„Wir brauchen Versöhnung durch internationale Hilfe“

Jesuitenpater Samir Khalil Samir über Lage in Syrien. Von Michaela Koller

Fordert eine Friedensmission unter internationaler Beteiligung. Auch Russland muss daran beteiligt sein, meint Pater Samir Khalil. Foto: sb
Fordert eine Friedensmission unter internationaler Beteiligung. Auch Russland muss daran beteiligt sein, meint Pater Sam... Foto: sb
Lange Jahrhunderte beeindruckte die konfessionelle Vielfalt Syriens. Der syrische Religionswissenschaftler Waseem Haddad spricht davon, dass die Religionsgemeinschaften eher nebeneinander als miteinander lebten. Wie haben Sie das beobachtet?

Ja, so war es wie es vielfach so ist. Nebeneinander leben heißt auch, nicht voneinander getrennt zu wohnen. Die Jesuiten in Damaskus haben zum Beispiel ein Apartment. Die anderen in dem Haus sind alle Muslime. Ein kurzer Gruß zwischen Nachbarn, oder gelegentlich einen Kaffee zusammen trinken, das ist normal. Das bedeutet, dass es keinen Kampf und keine Feindlichkeit unter den Religionen gibt. Auch zwischen Christen ist das nicht wesentlich anders. Der Umgang war freundlich. Um mehr zusammen zu machen, muss man ein gemeinsames Projekt haben. Auch jetzt geht es sicherlich nicht um einen Kampf zwischen Muslimen und Christen. Syrien war bislang ein säkularer Staat, die Religion mehr eine private Angelegenheit. Inzwischen gibt es aber Fanatiker, die aus dem Ausland nach Syrien gekommen sind.

Der Assad-Clan gehört ja den Alawiten an, die nur etwa zehn Prozent der Bevölkerung stellen. Wenn der Schutz der religiösen Minderheiten fällt, dann werden es vor allem sie zu spüren bekommen. Welche Rolle spielen die Alawiten?

Sie gehörten lange zu den unteren Schichten. Seit Hafiz al-Assad 1970 an die Macht kam, sind sie schnell aufgestiegen. Sie sind überproportional in der Baath-Partei und in der Armee vertreten. Das heißt, dass sie herrschen. Sie wissen, dass dies jetzt genug ist. Die Frage ist nun, wie können sie von dieser Position zurückweichen, ohne dass sie aus Rache getötet werden. Deshalb sage ich: Wir brauchen eine Versöhnung durch internationale Hilfe.

Nun haben die Syrer zehntausende Tote zu beklagen und Hunderttausende von ihnen sind auf der Flucht. Einer Meldung zufolge ist in Homs Ende Oktober der letzte im Zentrum der Stadt verbliebene Christ getötet worden. Was haben Sie von der humanitären Katastrophe mitbekommen?

Es handelt sich wirklich um eine humanitäre Katastrophe. Am Anfang war es allein das Regime, das unvergleichliche Gewalt anwandte. Aktuell sind es alle Seiten, beide Lager, die gleichermaßen grausam gegen den sogenannten Feind vorgehen. Die Zahl der syrischen Flüchtlinge, die aus Syrien insbesondere in die Türkei, nach Jordanien und in den Libanon geflohen sind, wird auf mehr als eine Million geschätzt. Diejenigen, denen die Flucht nicht gelungen ist, leben in Angst und bisweilen in Schrecken. In vielen Fällen stehen sie stundenlang für Brot Schlange, ohne welches zu bekommen.

Unser Jesuitenhaus in Homs bleibt noch. Es gibt dort noch einen Pater, ein Niederländer, der bleibt. Die Menschen kommen alle zu ihm. Wenn er kein Essen hat, dann bringen sie ihm etwas. Wenn er etwas hat, dann teilt er es mit den Armen. Dort halten die Menschen zusammen. Im Leid ist die Solidarität am stärksten.

Was kann Europa jetzt tun?

Wir brauchen eine Friedensmission unter internationaler Beteiligung. Wenn es nur von Europa und den USA ausgeht, wird es als einseitig angesehen. Auch Russland muss daran beteiligt sein, weil man ja weiß, dass es der syrischen Regierung näher steht. So kann man zeigen: Sie versuchen nicht, ihre Seite zu verteidigen, sondern alle suchen nach einer gemeinsamen Lösung. Es geht um eine Macht, die beiden Konfliktseiten sagt: Jetzt stoppt! Die Syrer allein schaffen es nicht mehr: In beiden Lagern ist zu viel Blut geflossen.

Vielen Befürchtungen zum Trotz hat es der Libanon bisher geschafft, sich nicht in den Konflikt mithineinziehen zu lassen....

Es haben verschiedene Länder Interessen in dieser Auseinandersetzung, weswegen natürlich die Gefahr einer Ausweitung besteht. Zwischen Alawiten und Sunniten haben bereits Kämpfe in Tripoli stattgefunden. Alle Vernünftigen aber wollen, dass es nicht zu einem Regionalkonflikt auswächst. Die libanesische Armee ist sehr gut vorbereitet und das Land ist bereit, seine Grenzen zu verteidigen. Der Konflikt ist syrisch und muss dies bleiben.

Nun ist aber überhaupt die Region instabil: In Ägypten sehen wir in diesen Tagen eine zweite Arabellion. Was ist Ihre Prognose?

Ich bin langfristig optimistisch. Wir wollen keine Diktatur mehr, auch keine islamische Regierung, sondern in die Richtung demokratischer Republiken gehen. Die Islamisten sind noch am besten organisiert und können durch Propaganda Leute gewinnen. Aber die Opposition sagt: Bitte, lassen Sie dies außen vor. Das ist doch ein Zeichen. Aber es wird Jahrzehnte dauern. Wir kommen schließlich aus 60 Jahren Diktatur. Das kann man nicht in zwei Jahren ändern. Wir müssen jetzt hart arbeiten, vor allem auf dem Feld der Bildung.