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Wie jüdisch ist Israel?

Jüdischer Staat oder Staat des jüdischen Religionsgesetzes? Ein Gespräch mit Tomer Persico.

Jüdischer Alltag in Jerusalem
Jüdischer Alltag in Jerusalem: Religiöse und säkulare Juden leben nebeneinander. Foto: dpa

Herr Persico, im vergangenen Jahr hat sich Israel durch ein Grundgesetz als jüdischer Staat definiert, indem festgelegt wurde, dass „das Recht auf nationale Selbstbestimmung im Staat Israel einzigartig für das jüdische Volk ist“. Seit über zehn Jahren ist Benjamin Netanyahu durch die Unterstützung der national-religiösen und ultra-orthodoxen Parteien Premierminister, aber die politische Krise, die seit über einem Jahr in Israel herrscht und zu zwei Neuwahlen geführt hat, ohne dass bisher eine Regierung gebildet werden konnte, ist bestimmt durch den Wahlkampfslogan „Ein jüdischer Staat, kein Staat des jüdischen Religionsgesetzes“. Gab es jemals in der Geschichte Israels einen politischen Konsens über die jüdische Identität des Staates Israel?

Es gab nicht nur keinen Konsens, sondern diese Frage wurde kontrovers diskutiert, ohne dass ein eindeutiges Ergebnis erzielt wurde. Vielleicht wird im Grundgesetz Israel deshalb nicht als jüdischer Staat, sondern als „Nationalstaat des jüdischen Volkes“, und nur des jüdischen Volkes, definiert. Seit dem 18. Jahrhundert ringen Juden darum, ihre Tradition neu zu erfinden und modern zu rekonstruieren. So entstanden orthodoxe, reformierte und andere jüdische „Konfessionen“. Andere definierten ihre Tradition im Sinne des modernen Nationalismus neu – so entstand der säkulare Zionismus. Einige entschieden sich, Modernität abzulehnen und eine totalistische, getrennte jüdische Identität zu schaffen – dies war der Anfang der Ultra-Orthodoxie.

Was verbindet diese verschiedenen Arten der jüdischen Identität heute in Israel?

"Patriotisch, nationalistisch zu sein und so
zum „Volk“ dazuzugehören, [..] wird für viele
zu einem zentralen und beliebten
Weg, ihr Judentum zu definieren"

Was wir heute sehen, ist, dass sich der Nationalismus zunehmend in andere Arten jüdischer Identität einmischt. Patriotisch, nationalistisch zu sein und so zum „Volk“ dazuzugehören, sich um das jüdische Volk zu kümmern, wird für viele zu einem zentralen und beliebten Weg, ihr Judentum zu definieren.

Benjamin Netanyahu ist nun der am längsten amtierende Premierminister in der Geschichte Israels – und er nennt die national-religiösen und ultra-orthodoxen Parteien seine „natürlichen Koalitionspartner“. Ist Israel in seiner Regierungszeit „jüdischer“ geworden?

Bereits seit den 1990er Jahren ist Israel Schauplatz gegensätzlicher sozialer Strömungen, die das „Judentum“ des Staates verstärkt haben. Der israelisch-jüdische Nationalismus, der als ethnischer Nationalismus das jüdische Volk stärkt, legt den Schwerpunkt auf die kollektive Kultur, die Sicherheit und das Wohlergehen des jüdischen Volkes, und verwandelt sich an seinen extremen Enden in die Idee der jüdischen Überlegenheit, die dem jüdischen Volk die größte Bedeutung beimisst. Die liberale Strömung, die eine jüdische Privatisierung der Tradition bedeutet, macht die israelische Gesellschaft auch „jüdischer“, und zwar aus dem einfachen Grund, weil säkulare Juden, die sich einst ihrer Tradition entfremdet hatten, sich nun wieder mit ihr beschäftigen und ihre jüdische Identität auf eine tiefere, fundiertere Weise neu gestalten.

Stehen sich diese beiden Strömungen konträr gegenüber?

