Wiederverheiratete: Papst will Sakramente im Einzelfall

Franziskus lässt Bischöfe das achte Kapitel von „Amoris laetitia“ erklären und bestätigt deren Interpretation als richtig. Von Guido Horst

Argentiniens Bischöfe: Auch ein Klima des Verstehens und der Offenheit darf keine „Verwirrung hinsichtlich der Lehre der Kirche über die unauflösliche Ehe“ schaffen. Foto: KNA
Argentiniens Bischöfe: Auch ein Klima des Verstehens und der Offenheit darf keine „Verwirrung hinsichtlich der Lehre der... Foto: KNA

Rom (DT) Zum ersten Mal hat Papst Franziskus eine verbindliche Interpretation des achten Kapitels des nachsynodalen Schreibens „Amoris laetita“ vorgelegt. Er wählte dabei den Weg, einen Brief der Bischöfe der Region Buenos Aires vom 5. September ausdrücklich zu bestätigen, in dem diese ihren Priestern in zehn Punkten darlegen, wie in der Pastoral mit in irregulären Beziehungen lebenden Personen umzugehen ist. Franziskus benutzte dazu die Formulierung, das Schreiben der Bischöfe der Seelsorgeregion Buenos Aires sei „sehr gut und erkläre umfassend der Sinn des achten Kapitels von ,Amoris laetitia‘. Es gibt keine anderen Interpretationen.“ Er sei sicher, dass der Brief „sehr gut tun wird“. In ihrer Ausgabe vom 13. September hat die Vatikanzeitung „L'Osservatore Romano“ über den Briefwechsel zwischen dem Papst und den argentinischen Bischöfen berichtet. Die von Franziskus gewünschte Interpretation des besagten achten Kapitels ist somit so gut wie offiziell.

Damit endet jetzt ein Tauziehen über die Frage, wie vor allem die Abschnitte des nachsynodalen Schreibens zu verstehen seien, die sich auf den Empfang der Sakramente beziehen, wenn es um die Begleitung von wiederverheirateten Geschiedenen und anderen Paaren in einer irregulären Beziehung geht. Artikel 305 von „Amoris laetitia“ führt in Verbindung mit Anmerkung 351 aus, dass Gläubige „mitten in einer objektiven Situation der Sünde... aufgrund... mildernder Faktoren... im Leben der Gnade und der Liebe wachsen“ können und hierzu die „Hilfe der Kirche“ notwendig sei, zu der „in gewissen Fällen... auch die Hilfe der Sakramente“ gehören könnte. Noch auf dem Rückflug von der Insel Lesbos im vergangenen April hatte der Papst auf die Frage, ob sich mit „Amoris laetitia“ in der Praxis etwas geändert habe, gesagt: „Ich könnte sagen: Ja – und basta. Aber das wäre eine zu enge Antwort. Ich empfehle Ihnen allen, die Präsentation zu lesen, die Kardinal Schönborn gehalten hat, der ein großer Theologe ist.“ Dieser hatte bei der Vorstellung des Schreibens im Vatikan gesagt, „Amoris laetitia“ hebe die Unterscheidung zwischen regulären und irregulären Beziehungen auf und der Papst sehe in Einzelfällen die Möglichkeit, in irregulären Beziehungen lebenden Menschen die Sakramente zu spenden. Das hatte für Widerspruch gesorgt und auch Glaubenspräfekt Gerhard Kardinal Müller erklärte später im spanischen Oviedo, das neue Papstschreiben sei im Licht der bisherigen Verkündigung der Päpste in Sachen Ehemoral zu lesen und somit ergebe sich für die seelsorgliche Praxis der Kirche keine Änderung. Seither läuft das Konzert der unterschiedlichen Interpretierungen und Meinungen, das Franziskus nun beenden wollte.

