Was heißt konservativ? Eine alte Debatte

Was eigentlich konservativ ist, darüber wird schon immer gestritten. Ein Überblick von Sebastian Sasse

Schaut man auf die Geschichte des Konservatismus in Deutschland, dann gibt es vor allem ein Motiv, das sich durch die Jahrhunderte zieht. Es ist die Frage, was denn eigentlich unter konservativ zu verstehen sei. Klar, der Begriff leitet sich aus dem Lateinischen ab, conservare heißt bewahren. Aber da beginnt auch schon das Problem: Was soll bewahrt werden? Ein Versuch, hier Antworten zu finden, sind die sogenannten Bindestrich-Konservatismus: National-Konservatismus, Liberal-Konservatismus oder natürlich auch christlicher Konservatismus. Hier wird versucht, genauer darzustellen, was den jeweiligen Kern ausmacht. Aber auch hier gibt es Schwierigkeiten. Denn alle diese Richtungen können sich überschneiden, sind nicht wirklich sauber voneinander zu trennen.

Freilich das Problem ist auch der größte Vorteil: das Theoriedefizit der Konservativen. Konservative brauchen in der Regel keine Lehrbücher oder politischen Programme, um zu wissen, dass sie tatsächlich konservativ sind. Es ist ein Bauchgefühl: Intuition. Ein Schlüsselwort schon für einen der Gründerväter des Konservatismus: den Briten Edmund Burke (1712–1797). Er, einer der bedeutendsten britischen Parlamentarier der vergangenen Jahrhunderte, formulierte zwar auch kein Programm. Aber er formulierte, vor allem in der kritischen Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution und ihren Folgen, einige Grundeinsichten. Dazu gehört eben auch eine besondere Wertschätzung der Intuition. Man könnte auch sagen: In wirklich kritischen Entscheidungssituationen ist es besser, sich auf dieses Bauchgefühl zu verlassen, als einer abstrakten Theorie zu vertrauen. Das Konkrete hat immer Vorrang. Und im Umgang mit diesen konkreten Problemen hat der Mensch im Laufe der Geschichte Erfahrungen gesammelt. Dieses Erfahrungswissen meldet sich und der Mensch weiß intuitiv, wann er es anwenden soll. Dieses Erfahrungswissen muss aber auch kultiviert werden: durch einen Sinn für Geschichte und Tradition. Und es spiegelt sich in Institutionen wider: in staatlichen, aber auch in privaten, wie etwa der Familie.

Burke war Brite. Und auch heute noch schauen viele Konservative aus Deutschland sehnsuchtsvoll in den angelsächsischen Raum. Denn dort ist das konservative Selbstbewusstsein ungebrochen stark, in Deutschland hingegen sorgte das vergangene Jahrhundert für Brüche. Eine entscheidende Zäsur bildet das NS-Regime. Denn einige, die sich selbst Konservative nannten, unterstützten Hitler auf seinem Weg zur Kanzlerschaft. Deswegen stand der Konservatismus in der Bundesrepublik immer unter Rechtfertigungszwang. Dazu trug auch eine Begriffsverwirrung bei. In der Zwischenkriegszeit bildete sich eine neue Bewegung, für die später der Sammelbegriff „Konservative Revolution“ gefunden worden ist. Die Vertreter dieser Richtung führten zwei Elemente zusammen, die eigentlich nicht zusammengehen können: Konservativ und gleichzeitig revolutionär, das geht nicht. Zumindest nicht, wenn man dem Ansatz von Edmund Burke folgt. Werte schaffen, die sich zu erhalten wieder lohnen – so beschrieb einer der Vordenker, Arthur Moeller van den Bruck, die Grundidee der „Konservativen Revolution“. Geprägt waren die „konservativen Revolutionäre“ durch den verlorenen Weltkrieg und den Zusammenbruch des Kaiserreiches. Sie hatten das Gefühl, dass dieses Alte, das da zusammengebrochen war, eben nicht erhaltenswert sei. Daher der revolutionäre Ansatz. Anleihen nahmen sie dabei auch nicht bei der britischen Tradition, sie bezogen sich oft auf völkische und anti-parlamentarische Ideen. Das schuf bei einigen von ihnen eine gewisse Kooperationsbereitschaft gegenüber dem Nationalsozialismus.

Wie wenig sich viele der Konservativen von heute mit der eigenen Ideengeschichte auskennen, zeigte sich Anfang des Jahres. Da sprach sich CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt für eine „konservative Revolution“ aus. Natürlich meinte er etwas anderes und wollte keine Anleihen bei der Bewegung aus der Zwischenkriegszeit nehmen. Ihm ging es darum, ein Signal zu setzen, um die demokratischen Konservativen der Gegenwart zu aktivieren. Freilich befanden sich die Konservativen so auch sofort in der Rechtfertigungsfalle. Statt über Inhalte zu streiten, ging es bald nur noch um den begrifflichen Fehlgriff.

Spannend wird nun sein, wie sehr der Wahlkampf um den CDU-Bundesvorsitz durch eine Konservatismus-Debatte geprägt sein wird. Eines steht jedenfalls fest: Jens Spahn, Friedrich Merz und Annegret Kramp-Karrenbauer gehören unterschiedlichen Flügeln ihrer Partei an. Sie sind aber alle konservativer als Angela Merkel.