Der israelische Gelehrte Tomer Persico
Tomer Persico ist einer der führenden Gelehrten Israels zum Thema Säkularisierung. Er gehört dem Shalom-Hartmann-Institu... Foto: Emil Salman

In Israel geht die Hinwendung zum jüdischen Ethno-Nationalismus mit einer Verstärkung individualistischer Äußerungen des Judentums und damit mit einer Bewegung zur Liberalisierung der Öffentlichkeit einher. Auf der einen Seite sehen wir also den Aufstieg der extremen Rechten und auf der anderen Seite die zunehmende Unterstützung für die Ermöglichung der Zivilehe und sogar der LGBT-Ehe in Israel über die politischen Grenzen hinweg. Man kann also durchaus sagen, dass Israel jüdischer geworden ist, da der politische und soziale Diskurs mit dem Gespräch über das jüdische Volk und die jüdische Tradition durchdrungen ist, aber wir müssen verstehen, dass dieser Entwicklung sowohl eine nationalistische als auch eine privatisierte, liberale Tendenz innewohnt.

Es ist auffallend, dass weder der amtierende Premierminister Benjamin Netanyahu noch sein Herausforderer Benny Gantz, der nun vom Präsidenten das Mandat zur Regierungsbildung übertragen bekommen hat, eine Kippa tragen.

Die Rolle des Judentums ist in der israelischen Gesellschaft gewachsen – aber das bedeutet nicht, dass die Bedeutung der Halacha, des jüdischen Religionsgesetzes, zugenommen hat. Für die meisten Israelis ist das Judentum durch Nationalismus und/oder maßgeschneiderte individualistische - kulturelle, intellektuelle oder spirituelle – „Judentümer“ definiert. Weder für die einen noch die anderen ist die Halacha ein zentraler Aspekt. Sondern ganz im Gegenteil: Sie sind sozusagen müde von ihr und fürchten gleichzeitig ihre Autorität. Nationalisten wollen nicht, dass die Halacha ihr Projekt des Staats- und Gesellschaftsaufbaus behindert, und der Einzelne sieht durch die Halacha seine Autonomie bedroht. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die sogenannten „säkularen Juden“, die der Großteil der Wahlberechtigten sind, keinen religiösen Politiker als Premierminister wählen.

Wie stehen die beiden potenziellen zukünftigen Premierminister persönlich und als Politiker zum Judentum?

"Netanjahu ist völlig säkular –
einige sagen auch, er sei ein Atheist"

Gantz ist in einer traditionell-religiösen Familie aufgewachsen. Netanjahu ist völlig säkular – einige sagen auch, er sei ein Atheist. Aber er hat natürlich keine Bedenken, in seinen öffentlichen Ansprachen traditionelle und religiöse Sprache zu verwenden und religiöse Symbolik zu benutzen, um den Ethno-Nationalismus zu stärken. Gantz hingegen ist derjenige, der darauf bestanden hat, mutig über liberale Reformen zu sprechen, die im Bereich des Verhältnisses zwischen Religion und Staates notwendig sind.

Die Mehrheit der jüdischen Wahlberechtigten in Israel definiert sich selbst auf Hebräisch als „Chiloni“. Diese Bezeichnung wird häufig als „säkular“ übersetzt. Was genau bedeutet es, wenn sich jüdische Israelis so bezeichnen?

Die Frage „Sind sie religiös?" hat in Israel eine andere Bedeutung als in christlichen Ländern. Sie wird in Israel zugespitzt verstanden auf die Frage: „Halten Sie sich an die Halacha?" Das israelische Judentum, wie bereits erwähnt, ist eine Mischung aus Religion, Kultur, ethnischer Identifikation und Nationalismus. Diese Mischung wird für verschiedene Juden unterschiedlich quantifiziert, hat aber meist alle diese Komponenten als Teil ihrer jüdischen Identität. „Säkulare“ Juden mögen ihre Identität auf ethnisches Bewusstsein und Nationalismus gründen, aber glauben auch an religiöse Grundsätze. Sie halten jedoch die Halacha nicht im Sinne der Orthodoxie ein und sind somit in ihrer eigenen Selbstdefinition nicht „religiös“.