„Frucht der Arbeit und des Gebets der ganzen Kirche“

Die Anwendungsbestimmungen der Bischöfe des Großraums Buenos Aires geben „Amoris laetitia“ so wieder, dass eine Zulassung zu den Sakramenten keine allgemeine „Erlaubnis“ sein könne, sondern nur das Ergebnis eines Unterscheidungsprozesses im Einzelfall, der durch einen Geistlichen „persönlich und pastoral“ begleitet wird. Es sei ein Weg, bei dem der Seelsorger „den Akzent auf die grundsätzliche Verkündigung, das Kerygma, legen müsse, was die persönliche Begegnung mit Christus anregt oder erneuert“. Diese pastorale Begleitung erfordere vom Priester, „das mütterliche Angesicht der Kirche“ zu zeigen. Ein solcher Weg ende „nicht notwendigerweise bei den Sakramenten“, vielmehr könne er auch zu einer anderen Teilhabe am Leben der Kirche führen: einer stärkere Anwesenheit in der Gemeinde, die Teilnahme an Gebetsgruppen oder die Mitwirkung bei den verschiedenen kirchlichen Diensten. Der Brief der argentinischen Bischöfe liegt bisher nur in spanischer Sprache vor und wurde unter anderem von dem italienischen vatikannahen Internetdienst „Il sismografo“ veröffentlicht. Die amerikanische Lebensschutz-Homepage LifeSite hat eine eigene Übersetzung des Papstbriefs und des Dokuments der argentinischen Bischöfe ins Englische veröffentlicht.

Weiter heißt es in dem Brief der Bischöfe an die Priester, wiederverheirateten Geschiedenen sei nach Möglichkeit ein Zusammenleben in sexueller Enthaltsamkeit nahezulegen. Dabei müsse man die Möglichkeit des Zugangs zum Sakrament der Versöhnung offen lassen, wenn das Paar bei der Einhaltung dieses Vorsatzes scheitere. Die Enthaltsamkeit eines Paares von wiederverheirateten Geschiedenen stelle aber nicht immer eine praktikable Lösung dar. Wenn etwa die Schuld des Betreffenden eingeschränkt sei oder ein Schaden für die Kinder aus der neuen Beziehung drohe, eröffne „Amoris laetitia“ die „Möglichkeit des Zugangs zu den Sakramenten der Versöhnung und der Eucharistie“, so die Bischöfe. Die Sakramente seien eine Hilfe, weiter mit der Kraft der Gnade zu reifen und zu wachsen. Dies sei jedoch weder als unbeschränkter Zugang zu den Sakramenten zu verstehen, noch in jeder Situation gerechtfertigt. Eine Rolle spiele beispielsweise die Dauer der neuen Bindung, wiederholtes Scheitern von Beziehungen oder die Bewertung der eigenen Lebenssituation. Man müsse die Personen dahin führen, „sich mit ihrem Gewissen vor Gott zu stellen“, besonders „was ihr Verhalten gegenüber den Kindern oder gegenüber dem verlassenen Ehepartner betrifft“.

Wichtig sei eine Gewissensprüfung der Betreffenden. Im Fall von „nicht gelösten Ungerechtigkeiten“ sei ein Sakramentenempfang „besonders anstoßerregend“. Auch könne angeraten sein, dass der Zugang zu den Sakramenten „auf diskrete Weise“ geschehe, vor allem wenn Konflikte zu erwarten seien. Auch ein Klima des Verstehens und der Offenheit dürfe keine „Verwirrung hinsichtlich der Lehre der Kirche über die unauflösliche Ehe“ schaffen.

Die Tatsache, dass das bestätigende Reskript des Papstes ebenfalls das Datum vom 5. September trägt, zeigt, dass es sich um eine abgesprochene Aktion handelt, mit der die Debatte um die unterschiedlichen Auslegungen von „Amoris laetitia“ beendet werden soll. In dem kurzen Schreiben genügen Franziskus wenige Worte, um den Anwendungsbestimmungen der argentinischen Bischöfe Autorität zu verleihen: Er bedankt sich bei den Bischöfen, deren Brief „ein wahres Beispiel für die Begleitung der Priester“ sei. Es folgt der bereits eingangs zitierte Satz, dass das bischöfliche Schreiben umfassend den Sinn des achten Kapitels von „Amoris laetitia“ erkläre und es keine anderen Interpretationen gebe. Was die Bischöfe beschrieben, sei „ein Weg der Annahme, der Begleitung, der Unterscheidung und der Integration“. Und: „Wir wissen, dass das mühsam ist, es ist eine Pastoral ,Körper an Körper‘, für die keine programmatischen, organisatorischen oder legalen Vermittlungen ausreichen, auch wenn diese notwendig sind.“ Abschließend bekräftigt Franziskus nochmals, „Amoris laetitia“ sei die „Frucht der Arbeit und des Gebets der ganzen Kirche, mit der Vermittlung zweier Synoden und des Papstes“.