Würzburg

Wer Politiker sein will, muss Ärger in Kauf nehmen

Wolfgang Bosbach, bis 2017 fast drei Jahrzehnte für die CDU im Bundestag, erläutert in einem Talk mit Pater Nikodemus Schnabel, warum Politik und Religion für ihn entscheidende Antriebskräfte sind.

Wolfgang Bosbach im Gespräch mit Nikodemus Schnabel
Bosbach, obwohl seit der letzten Wahl nicht mehr im Bundestag, ist immer noch präsent in Talkshows, aber auch in über 300 Veranstaltungen pro Jahr. Foto: A4014/_Marius Becker (dpa)

Über Gott und die Welt wollte Pater Nikodemus Schnabel mit Wolfgang Bosbach plaudern. Zu einer Frage, die ohne Zweifel auch in diesen Bereich fällt, hat sich Bosbach bei der Talkrunde, die gestern im Burkardushaus in Würzburg stattgefunden hat, dann aber doch nicht konkret geäußert: der Frage nach dem nächsten Kanzlerkandidaten der Union. Er habe zwar einen Favoriten, doch den Namen wolle er jetzt nicht nennen. Allerdings, so viel verriet Bosbach dann doch, könne er sich vorstellen, dass die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer nicht sich selbst, sondern eine andere Person als Kandidaten ins Rennen bringen könne.

Beliebt aufgrund authentischer Ausstrahlung

Spannend werde es auf jeden Fall. Denn zum ersten Mal in der 70-jährigen Geschichte der Bundesrepublik trete der amtierende Regierungschef nicht mehr an. Helmut Kohl wurde abgewählt, ebenso Gerhard Schröder und Kurt Georg Kiesinger, Helmut Schmidt fiel über ein Misstrauensvotum, Brandt, Erhard und Adenauer traten zurück. Angela Merkel sei die erste Kanzlerin, die freiwillig zum Ende einer Legislaturperiode ausscheiden wolle.

Bosbach, obwohl seit der letzten Wahl nicht mehr im Bundestag, ist immer noch präsent in Talkshows, aber auch in über 300 Veranstaltungen pro Jahr. Die Beliebtheit des Unionspolitikers führte Pater Nikodemus auf dessen authentische Ausstrahlung zurück. Bosbach wirke ehrlich und konsequent, selbst auf die, die nicht zu den Anhängern seiner Partei zählten. Bosbach nutzte den Aufhänger, um einige grundsätzliche Anmerkungen zur politischen Kultur zu machen: "Wer in die Politik geht, der muss wissen, dass es dann mehr Ärger als vorher gibt." Ein Politiker dürfe nie dem Fehler verfallen, es allen recht machen zu wollen. Vielmehr müsse es darum gehen, seine eigene Position klar zu vertreten. Auf lange Sicht würde dies dann auch von denen respektiert, die nicht mit dieser Position übereinstimmen. Allerdings, so betonte Bosbach, habe man es heute mit "einer neuen Politikergeneration zu tun", die sich konfliktscheu zeige. Und schob gleich nach, er wolle nicht sagen, ob dies besser oder schlechter sei, man müsse es aber feststellen.

"Wer in die Politik geht, der muss wissen,
dass es dann mehr Ärger als vorher gibt"
Wolfgang Bosbach

Schließlich machte Bosbach auch eine Anregung, das Wahlsystem zu verändern. Er fände es gut, wenn der Wähler die Möglichkeit hätte, bei der Abgabe seiner Zweitstimme bei der Bundestagswahl, die Parteilisten zu verändern. Warum, so fragte er, solle es nicht möglich sein, durch Vorzugsstimmen, die Personen, die einen hinteren Platz einnehmen, nach vorne zu setzen. Der Wähler habe ja bisher überhaupt keinen Einfluss auf die Listen, deren Zusammensetzung durch die Parteien bestimmt werde. Schließlich machte Bosbach klar, eine Politikverdrossenheit könne er nicht diagnostizieren. Bei den vielen Veranstaltungen, an denen er teilnehme, stelle er vielmehr fest, dass die Menschen sich sehr stark für politische Themen interessierten. Eine Politikerverdrossenheit gebe es da schon eher.

Respekt für die Arbeit der Kanzlerin

Bosbach fand auch Worte des Respekts für die Arbeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Und das obwohl er auch gleichzeitig klar machte, dass er 2017 leichten Herzens nicht mehr für den Bundestag kandidiert habe, da er "mit vielem nicht mehr zufrieden war, ohne dass ich jemandem einen Vorwurf machen würde".  Mit Blick auf die Kanzlerin merkte er an, dass diese eine eindrucksvolle Arbeitsleistung erbringe. In so einem Amt sei man quasi rund um die Uhr im Einsatz. Das gelte es zu würdigen: "Wer das macht, macht es nicht wegen des Geldes, der macht es wegen der Aufgaben."

Wolfgang Bosbach erläuterte schließlich auch, wie er in die Politik gekommen sei. "Bei uns zuhause wurde über zwei Dinge ständig gesprochen: Religion und Politik." So sei er automatisch in die politische Arbeit hineingewachsen. Und auch heute noch seien Politik und Religion die entscheidenden Antriebskräfte für sein Leben, betonte der 67-jährige Katholik, der seit 32 Jahren verheiratet ist und drei erwachsene Töchter hat.

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