In Israel ist alles das, was die jüdische Religion betrifft, durch das orthodoxe Judentum definiert. Wie sehen das orthodoxe Judentum oder die ultra-orthodoxen Parteien in Israel das Verhältnis von Staat und Religion?

"Die Gesellschaft hat sich verändert
und will heute viel mehr Freiheit
und Autonomie, als es das Gesetz erlaubt"

Was wir in Israel „den religiösen und staatlichen Status Quo“ nennen, basiert auf einem Abkommen zwischen Israels erstem Premierminister David Ben Gurion und den Ultra-Orthodoxen. Es wurde bereits 1947, etwa acht Monate vor der Staatsgründung, verfasst und hat nach wie vor Einfluss auf das Recht in Israel. Deshalb gibt es in Israel momentan unter anderem keine zivile Eheschließung. Aber die Gesellschaft hat sich verändert und will heute viel mehr Freiheit und Autonomie, als es das Gesetz erlaubt. So hat sich zum Beispiel der Sabbat seit den 1990er Jahren stark verändert – es gibt Supermärkte, Einkaufszentren und Kinos, die am Sabbat im ganzen Land (manchmal auch gegen geltendes Gesetz), sogar in Jerusalem, geöffnet sind.

Wie reagieren die orthodoxen Politiker und die ultra-orthodoxen Parteien darauf?

Offensichtlich gefällt dem orthodoxen Judentum diese Entwicklung nicht, und seine Vertreter im Parlament haben immer wieder versucht, die Situation wieder so zu regeln, wie sie war. Dies wiederum macht einen großen Teil der säkularen Öffentlichkeit wütend, und Sie können jetzt den Reiz für die Wähler von Gantz' Rede über ein liberaleres Verhältnis zwischen Religion und Staat verstehen, und warum Netanjahu durch seine enge Bindung an seine „natürlichen Koalitionspartner“, die Ultraorthodoxen, in den Augen vieler Wähler negativ belastet ist.

Die rechtsgerichteten und die religiösen Parteien besitzen im israelischen Parlament, der Knesset die absolute Mehrheit. Doch durch den Streit über die Wehrpflicht für Talmudstudenten und Fragen der Sabbatobservanz verläuft ein größer werdender Riss durch dieses politische Lager, das bisher die Regierung formierte. Ist dieser Riss noch überbrückbar?

Die Kluft zwischen säkularen (das heißt nationalistischen) und religiösen (das heißt halachischen) Juden ist seit dem 19. Jahrhundert vorhanden und ist eine der wenigen grundlegenden Konfliktlinien in der israelischen Gesellschaft. Wenn es keine dramatische Veränderung unserer Gesellschaft gibt, wird sie nie überwunden werden. Sie kann natürlich in den Hintergrund treten und andere Themen in den Mittelpunkt der Politik treten lassen. Aber ab und zu spürt die säkulare Öffentlichkeit in Israel, dass sie zu sehr unter religiösem Zwang leidet. Das ist es, was im September bei den letzten Wahlen geschehen ist, und warum Netanyahu, obwohl die Mehrheit der jüdischen Israelis Mitte-Rechts oder rechtsgerichtet ist, keine Regierung bilden kann. Solange dies als oberste Agenda beibehalten wird, hat die Mitte-Links eine Chance, die nächste Regierung zu bilden. Aber die Situation ist sehr anfällig und kann sich natürlich schnell ändern.

Dr. Tomer Persico ist einer der führenden israelischen Gelehrten zum Thema Säkularisierung. Er gehört dem Shalom-Hartmann-Institut an und lehrt momentan als Gastprofessor auf dem Koret-Lehrstuhl am Institut für jüdisches Recht und Israel-Studien an der Universität in Kalifornien, Berkley.

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