Warum die Tötung von Verzweifelten keine Lösung ist

Aus christlicher Sicht gibt es Entscheidungen, die sich Menschen nicht zumuten müssen, weil sie ihren endlichen Horizont übersteigen. Von Heinz Josef Algermissen

Verzweifelte benötigen tatkräftige Hilfe und keine tödlichen Spritzen. Foto: Archiv
Verzweifelte benötigen tatkräftige Hilfe und keine tödlichen Spritzen. Foto: Archiv

Der Ständige Rat der Deutschen

Bischofskonferenz hat sich auf seiner Tagung in Kloster Himmelspforten

Anfang der Woche auch mit der

Diskussion über den assistierten Suizid befasst und seine Forderung bekräftigt, dass „jede Form des organisierten assistierten Suizids ausdrücklich gesetzlich verboten wird“. Aus gegebenem Anlass veröffentlicht „Die Tagespost“ hier einen Zwischenruf des Bischofs von Fulda

Der ehemalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering erklärte vor kurzem in einem Artikel der „Süddeutschen Zeitung“ zum „Recht auf sogenanntes selbstbestimmtes Sterben“: „Hier soll aus Angst vor dem unsicheren Leben ein sicheres Ende gesucht und der präventive Tod zur Mode der angeblich Lebensklügsten gemacht werden.“ Weil 2050 hierzulande etwa zehn Milli-onen Menschen über 80 Jahre alt sein werden, müsse man klären, wie man Sterben und Tod begreifen und geschehen lassen wolle. Die geforderte „freie“ Wahl des Lebensendes dürfe keine Lösung sein.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hat diese Position gegen einen vermeintlich leichten Ausweg noch einmal präzisiert: „Wer die Selbsttötung propagiert, als Ausdruck der Freiheit des Menschen geradezu verklärt, der versündigt sich an der Wertschätzung des menschlichen Lebens in allen seinen Phasen.“

Dass unterdessen eine heftige Debatte zum Problem „Suizid“ und „Sterbehilfe“ in Politik und Gesellschaft geführt wird, ist richtig und längst überfällig. Allerdings ist es hochnotwendig, dass wir als Kirche unsere Argumente und Position in den Diskurs mit einbringen.

Die Kirche hat die Aufgabe, den Unterschied zwischen Gott und Mensch, Relativem und Absolutem, Endlichem und Unendlichem zu verkünden. Praktisch bedeutet das, es gibt aus christlicher Sicht Entscheidungen, die sich der Mensch nicht zumuten muss, weil sie den endlichen Horizont eines endlichen Wesens übersteigen. Bei Entscheidungen über das menschliche Leben ist dies der Fall.

Der Theologe Karl Rahner sagt, der Mensch ist die Frage, die unausweichlich vor ihm selbst „aufsteht und die von ihm nie überholt, nie adäquat beantwortet werden kann“. Wir sind also stets mehr, als wir von uns sehen. Wer sich das Leben nimmt, reduziert sich aber auf das, was er auf schmerzliche Weise in sich wahrnimmt: Unglück, Lebensüberdruss, Krankheit und Angst. Und wer einen Menschen beim Suizid unterstützt, verhilft ihm dadurch nicht zu eigentlicher Freiheit. Er folgt seiner reduzierten Selbstwahrnehmung, statt ihm eine Öffnung seiner verengten Perspektiven zu ermöglichen. Das sage ich nicht, um Suizidenten zu verurteilen. Sie mögen unserem liebenden Gott anempfohlen sein, der heilen kann, was in ihrem Leben, von anderen oder ihnen selbst, zerbrochen wurde (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2283). Dies sage ich, um zu erklären, weshalb die Kirche niemals gutheißen kann, wenn auf eine tödliche Verzweiflung mit der Tötung des Verzweifelten reagiert wird.

Das gilt auch für eine Selbsttötung, ob nun assistiert oder ohne fremde Hilfe vollzogen. Wir Christen sehen uns auf das Beispiel Jesu verwiesen, der im Umgang mit Verzweifelten und Kranken stets lebensbejahende Solidarität zeigte (vgl. Mk 1, 40ff).

Ich fordere eine eindeutige Absage an jede Form der Suizidhilfe. Kranke und Leidende bedürfen keiner Unterstützung bei der Selbsttötung. Sie brauchen vielmehr echte Hilfe für ein schmerzfreies Leben in der äußersten Grenzsituation des Sterbens.

Weil es für mich ein fundamentaler Haltepunkt ist, möchte ich deutlich hervorheben: Die Gottebenbildlichkeit des Menschen, seine daraus resultierende Heiligkeit und seine ihm eigene Menschenwürde gelten bedingungslos und dürfen nie zur Disposition gestellt werden. Es darf somit auch keine Abstufung im Lebensschutz geben. Wer etwa am Anfang diesen Schutz unter Konditionen stellt, tut es auch am Ende des Lebens. Wer am Anfang und am Ende menschliches Leben nur graduell schützt, wird dies auch angesichts extremer, durch Krankheiten oder Unfälle erzeugter Situationen in der Spanne des Lebens zwischen Zeugung und Tod tun. Sehen wir also zu, dass die Dämme nicht noch mehr brechen!