Wie in alten Zeiten

Die Dämme sind gebrochen: Es flutet wieder fröhlich die Papstkritik

Von Guido Horst

Aus Rinnsalen wurde schnell ein Bach, dann sofort ein Strom, bis alle Dämme brachen: Der Druck muss übergroß gewesen sein! Aber jetzt darf wieder geschossen werden. Vier entsetzlich lange Jahre war es politisch unkorrekt, auf den sterbenden Johannes Paul II. und dann auf den deutschen Papst in Rom einzudreschen. Zähneknirschend musste selbst das Flaggschiff aufgeklärter Kirchenkritik, jenes sattsam bekannte Hamburger Nachrichtenmagazin, dem Ratzinger-Papst Tribute zollen. Theologen bissen in die Schreibtischplatte, Hans Küng gab freundliche Ratschläge und die Briefkasten-Organisation „Wir sind Kirche“ machte nur noch piep. Aus! Vorbei der Alp! Fröhlich flutet erneut die Papstkritik. Alle dürfen wieder lustig draufhauen.

Was hatte der Papst gemacht? Als guter Hirte hat er ein besonders weit entlaufenes Schaf zurückgeholt, begab sich auf steiniges Gelände, von Mitarbeitern nicht immer perfekt abgestützt. Hirte-Sein ist ganz schön schwer, der menschliche Faktor spielt da auch eine Rolle.

Aber schwarze Schafe kann man nur in der heimatlichen Koppel schrubben, was etwa italienischen Medien schnell aufgegangen ist. Denen ist das Tradi-Thema schon längst kein Platz mehr wert. Anders in Los-von-Rom-Deutschland. Mit Lust und Leidenschaft klatscht das Hamburger Magazin die Story vom Blamage-Papst an die Kioske, auch Kirchenmedien dürfen kräftig Honig saugen. Alles wie vor zehn und zwanzig Jahren. Sieht Uta Ranke-Heinemann nicht plötzlich deutlich jünger aus? Auch Hans Küng strotzt nur so vor Kraft. In Glanz und Glorie erhebt die deutsche Nationalkirche ihr altes Haupt. Theologen-Fakultäten sind vom Eise befreit und verfassen die üblichen Pamphlete. Die ersten Bischöfe schleudern Blitze gen Rom. Wie früher! Du gute alte Zeit, da biste wieder!