 an einer Gegendemonstration des Lesben- und Schwulenverbands LSVD gegen den „Marsch für das Leben“ teilgenommen, jedoch nur, um ein Zeichen gegen Homophobie zu setzen. Die Erkenntnis, dass auf dem „Marsch für das Leben“ überhaupt keine homophoben Thesen vertreten wurden, und die extreme Aggressivität vieler Gegendemonstranten hätten ihn veranlasst, sich in den folgenden Jahren nicht mehr an Aktionen gegen den Marsch zu beteiligen. Der verbreiteten Auffassung, wer homosexuell sei, müsse automatisch auch für grenzenlose Liberalisierung von Abtreibung eintreten, widersprach Berger entschieden. Insbesondere die Möglichkeiten gezielter Selektion menschlichen Lebens durch Pränataldiagnostik bezeichnete er als Angriff auf die Menschenwürde; es sei nicht undenkbar, dass sich eine derartige Selektion auch gegen Homosexuelle wenden könne.

Übereinstimmend resümierten David Berger und Stefan Friedrich, im Sinne einer demokratischen Diskussionskultur und im Interesse des Einsatzes für Menschenwürde und Menschenrechte sei es notwendig, auch über weltanschauliche Grenzen hinweg „ohne Berührungsängste“ miteinander zu kommunizieren – ohne dabei Differenzen in anderen Fragen zu ignorieren oder herunterzuspielen. „Wir brauchen neue Allianzen“, unterstrich David Berger.