Wiener Walzerseligkeit

In der Traumwelt der Vorurteile sind nur die Preise ganz real

Von Stephan Baier

Wenn, alle Jahre wieder, das Kommando „Alles Walzer!“ ertönt und sich die Fräcke und Roben in der Wiener Staatsoper im Dreivierteltakt drehen, wenn sich unter Fanfarenklängen die Schönen, die Reichen und jene, die beides gerne wären, im Scheinwerferlicht sonnen, wenn der Bundespräsident noch mehr als sonst Kaiser spielen darf und sich mit ordensgeschmückten Ehrengästen in der feinsten Loge ausstellt, dann ist Opernball. Dann schaut die Welt zu und darf sich in ihren Vorurteilen bestätigt fühlen, denen zufolge die Österreicher tanzen, wenn sie nicht gerade im Kaffehaus große Literatur schaffen oder Skirennen gewinnen.

Baumeister Richard Lugner, der Jahr um Jahr eine sein eigenes Niveau noch unterbietende Schönheit in seine Loge zukauft, gehört längst ebenso zum Opernball und seinen Klischees wie die Aufregung über Lugner und seine gemieteten Stars. In Wien ist notfalls auch Platz für Menschen, die so exhibitionistisch sind, dass sie die eigene Verdauung via Magen- und Darmsonde direkt im Fernsehen übertragen lassen. Wird Lugner diskriminiert, wenn er eine schlechte Loge bekommt oder seine Ballkosten nicht von der Steuer absetzen darf? Das sind Fragen, mit denen sich nur ein glückliches Volk beschäftigen kann.

Und glücklich, ja walzerselig will Wien doch wirken, wenn alle zusehen, vom bayerischen bis zum chinesischen Staatsfernsehen. Ist jenes Kleid zu eng und dieses zu transparent? Ist hier ein Dekolleté zu gewagt und dort ein Frack zu alt? Warum diese Dame bei jenem Herrn und woher die Schweißperlen auf seiner Stirn? Das bewegt. Mit der österreichischen Wirklichkeit hat das so viel zu tun wie das „goldene Wiener Herz“. Aber wen interessiert schon die Wirklichkeit? Elf Millionen Euro bringt der Ball der Wirtschaft. Das ist doch Wirklichkeit genug.